KünstlerSigmar Polke

Sigmar Polke in 5 Werken

Die Sonderpräsentation der Malereisammlung Lambrecht-Schadeberg rückt aktuell den 11. Rubenspreisträger Sigmar Polke in den Fokus. Wir stellen fünf Werke daraus vor.

Sigmar Polke, Strand, 1966 - (c) 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn

Sigmar Polke, Strand, 1966
Sammlung Lambrecht-Schadeberg/Rubenspreisträger der Stadt Siegen (c) 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn

Von 1961-1967 studierte Sigmar Polke an der Staatlichen Akademie in Düsseldorf. Während dieser Zeit beschäftigte er sich neben der Malerei auch mit Drucktechniken und mit Fotografie. Eine exemplarische Verbindung dieser Medien ist die Arbeit ,,Strand“ aus dem Jahr 1966. ,,Strand“ ist bereits in der charakteristischen Raster-Technik gemalt, die Polke wenige Jahre zuvor in Auseinandersetzung mit Arbeiten der Pop-Art entwickelte. Als Vorlage diente eine gedruckte Fotografie, vermutlich ein Zeitungsbild.

Zu sehen ist ein Ausschnitt Meeresstrand, mit vielen Touristen zwischen Sonnenschirmen und Strandlaken. Ungefähr die Hälfte des Motivs nimmt der Horizont ein. Dies erkennt man allerdings erst auf den zweiten Blick, oder eher gesagt: auf den entfernten Blick. Denn steht man direkt vor dem ,,Strand“, verschwindet das Motiv in regelmäßig gesetzte Farbrasterpunkte. Mit zwei drei großen Schritten zurück ist die Sicht wieder eindeutig und klar.

Sigmar Polke macht hier weit mehr als ein in Rastertechnik gedrucktes Bild in Malerei zu übersetzen, die ihrerseits wieder die Technik des Rasters für ein Spiel mit der Wahrnehmung aufgreift. Polke bringt zudem die Betrachter aus dem Takt und in Bewegung. Er malt die reproduzierte Fotografie, um zu untersuchen und zu zeigen, wie man Bilder wahrnimmt und woraus sie bestehen; und dies kann man ruhig wörtlich nehmen: man sieht die Dispersionsfarbe auf der Leinwand, man versteht aber auch, dass reproduzierte Bilder aus Rastern bestehen und man diese in der Wahrnehmung zusammensetzt. So wird ein beiläufiger Schnappschuss zum bedeutungsvollen Malereikommentar – ein Anliegen, das uns bei Polke oft begegnet, dem wir aber noch weiter auf den Grund gehen sollten.

Sigmar Polke, Lösungen, I-IV, 1969 - (c) 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn

Sigmar Polke, Lösungen, I-IV, 1969
Sammlung Lambrecht-Schadeberg/Rubenspreisträger der Stadt Siegen
(c) 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn

Sigmar Polke, Lösungen, I, 1969 - (c) 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn

Sigmar Polke, Lösungen, I, 1969
Sammlung Lambrecht-Schadeberg/Rubenspreisträger der Stadt Siegen
(c) 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn

Mathematik und freie Kunst – nicht ausgeschlossen, dass beide Disziplinen sich ab und an überschneiden und beeinflussen. Komposition und Kontrolle gegen Impuls und Imagination? Bei der Bildreihe ,,Lösungen“ von Sigmar Polke ist es schwierig, wenn gar unmöglich einen eindeutigen oder gar mehrdeutigen Bildsinn auszumachen.

Eine streng formale Abfolge von Rechenbeispielen ist auf weißem Grund mit Lackfarbe fixiert, doch sofort wird der spielerische und humorvolle Ansatz deutlich, denn die ,,Lösungen“ widersetzen sich jeder Regel. Lediglich der Beginn mit der Zahl Eins erscheint nachvollziehbar. Hingegen spricht die Umkehrung der Schultafel-Ästhetik, die einen dunklen Grund mit weißer Schrift bevorzugt, wieder für die Unterwanderung der Konventionen.

Polke macht sich lustig über vermeintlich festgelegte Regeln. Nicht alles für bare Münze nehmen – oder eben als die richtige Lösung. So stellt er sich der deutschen Gesellschaft in den Nachkriegszeit entgegen, wo über Werbebilder, Konsumversprechen und das Teilhaben an der Wirtschaft kollektive Ideale und Ziele definiert werden. Polke positioniert sich einerseits gegen diese Werte. Andererseits präsentiert er eine handwerklich einwandfreie Ausführung der Aufschriften. Somit erfüllt er die Erwartungen an eine Leistung, durchkreuzt diese jedoch wieder durch ,,falsche" Lösungen. Ein nüchternes Werk, mit dem Sigmar Polke auf provozierende Weise ironisch das Zeitgeschehen kommentiert.  

Sigmar Polke, Ohne Titel (Quetta/Pakistan), 1974
Sammlung Lambrecht-Schadeberg/ Rubenspreisträger der Stadt Siegen - © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (Quetta/Pakistan), 1974
(c) 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/ VG Bild-Kunst, Bonn

Die Neuerwerbung "Quetta" aus dem Jahr 1974 ist eine großformatige Schwarz-Weiß-Fotografie, die mit Eiweißlasurfarbe und Goldlack im Nachgang ergänzt wurde. Auf einer Reise in den Westen Pakistans fotografierte Sigmar Polke eine Gruppe Männer, die vor einer ornamental verzierten Wand Wasserpfeifen rauchen und sich unterhalten. Die politische Lage in den 1970er Jahren ist nicht mit der heutigen zu vergleichen. So war es für Künstler und Aussteiger möglich, in diese Regionen zu reisen und die Kultur und Landschaften zu erkunden.

Der Abzug wirkt unscharf, Gesichter erkennen wir kaum bis gar nicht. Die Wasserpfeifen stehen als Motiv im Mittelpunkt. Was zunächst wie ein stark vergrößerter Reiseschnappschuss anmutet, wird schnell durch die Komposition interessant. Die Sitzbank bildet Linien auf die Mitte des Bildraumes zu. Die florale Wandbemalung teilt das Motiv ungefähr am oberen Drittel. Zusätzlich ist das einzige Gesicht, was wir halbwegs erkennen können, direkt an diesem Punkt platziert und lenkt den Betrachterblick auf sich. Rauchschwaden aus den Mündern der Pfeife rauchenden Männern tauchen als gestalterisches Element auf, denn Aussparungen oder andere Belichtungen lassen manche Bildteile blasser erscheinen.

Polke hat die Kleidung, die Ornamente und das Leben in Quetta natürlich in Farbe erlebt, die er aber nicht – wie vielleicht bei historischen Fotografien – im Nachhinein komplett koloriert. Stattdessen fügt er dem Fotoabzug malerische Spuren hinzu. Teils frei, teils gelenkt, indem er mit dem Pinsel Kratzer und Flecken verfolgt, die beim Entwicklungsprozess in der Dunkelkammer entstanden waren.

Sigmar Polke, Ohne Titel, 1983-2006
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen
Museum für Gegenwartskunst Siegen - (c) Estate Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel, 1983-2006
(C) The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn

Häufig haben Sigmar Polkes Arbeiten keine Titel, so auch dieses großformatige Gemälde, was er in den Jahren 1983-2006 immer wieder bearbeitet hat. Auf über zwei mal drei Metern breiten sich auf bedruckten Stoffbahnen, die der Künstler aneinander genäht hat, unterschiedliche Techniken aus. Dabei braucht es eine Weile, bis man das Bildgeschehen in seinen Grundzügen erfasst hat.

Eine weiße Leinwand ist bereits in den 1980er Jahren längst nicht mehr allgemeingültiger Bildgrund. Polke wählt Paisleymuster, Streifen oder Eichhörnchen-Drucke; vermutlich aus seinem großen Archiv von Stoffen, das er stets erweitert hatte. Alle weiteren Arbeitsschritte sind bewusst überlagert und vermischt: Blaue, schwarze und rote Linien in Sprayfarbe durchziehen den Bildraum. Weiße Farbe zitiert die Sprühlinien, bündelt sich an anderen Stellen aber wieder flächig und umkreist z.B. die Handabdrücke des Künstlers, die sich blassgrün zum plakativen Ornament auffächern. Ein dominierendes Element ist ein Rasterausschnitt rechts, der fast die Hälfte des Bildraums einnimmt.

In Polkes charakteristischen Rasterpunkten, die er u.a. im ,,Strand“ benutzt hat, vergrößert er den Ausschnitt aus Pieter Breugels Kupferstich ,,Die Sieben Todsünden (Neid)“ von 1558. Daneben, ebenso groß, sprüht er in Schwarz den Umriss eines Kirchenfensters, eine Anspielung auf seinen Auftrag zur Ausgestaltung der Kirchenfenster des Zürcher Grossmünsters, den er 2006 bis 2009 verwirklichte. In dem Werk hier bleibt der Fensterrahmen leer. So stehen die verschiedenen Bildzitate und Motive unverbunden nebeneinander. Sie verweisen allerdings wie auch die an magische Höhlenmalerei erinnernden Handabdrücke in spirituelle Dimensionen; und treten gleichberechtigt neben das malerische Handwerk, neben die vorgeführten malerischen Techniken und Gesten.

Sigmar Polke, Strahlen Sehen, 2006 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Strahlen Sehen (Jenseits des Regenbogens), 2007
(c) 2018 The Estate of Sigmar Polke/VG Bild-Kunst, Bonn

Sigmar Polke, "Jenseits des Regenbogens", 2007 - © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn

Sigmar Polke, Strahlen Sehen (Jenseits des Regenbogens), 2007
(c) 2018 The Estate of Sigmar Polke/VG Bild-Kunst, Bonn

Mit einer Vorlage aus vorherigen Jahrhunderten beschäftigte sich Sigmar Polke in der fünfteiligen Reihe ,,Strahlen Sehen“, die er anlässlich des 11. Rubenspreises 2007 in einer ganz neuen Technik anlegte. Die Linsenrasterbilder bestehen aus mehreren Schichten: auf eine Leinwand wird das Bild aufgebracht, darauf dann in kleinem Abstand die manuell gefertigten Linsen. Die Vor-Bilder entnimmt Polke dem Werk Johann Zahns; es handelt sich um Kupferstiche aus dem 17. Jahrhundert, die sich mit dem Thema Sehen befassen.

Zahn stützte sich auf antike Quellen und war der Auffassung, dass vom menschlichen Auge ausgehende Sehstrahlen jedes beleuchtete Objekt in allen seinen Details abtasten. Polke treibt diese Ebenen des Sehens weiter. Einerseits ist im Jahr 2007 natürlich hinlänglich bekannt, wie Bilder im Auge entstehen. Andererseits thematisiert Polke erneut die Zerstreuung des Motivs, indem er sowohl die Vorlage durch Verzerrung entfremdet; zum anderen auch die Rasterlinse auflegt, die zur Verzerrung beiträgt, da ihre Oberfläche wellenförmig ist. Der Betrachter/ die Betrachterin beschäftigt sich automatisch mit der Form und auch der Frage, wie Wahrnehmung entsteht – ebenso, wie Polke das tut. Bildgrund und Motiv werden voneinander getrennt und erst im Auge der Betrachtenden wieder zusammen geführt. Genau so verhält es sich mit den vom Auge ausgesendeten Sehstrahlen in Zahns Kupferstichen. Ist das Thema bei Zahn allerdings noch ein wissenschaftliches, aufgenommen in der zeitgenössischen Technik des Kupferstichs, wendet sich Polke vornehmlich künstlerischen Aspekten zu, der Wahrnehmung eines Kunstwerks, seiner Form und seiner Wirkung. Dabei bindet er das Publikum ein. Er verführt es zu sehen wie Sehen funktioniert.

Vorgestellt von Ann-Katrin Drews, Volontärin für Kunstvermittlung im MGK Siegen.

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