KünstlerTakako Saito

5 + 2 Fragen an Takako Saito

Kurator Johannes Stahl im Gespräch mit der Künstlerin

Johannes Stahl: „You and me“ hast Du Deine Ausstellung genannt, die gerade im Museum für Gegenwartskunst eröffnet wurde. Wer ist dieser „YOU“?

Takako Saito: Eigentlich jeder der die Ausstellung besucht.

Takako Saito, “Blaue Wand. You and Me”, 2015/2017
Ausstellungsansicht MGK Siegen - © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Schon im Museumsfoyer treffen die Besucher auf eine Arbeit aus der Werkserie "You and Me".

Takako Saito, Blaue Wand. You and Me, 2015/17
Ausstellungsansicht MGK Siegen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Museum

Zur aktiven Mitarbeit lädt die Künstlerin das Publikum ausdrückllich ein.

JS: Du hast Anfang der 1960er Jahre Japan verlassen und bist nach New York übergesiedelt. Wie war Dein Start in New York?

TS: 1964 bin ich nach New York gezogen, weil ich mir ein neues Leben aufbauen wollte. Kunst hatte ich in der Schule nicht gehabt. Als ich Japan in Richtung USA verließ, war ich keine Avant-Garde-Künstlerin und dachte nie, dass ich einmal als Künstlerin gelten würde. Allerdings hatte ich da schon eine Reihe Bilder und Zeichnungen gemacht. Sobald ich in New York war, fand ich einen Job als Putzfrau in einem japanischen Warenhaus. Eine der etwas alten und runden Frauen war sehr nett zu mir, an ihr Lächeln erinnere ich mich gut. Einmal im Jahr war Inventur, dann arbeiteten sie bis in die Nacht. Dann sollte ich für sie kochen. Das schmeckte allen, bis auf einen Mann, der auf mich ärgerlich war, weil er keine bevorzugte Behandlung von mir bekam, obwohl er mir zu dem Job verholfen hatte. Damals suchte jemand für ein neu eröffnetes makrobiotisches Restaurant einen Koch. Ich hatte das zwar nicht gelernt, ging aber hin. Zu meiner Überraschung stellte er mich und zwei Männer ein, ebenfalls Künstler. Also quittierte ich den Putzjob. [...] Kreativ zu sein oder Avant-garde: das heißt nicht nur Kunst oder Musik zu machen, wenn man nicht auch im Alltag kreativ ist.


JS: Damals hattest du Kontakt zu vielen Künstlern, die zur Fluxus-Szene gerechnet werden. Wenn Du zurückblickst auf Deine Zeit mit Fluxus in New York: wie war da genau Deine Rolle?

TS: 1964 kam ich nach New York, in die Canal Street, in einen von AY-Os Lofts. In dieser Zeit suchten viele der heute so genannten Fluxus-Künstler den Kontakt zu George Maciunas, machten Konzerte in seinem Loft. Ich wohnte direkt nebenan und machte zu dieser Zeit kleine Spiele oder Objekte. Andererseits ist es nicht gut, das nur auf Fluxus einzukreisen. Es gab da viele Szenen, die miteinander in Verbindung standen – und miteinander in Konkurrenz. Man ist da auch nicht immer gut behandelt worden.

Takako Saito, Takako Saito, Likörschach, 1965/73.
Sammlung Andersch, Neuss. - (c) VG-Bildkunst Bonn 2017, Photo: Carsten Schmale
Takako Saito, Baumpilzschachspiel, 1989
Ausstellungsansicht MGK Siegen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Carsten Schmale
Takako Saito, Schachschule für Mäuse, 1989
Ausstellungsansicht MGK Siegen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Carsten Schmale
Takako Saito, Fluxus Schachspiele.
Vorne: Ein Traum von Bauer, 1989.
Ausstellungsansicht MGK Siegen - (c) Takako Saito/VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Carsten Schmale
Takako Saito, Bodenschach, 2005
Ausstellungsansicht  Museum für Gegenwartskunst Siegen - (c) Takako Saito/VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Thomas Kellner
Takako Saito, Ohrschach #2, 1996.
Ausstellungsansicht MGK Siegen - (c) Takako Saito/VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Carsten Schmale

JS: Wie kamst Du zum Schach – und was fasziniert Dich so daran?

TS: Eigentlich hätte das auch alles andere sein können. Eines Tages fragte mich George Maciunas  ob ich Ideen für Schachspiele hätte. So fing das an. Ich skizzierte ein Gitter statt einem Schachbrett – und er war  richtig wütend, nicht selbst diese Idee gehabt zu haben. Es war oft schwierig mit diesem egozentrischen Mann, immer ein gespanntes Verhältnis. Für das Schach kamen immer weitere Ideen. Am Anfang waren da Schrauben und Muttern, Schachspiele mit verschiedenen Ebenen. Später kamen Klangschach, Geruchsschach, Jewels Chess, Gewürzschach …  .

 

Takako Saito, Performance "Flugzeugmusik", MGK Siegen, November 2017 - (c) Takako Saito und MGK Siegen. Photo TK
Takako Saito, Klangkleider, 2017 
Getragen bei der Performance "Klangkleidermusik" am 12.11.2017 im MGK Siegen. - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Museum
Takako Saito trägt ein Performancekleid (Buch Kleid, 2000).
MGK Siegen, November 2017. - (c) Takako Saito/VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Thomas Kellner
Takako Saito, Buchkleid, 1989-2005. Detail
Ausstellungsansicht MGK Siegen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Museum
Takako Saito, Spieloverall, 1989-2005. Detail
Ausstellungsansicht MGK  Siegen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Museum
Takako Saito, Kleidobjekt, 2012, Detail - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Museum

JS: Der Körper und Kleidung haben für Deine Performances immer eine große Rolle gespielt. Warum?

TS: Natürlich ist der menschliche Körper wichtig, egal ob weiblich oder männlich. Ich bin aber keine Feministin. Natürlich gibt es Probleme zwischen Frauen und Männern, aber zwischen Frauen oft ähnliche, das sollten wir nicht vergessen.
Meine ersten Modeperformances „Kommunikative Modenschau“ hatte nicht mit dem Körper im engeren Sinne zu tun. Das waren Spiele, mit geschriebenen oder gezeichneten Anleitungen. Bei der zweiten Performance war es dann den Aufführenden überlassen, was sie unter ihren Kostümen tragen wollten. Bei einer Performance in der Galerie Lara Vincy bat ich zwei befreundete Künstler, meinen Körper zu bemalen, von vorne und hinten. Das Kleid verlor sich bei der Performance Stück für Stück, und die Bemalung meines Körpers wurde sichtbar. Bei dieser Zusammenarbeit spielte der Körper eine wesentliche Rolle.

Takako Saito, Extra Do It Yourself Shop You + Me, 1994.
Ausstellungsansicht MGK Siegen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Museum

Siegen, Museum für Gegenwartskunst, 12. November 2017, 16 Uhr: Takakao Saito öffnet ihre Shops.

Takako Saito, Extra Do It Yourself Shop You + Me, 1994.
Ausstellungsansicht MGK Siegen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Museum
Takako Saito, You and Me Shop #1, 1994 (links) und Music Shop, 2000 (rechts)
Ausstellungsansicht MGK Siegen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Museum

JS: Was kann man eigentlich in Deinen Shops kaufen – und warum?

TS: Zunächst einmal kann man kleine Editionen kaufen. Dann gibt es die Möglichkeit, sich selbst etwas in den vorbereiteten Schalen zusammenzustellen, wie bei einem Imbiss mit Self-Service. Anschließend signiert das der Kunde - und ich werde das auch tun. An meiner Stellen könnten das auch die MitarbeiterInnen des Museums sein. In Duisburg hatte ich diese Situation schon einmal. Damals konnte das Museum das nicht so einrichten, aber die jungen Künstler, die ihre Arbeiten dort verkauften, signierten statt mir.


JS: Gibt es eine Grundregel, nach der Du lebst?

TS: Wenn ich versuche mein Leben zu gestalten, lebe ich sehr ärmlich, bin dabei aber nicht unglücklich. Andere haben mich deshalb kritisiert - als ob sie die Regeln der Welt kennen würden.
Avant-garde zu sein: das heißt für mich, mit einem flexiblen, freien Geist zu leben. Für ein Buch zu John Cage wurde ich nach einem Beitrag gefragt. Ich schrieb: „Listen to the hearts beating“ (und meine damit die Herzen aller Menschen). In dieser Hinsicht möchte ich mich soweit wie möglich öffnen, das ist mir wichtig.

[Das Interview wurde im November 2017 geführt und ab dem 8. 12. 2017 im Magazin des MGK Siegen veröffentlicht.]

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KünstlerTakako Saito, Performance "Klangkleidermusik", MGK Siegen, November 2017 - (c) Takako Saito und MGK Siegen. Photo Thomas Kellner

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KünstlerTakako Saito, November 2017.
You and Me. MGK Siegen - (c) Takako Saito/VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Photo: Thomas Kellner

Takako Saito. You and Me

"You and Me" nennt Takako Saito ihre Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst Siegen. Das freie Spielen und das gemeinsame Gestalten sind charakteristische Prinzipien ihrer Kunst, die sich ganz bewußt an das Publikum als Mitspieler richtet.ssk