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Tor zur Hölle

Ankay Black

Wäre es nicht herrlich, wenn es im Himmel eine Tür zur Hölle gäbe? Wenn jeder, der nur hoch
genug fliegt oder genug Mut hat, sich Flügel wachsen zu lassen, irgendwann auf eine Tür träfe, die
unten eckig und oben ein Halbkreis ist und durch die man das unendliche Blau hinein ins dunkle,
blutige Rot verlassen kann?

Wieso muss die Hölle so weit unten, unter der Erde sein? Warum nicht, genauso wie das
sprichwörtliche Paradies, über den Wolken?


Wenn es so wäre, wenn ein Vogel sich ganz zufällig in der Flugbahn irrte und stattdessen bei eben
dieser Tür landete, was würde passieren? Die Tür könnte einfach offen stehen, ohne Schlüssel. Es
bräuchte auch überhaupt keine schlichte Tür zu sein, sondern ein Vorhang, ein Tor, ein Spiegel,
ein... Knick in der Dimension. Wie eine optische Täuschung. Wenn man nur einen Schritt, einen
Flügelschlag zu viel macht und plötzlich verrutscht das helle Blau und man findet sich in der
Unterwelt wieder. Gäbe es dann einen Weg zurück? Ein und dasselbe Tor, durch das man – Vogel
oder Mensch – einfach wieder in die gewohnte Umgebung zurück könnte? Oder ist diese Tür zur
Hölle eher einseitig? Hat der gefallene Engel einfach vergessen, sie zuzumauern, sie
abzuschließen? Wundert sich vielleicht der ein oder andere Höllenbewohner dann und wann, wie
um alles in der Hölle denn jetzt schon wieder jemand zu ihm gestoßen ist, der eigentlich nicht hier
her gehört? Oder herrscht dort sowieso das anarchische Chaos und niemand bemerkt die nicht-soganz-
schlimmen Sünder unter denjenigen, die es verdient haben, immer wieder im Feuer zu
büßen?

Vielleicht ist es aber auch ein perfider Plan von Gott, ein Kleiner-Jungen-Streich aus den Zeiten, als
er es noch amüsant fand, listige Schlangen und bösartige Brüder zu erschaffen. Vielleicht hat er
sich dabei irgendwann, den Kopf voller Leichtmut, überlegt: Was wäre, wenn es im Himmel ein Tor
zur Hölle gäbe? Um seinem abtrünnigen Erzengel eine Lektion zu erteilen, die so geringe
Auswirkungen hat, dass sie diesem wahrscheinlich nie so ganz auffiele, sondern immer mal wieder,
wie ein winziger Stein im Schuh, auftaucht und nach wenigen Augenblicken schon vergessen ist.
Vielleicht hat Luzifer aber auch so unauffällig wie möglich in das Paradies hineingepfuscht, um sich
zu rächen und ab und zu Gott dieses Stein-im-Schuh-Gefühl zu verpassen, wenn er erneut
vergeblich auf eine Seele wartet, die sich vor langer Zeit auf ihrem Weg durch den Himmel in der
Tür geirrt hat. Bis wir das wissen, lässt sich das „Was, wenn?“ unendlich weiterspinnen. Was wäre,
wenn es im Himmel ein Tor zu Hölle gäbe? Oder in der Hölle ein Tor zum Himmel?

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