Lyrics & freie Texte

Brathähnchen und Schokokuchen

Kristin Scheller

Ich balanciere das Tablett auf einer Hand, während ich mich mit der anderen durch den unruhigen Knäuel Menschen schiebe. Darauf bedacht, die Sektflöten nicht in einem feuchtfröhlichen Missgeschick gen Boden zu senden, gebe ich mich einer Endlosschleife von Entschuldigungen hin: „Verzeihen Sie bitte, tut mir leid, danke!“  Doch statt Rücksicht zu nehmen, sind die werten Gäste bemüht, mit stählernem Lächeln und berechnend zusammengekniffenen Augen solchen zu schmeicheln, denen sie die gesalzenen Fischeier eigentlich lieber ins Gesicht spucken wollen.

Vor dem Buffet tummelt sich die feine Gesellschaft; einige Damen schlürfen ihre Cocktails, die Lippen absurd gespreizt, um ihre Schminke nicht zu verschmieren. Die Herren halten sich an Bourbon - wer genießerisch daran riecht und das Aroma preist, beweist damit Klasse. Jeder der Anwesenden scheint der Meinung zu sein, er habe die Welt in sechs Tagen erschaffen und verdiene nun Lobpreisung. Eine Illusion von Erhabenheit umgibt sie, wie sie dort herumposieren - die Köpfe affektiert erhoben, die Beine steif durchgestreckt, gekünstelte Freundlichkeit versprühend – und ihre Dolce & Gabbana-Mode zur Schau stellen als machten die glänzenden Stoffe der Anzüge und roten Sohlen der Louboutins-Pumps sie Göttern gleich. Doch dann blicken sie mich mit toten Augen an, ihr Kinn emporgereckt, ihre Mundwinkel mitleidig erhoben und winken mich heran oder rufen mir gleich zu, dass sie doch gerne die nächste Runde hätten. Ich überhöre kulant das gewisperte „Aber pronto“. Bei genauer Beobachtung der Individuen in dieser Konsum-Monster-Masse verflüchtigt sich das Scheinbild wieder.

Wer sich hier umschaut, stößt auf allerhand Kuriositäten. Zwei Damen am Fenster schauen gehässig auf ihre Bekannte einige Meter weiter herab, und verweisen mit verzogenem Mund und zugekniffenen Augen auf deren Handtasche – Liebeskind. „Sie hätte für einen solchen Abend ja durchaus etwas mehr investieren können.“ Die knochigen Finger der einen umklammern wie zum Beweis ihrer Überlegenheit eine rosa glänzende Gucci-Clutch. Direkt neben den beiden schielt der Star des Abends, die volljährig gewordene Tochter eines Unternehmers, auf das Kollier der Frau in Beige; Neid verzerrt ihr Gesicht in unnatürliche Falten und gift-sprühend aufgerissene Augen. Währenddessen stopft sich ihr kleiner Bruder mit Schokotörtchen voll. Seine speckigen Wangen wölben sich unter dem Druck der Kuchenmasse, zu viel, um zu schlucken, aber viel zu wenig für seine gierigen Geschmacksknospen. Seine Hände sind mit der braunen Paste vollgeschmiert, und sein hochrotes Gesicht zeugt von einer ungesunden Mischung aus Erstickungsangst und beseeltem Glück. Die älteren Herrschaften lachen derweil herzlich über den ach so goldigen Anblick.

Ekel wallt in mir auf, bitter und beißend. Ich fühle mich umringt von Habgier, von Konsumsucht, von Mäulern, die einfach nicht zu stopfen sind, egal wieviel fettigen Kuchen und wieviel Geld man in sie hineindrückt; eine Gans, die sich nie stopfen lässt. Nur noch eine Stunde – dann würde ich Feierabend haben und heilsame Ruhe würde auf mich warten. Nach einer solchen Tortur habe ich mir eine Belohnung verdient … vielleicht würde ich mir ein Glas Wein zu meinem Brathähnchen gönnen und gemütlich in meine Badewanne steigen. „Dankeschön“, säuseln die Damen, denen ich den Sekt reiche, in einem schrillen Tonfall, der ein unangenehmes Brennen durch meinen Magen jagt, und ziehen die letzte Silbe in unproportionale Länge. Ich lächele süßlich zurück, woraufhin mir einige aus der Frauenrunde einen nicht allzu kleinen Schein zustecken – die mindeste Entlohnung für einen so unerträglichen Abend.

Maria Lassnig, "Die Wohlstandsgesellschaft", 1993 - © Maria Lassnig Stiftung, Wien

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