KünstlerSigmar Polke

Kuratoreninterview "Sigmar Polke und die 1970er Jahre"

5 Fragen an Friederike Korfmacher

Sigmar Polke galt unter den zeitgenössischen Malern als höhst kreativ und umtriebig. Unentwegt malte, zeichnete, collagierte, druckte, kritzelte, kopierte, filmte oder knipste er. Eine Pentax-Fotokamera und eine 16mm Beaulieux-Filmkamera waren Polkes ständige Begleiter. Leben und Arbeit fielen in den 1970er Jahren in eins. Das Museum für Gegenwartskunst Siegen begibt sich jetzt in einer Ausstellung auf die Spuren des Künstlers in jenen wilden, „nach-68er“ Jahren. Die Reise führt von einem niederrheinischen Bauernhof, dem Gaspelshof in Willich, über die künstlerisch und feministisch aktive Untergrundszene in Zürich nach Bern. Dazwischen begab sich Sigmar Polke auf ausgedehnte Reisen u.a. nach Sizilien, Afghanistan und Pakistan. Ein Interview von Stefanie Scheit-Koppitz mit der Co-Kuratorin der Ausstellung Friederike Korfmacher.

 

Stefanie Scheit-Koppitz: Was genau ist in der Ausstellung „Sigmar Polke und die 1970er Jahre“ zu sehen?

Friederike Korfmacher: Eine ganze Menge. Im Kern steht eine Gruppe von 85 Fotografien, eine Neuerwerbung für die Sammlung Lambrecht-Schadeberg aus den Jahren 1973-78. Wenn man sich die anschaut, dann erkennt man, dass sich ganz viele Facetten aus Polkes Interessen, seinem Leben und auch Alltag und dem Geschehen um ihn herum darin wiederfinden. Dem wollten wir in der Ausstellung nachspüren. Wir haben Themen herausgearbeitet und gefragt, wie lassen sich diese vertiefen, was hat Polke da noch gemacht, was geschieht in diesen Bereichen jeweils um ihn herum. Interessant ist auch, welche Ausdrucksformen andere Künstler aus seinem Umfeld finden, oder wo sich Ähnlichkeiten und Unterschiede ergeben.

 

Stefanie Scheit-Koppitz: Die Ausstellung trägt den Untertitel "Netzwerke. Experimente. Identitäten". Das ist ja vermutlich programmatisch zu vestehen?

Friederike Korfmacher: Genau! Weil bei Polke irgendwie alles mit allem zusammenhängt, kommt man dann schnell dazu, dass man auch nicht nur Fotografien zeigen kann, sondern die ganze Vielfalt des Schaffens aufgreifen muss. So ist die Ausstellung eine Mischung verschiedenster Medien und Techniken. Wir zeigen durchaus viele Fotografien, aber auch Zeichnungen, Editionen und einige Objekte und Leinwandbilder. Das klingt erstmal wild, aber wenn man die Auseinandersetzung wagt, dann entspannt sich über alles ein feinverzweigtes Netz roter Fäden.

Sigmar Polke und Achim Duchow, "Frau Pferd (Reiten für Deutschland)", 1975
Kunstmuseum Bonn - © 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/ Estate Achim Duchow/ VG Bild-Kunst, Bonn

Sigmar Polke and Achim Duchow, "Frau Pferd (Reiten für Deutschland)", 1975
Kunstmuseum Bonn
(c) 2018 VG Bild-Kunst Bonn; The Estate of Sigmar Polke

Memphis Schulze und Christof Kohlhöfer, "3,60 qm schön durcheinander", 1976-77 - (c) Estate of Memphis Schulze/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018; Christof Kohlhöfer

Memphis Schulze and Christof Kohlhöfer, 360 qm schön durcheinander, 1976-77
© 2018 VG Bild-Kunst Bonn/Estate Memphis Schulze; Christof Kohlhöfer

Stefanie Scheit-Koppitz: Das Interesse an Polkes Schaffen in den 1970er Jahren hat, wie es scheint, Konjunktur. Nach der Ausstellung „Wir Kleinbürger!“ 2009 in Hamburg, die erstmalig das kollektive Arbeiten in jenen Jahre vorstellte, und der großen Retrospektive „Alibis“ 2015 in Köln, war im letzten Jahr in der Kunsthalle in Düsseldorf die Ausstellung „Singular/Plural“ zu sehen. Hier wurde das gemeinschaftliche Arbeiten von Polke & Co im Rheinland vorgestellt. Das Museum Morsbroich in Leverkusen stellte in diesem Sommer in der Präsentation „Sigmar Polke. Fotografien 70 – 80“ über 500 fotografische Arbeiten Polkes aus dem Nachlass seines Sohnes Georg Polke aus. Warum widmet sich Siegen gerade jetzt dieser kollaborativen Phase in Polkes Schaffen? Oder anders gefragt: Haben wir nicht schon alles gesehen?

Friederike Korfmacher: Was die rheinländische Szene angeht - also die Szene um Sigmar Polke, Achim Duchow, Astrid Heibach, Christof Kohlhöfer, Memphis Schulze, Stefan Runge, Katharina Sieverding, Klaus Mettig u.a. - wurde diese Phase in der Düsseldorfer Ausstellung letzten Jahres tatsächlich sehr gut aufgearbeitet. "Singular/Plural" war eine wichtige Ausstellung, gerade in Hinblick darauf, die Einzelstellung, die Polke oft genießt, kritisch zu hinterfragen. Das wurde dort sehr engagiert getan. Dass wir im Grunde die Idee, die auch der Hamburger Ausstellung 2009 zugrunde liegt, Polke nicht nur alleine, sondern als Teil eines Netzwerkes zu zeigen, wieder aufgreifen kommt ja nicht von ungefähr. Das Kollektiv war in jenen Jahren unglaublich wichtig. Polke war sicherlich eine sehr starke treibende Kraft, aber es gilt immer zu beachten, dass er dabei auch viel von außen aufnimmt und eben sehr gewitzt und geschickt umsetzt. Wichtig ist für uns, dass der Eindruck Polkes als Teil eines umtriebigen Kollektivs auch hängen bleibt. Unbekannte(re)s ist dann eher in den schweizerischen Zusammenhängen zu finden, die wir beleuchten.

Gibt es denn auch ein Schweizer Kollektiv?

Zur Züricher Szene wird Katharina Steffen an dieser Stelle ja noch befragt. Im Kontext Bern sind es weniger die Positionen an sich, als eben die Verbindung und Schnittstellen zu Polke. Es gab in den 1970er Jahren ein gutes Kunstnetzwerk zwischen Rheinland, Bern und Amsterdam, getragen auch von Figuren wie etwa dem legendären Ausstellungsmacher Harald Szeemann. In diesem Netzwerk hat sich auch Polke bewegt. Wirklich Neues wird der heimische Betrachter vor allem im Züricher Kontext vorfinden, der in vielen Teilen unbekannt sein dürfte, was nicht nur mit der Distanz, sondern auch mit der Konstitution der dortigen Szene an sich zusammenhängt. Spannend ist jedenfalls, dass die verschiedenen Orte für Polke offenbar unterschiedliche Funktionen haben und unterschiedliche Impulse bieten.

Urs Lüthi und David Weiss, Laszy Days, 1974-2018 - (c) Urs Lüthi / Estate of David Weiss

Urs Lüthi und David Weiss, Laszy Days, 1974-2018
(c) Urs Lüthi / Estate of David Weiss

Urs Lüthi und David Weiss, Laszy Days, 1974-2018 - (c) Urs Lüthi / Estate of David Weiss

Urs Lüthi und David Weiss, Laszy Days, 1974-2018
(c) Urs Lüthi / Estate of David Weiss

Urs Lüthi und David Weiss, Laszy Days, 1974-2018 - (c) Urs Lüthi / Estate of David Weiss

Urs Lüthi und David Weiss, Laszy Days, 1974-2018
(c) Urs Lüthi / Estate of David Weiss

Stefanie Scheit-Koppitz: Die Fotografien von Sigmar Polke sind in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Sie geben private Momente wieder, sind Selbstporträts, Porträts von Freunden und Kollegen. Auch  Aktionsszenen, Reisefotografien und Stillleben sind darunter. Genau diese Mischung zeigt sich auch in der vom Museum neu erworbenen Fotogruppe. Wie muss man diese Fotografien verstehen – als ein willkürliches Sammelsurium aus Schnappschüssen neben komplexer gestalteten fotografischen Arbeiten?

Friederike Korfmacher: Ja, es gibt ein Nebeneinander der verschiedenen Arten von Fotografie. Das Fotografieren war wie gesagt eine Art Dauerzustand (im Grunde sind wir da ja heute wieder) und gleichzeitig gibt es im Leben von Polke & Co einen starken Hang zum Inszenieren, der meist aber auch sehr verspielt ist. Mir erscheint die Durchführung aber durchaus mit viel Bewusstsein vorgenommen. Bei so gut wie jedem Bild, das ich sehe, komme ich dahin, Gefallen daran zu finden, einen Mehrwert. Oft ist das eine unglaubliche Sensibilität in der Wahrnehmung, ein Gespür für den Witz im Banalen. Ein Beispiel dafür ist etwa, wenn Polke ein Bild oder eine Postkarte nochmal abfotografiert und damit seine Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, die er dem Motiv damit schenkt, gewissermaßen nachvollziehen lässt. Und dann ist da noch die zweite Ebene der Bildverarbeitung. Das heißt einerseits der Entwicklungsprozess, in dem Polke oft mit Überblendungen, Collagen und Verfremdungstechniken spielt und dann aber auch die Konstellation, in die Polke die Bilder setzt. Zu seinen Ausstellungen macht er in der Zeit oft Künstlerbücher, in denen er die Fotografien in neue Zusammenhänge stellt und seinen Freunden und Bekannten ließ er immer wieder kleine Fotopäckchen zukommen.

Die Frage nach der Autorschaft löst sich in diesen 1970er Jahren bei Polke im Künstlerkollektiv auf. Es war damals, so erzählen Zeitzeugen, nicht wichtig, wer auf den Auslöser drückte. Stimmt das?

Ja, das mit der Autorschaft ist so eine Sache. Polke soll ja immer eine Kamera um den Hals gehabt haben und diese wurde auch rumgereicht. Und klar, wenn Polke auf einem Foto zu sehen ist, kann er es nicht geschossen haben, trotzdem wird es ihm zugesprochen. Vermutlich hat das damals auch keinen interessiert, aber da wurden die Fotografien wahrscheinlich auch weniger als Werke verstanden. Darüber hinaus würde ich sagen, dass die Urheberschaftsfrage sich verschiebt, wenn man die Bedingtheit der Fotografien mal anders betrachtet. Wenn die Arbeit, die durch die Fotografien entsteht, weniger das Bild als solches meint, sondern vielmehr als das Netzwerk und die entstehenden Sinnzusammenhänge und die Betonung bestimmter Aspekte zu lesen ist – eigentlich fast schon ein kuratorischer Zugang… Die Arbeit im Fotolabor hat allerdings Polke selbst vorgenommen..

Stefanie Scheit-Koppitz: Auf die Arbeit im Labor sollten wir zum Abschluss noch einmal ausführlicher eingehen. Polke ist ja für seine ungewöhnliche, experimentelle Technik bekannt. Seine Fotografien stellen die Normen des Fotografischen hinsichtlich Schärfe und Belichtung auf den Kopf. Sie bleiben gewollt unscharf, verwischt, zeigen Flecken. Verfremdungen mittels chemischer Substanzen reizten den Künstler, wie auch Techniken der Mehrfachbelichtung, Überlagerungen etc. – Polke als Alchemist in der Dunkelkammer! Kannst du anhand von einem Beispiel die technischen Tricks genauer erklären, die Polke angewendet hat?

Friederike Korfmacher: In Polkes Bildern tauchen verschiedene fototechnische Effekte auf –  wenn man so will. Was davon durch Zufall, durch Ausprobieren oder eben vollkommen absichtlich entstanden ist kann man wohl kaum sagen. Ein tolles Beispiel finde ich die Reihe "A deux", von der wir drei Fotografien besitzen. In der Reihe ergibt sich eine kleine Abfolge, gleichzeitig Erzählstruktur und Bildvergleich – auch ein wichtiges Element bei Polke. Am Anfang steht ein Bild von Polke und Katharina Steffen: Ihr Kopf an seiner Schulter, sie lächelt, er vielleicht etwas nachdenklich. Ein schönes Bild, recht hell und sehr weich, und damit sehr atmosphärisch. Im zweiten Bild ändert sich die Konstellation schon etwas. Polke beugt sich zu Steffen, der Mund geöffnet, die Augen aufgerissen, ein bisschen schelmisch und in Richtung des Unheimlichen. Auch die Entwicklung des Bildes ändert sich. Das Bild ist viel dunkler als das andere. Es ist ein wenig verbräunt, was mitunter zustande kommen kann, wenn eine Fotografie bei der Entwicklung nicht lange genug im Fixierbad verbleibt. Das dritte Bild ist ein weiterer Abzug dieser zweiten Fotografie. Es erscheint mir in gewisser Weise als Konsequenz aus der Beobachtung der veränderten Situation: die Haltung der Figuren ist ähnlich wie zuvor, aber der Moment des Unheimlichen wird extrem verstärkt. Polke setzt die Solarisation ein, ein stilistisches Mittel dass wir vor allem von Man Ray kennen. Während der Belichtung wird kurz Licht hinzugeschaltet, wodurch die extremen Dunkelwerte im Bild verändert werden. Dadurch treten sie in diesem Fall deutlich grau und heller als in der bräunlichen Substanz des Grundbildes hervor. Die Züge der Figuren erscheinen dadurch schemenhaft. Polkes Zähne blitzen abwechselnd Weiß, Grau und Schwarz auf, die Augen erscheinen um die hellen Pupillen leer. Dazu ziehen sich noch vertikale Schlieren über das Bild, vielleicht hat Polke hier zuerst Entwickler oder Fixierer über das Papier laufen lassen. Man kann vielleicht Gitter assoziieren, oder ein Wald aus dünnen Bäumen. Das Bild wird jedenfalls aus der vorher zwar minimalen, aber doch klaren Räumlichkeit gelöst und die Gesichtsschemen schweben durch dieses Konstrukt.

Sigmar Polke, Ohne Titel (à deux I), 1975
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen - © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (à deux I), 1975
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen
(c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (à deux II), 1975
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen - © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (à deux II), 1975
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen
(c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (à deux III), 1975
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreis der Stadt Siegen - © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (à deux III), 1975
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen
(c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018