KünstlerSigmar Polke

5 Fragen an Katharina Steffen

Ausgangspunkt der Ausstellung „Sigmar Polke und die 1970er Jahre“ ist eine Gruppe von 85 Fotografien von Sigmar Polke, die für die Sammlung Lambrecht-Schadeberg/Rubenspreisträger der Stadt Siegen neu erworben wurde. Die Fotos stammen aus dem Besitz der Schweizer Kunst- und Kulturanthropologin Katharina Steffen. Steffen war von 1974 bis 1978 die Lebensgefährtin von Sigmar Polke und war in jener Zeit aktiv in die Kulturszene Berns und ganz besonders Zürichs eingebunden. Wie sich das gemeinsame Leben und Arbeiten damals gestaltete verrät sie im Interview mit Museumsmitarbeiterin Stefanie Scheit-Koppitz.

 

Stefanie Scheit-Koppitz: Frau Steffen, als Lebensgefährtin von Sigmar Polke pendelten sie zwischen den Orten Willich (dem Gaspelshof, der von Polke 1972 gegründeten Kommune in der Nähe von Düsseldorf) und Zürich (Ihrem festen Wohnort) umher, unterhielten gleichsam regen Kontakt zur Kunstszene in Bern (der Wirkstätte von Harald Szeemann sowie der Galerie Toni Gerber) und unternahmen ausgedehnte Reisen. Ein ziemlich aufregendes Leben mit vielen Eindrücken, Aktivitäten und regem Austausch mit einer großen Zahl an ungewöhnlichen Menschen, wie mir scheint. Können Sie uns ein bisschen über ihre damalige Lebensphilosophie erzählen? Und würden Sie sich im Rückblick als politische Aktivistin bezeichnen?

Katharina Steffen: Ja, ich verstand mich durchaus als künstlerische und politische Aktivistin. Die 1970er Jahre waren in der Schweiz vielerorts eine sehr bewegte, energiegeladene Zeit – jedenfalls in den Szenen, in denen wir verkehrten. Sie waren lokal geprägt und gleichzeitig cosmopolitisch, traditionsbewusst und avantgardistisch.

Es herrschte Aufbruchstimmung. Wir waren überzeugt: Uns gehört die Gegenwart und die Zukunft! Wesentlich unbelasteter als etwa in Deutschland waren die äußeren und inneren Widerstände, mit denen wir zu schaffen hatten, nicht niederdrückend, "bleiern", sondern eher motivierend. Wir lebten fast ausschließlich in Wohngemeinschaften und Kommunen, in Arbeits- und Produktionsgemeinschaften, vielfach vernetzten Clans mit flachen Hierarchien. Die Handschrift des Einzelnen zählte wenig, entscheidend war, dass etwas Neues, Überraschendes zustande kam. Neue Formen des Ausdrucks, des Engagements und von Gemeinschaft wurden ausprobiert, Grenzüberschreitungen, Tabubrüche, Bewusstseinsexperimente und selbstverwaltete Betriebe waren/standen auf der Tagesordnung.Wir argumentierten mit Marx, Bakunin, Thoreau und flirteten selbstsicher mit Transgender-Glamour, das „Andere Geschlecht“/Weiblichkeit waren im Aufwind – schließlich hatten wir in der Schweiz, nach langen Kämpfen und vielen Rückschlägen, gerade das allgemeine Stimmrecht erworben: Wir Frauen waren also doch auch Menschen! Und Kunst war kein abgehobener Bereich für höhere Wesen, sondern eine anthropologische Konstante, d.h. ein Mittel, die Essenz des Lebens auszukundschaften und auszukosten. Eigenwillige Menschen mit knorrigen Lebensvorstellungen und ausgeflippten Ideen – und davon gab es viele – hatten einen Bonus.

Sigmar Polke, Ohne Titel (Katharina Steffen), um 1976 - (c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (Katharina Steffen), um 1976
Privatsammlung KS, Zürich
(c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Bob Carletti, Ohne Titel, um 1974/75 - (c) Bob Carletti

Bob Carletti, Ohne Titel, 1975/75
Privatsammlung KS, Zürich
(c) Bob Carletti

Sigmar Polke, Ohne Titel (Katharina Steffen), um 1976 - (c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (Katharina Steffen), um 1976
Privatsammlung KS, Zürich
(c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Stefanie Scheit-Koppitz: Sigmar Polke widmete sich damals vorwiegend der Fotografie. Seine Foto- und Filmkamera waren immer dabei. Was glauben Sie war für Polke während den gemeinsamen Schweizer Jahren prägend?

Katharina Steffen: Mindestens eine Kamera war immer dabei. Für Polke war es eine Art Credo. Viele haben es ihm gleichgetan, mit bemerkenswerten Ergebnissen. Sigmar selbst war ja ein äußerst attraktives Sujet, mit seinem Sinn für den Augenblick, seinem manchmal abstrusen Witz, seiner mäandrierenden Körpersprache.

Film und v.a. die Fotografie als künstlerisches Medium entsprachen dem Geist der Stunde. Seit die Leute Rimini entdeckt hatten, gehörte die Kamera zum allgemeinen Equipment, das Erstellen wie auch das Lesen solcher Bilder war soeben Allgemeingut geworden. Ich denke auch Polke hat Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre gleichzeitig mit dem Reisen das Fotografieren und Filmen für sich entdeckt, zuerst in Paris, dann in Pakistan, Afghanistan und São Paulo.

Ab da sind Bildexperimente zu sehen, wie sie ihn fortan beflügelten, auch später, als Maler. Befreit von der Frage nach der Grenze zwischen Kunst und Ramsch, Pfusch, Banalität eroberte er sich Neuland, mit dem Spürsinn eines Traumwandlers. Auch persönlich befand er sich anfänglich in einer Art Niemandsland, auf Identitätssuche, wie er 1975 Toni Gerber in einem Brief anvertraute. Zwischen Polkes Kapitalistischem Realismus und seinem alchemistischen Neubeginn liegen seine persönlichen „Roaring Seventies“, die nomadisierenden Jahre. Frei flottierend, leichtfüßig, zerrissen, absturzgefährdet, hinreißend.

Sigmar Polke, Ohne Titel (Galerie Toni Gerber, Bern), 1975-76
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreis der Stadt Siegen - (c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigma Polke, Ohne Titel (Galerie Toni Gerber, Bern), 1975-76
Sammlung Lambrecht-Schadeberg/Rubenspreisträger der Stadt Siegen
(c) The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Stefanie Scheit-Koppitz: Wie würden Sie die sicherlich sehr verschieden ausgeprägten Szenen in Willich/Düsseldorf oder Zürich beschreiben? In der Literatur liest man häufig, die Düsseldorfer Szene sei als Künstlerszene geschlossener in Erscheinung getreten, die Schweizer Szene habe sich dagegen offener, als eine Art Untergrundszene gezeigt. Nicht zu vergessen die große Präsenz der feministischen Künstlerinnen in der Frauenrakete in Zürich. Können Sie das bestätigen?

Katharina Steffen: Na ja, „Künstlerinnen"- wir setzten auf „Scharmintelligenz", um es mit einem zeitgenössischen Begriff zu sagen – mit überraschendem Erfolg. Wir wussten um die Gunst der Stunde, 1975 war „Das Jahr der Frau“: Angestoßen durch einen Delegierten der Stadt Zürich, organisierten wir die Ausstellung „Frauen sehen Frauen", eine Reihe von Spektakel- und Theateraufführungen und ein großes Fest im „Weissen Wind“. Wir nannten uns, unter anderem, die „Frauenrakete". Und wie das bei unbekannten Flugkörpern der Fall ist, setzten wir uns aus unterschiedlichsten Teilen zusammen, aus Wohngenossinnen, weiblichen Bohemiens, Politaktivistinnen, Kellnerinnen; Designerinnen waren dabei, Studentinnen aller Art sowie Kunstkritikerinnen und natürlich Künstlerinnen. Sehr lebendig und sehr durchmischt – aber leider auch sehr ephemer, mindestens als Gruppe. 

Ja, man kann die Gesamtheit der verschiedenen Gruppierungen als Untergrundszene bezeichnen, im Sinn des amerikanischen „underground", „die siin“ nannten wir selbst unsere vielfach verästelten Netzwerke. Da gab es individuell geprägte Beziehungen zu Rockern, zum maoistischen China, zur anarchistischen Bewegung in Italien, den Landkommunen oder zu Zappa, Wild Man Fisher, den Mothers of Invention. Am Tag wurde hitzig gestritten, spät nachts traf man sich teilweise in den gleichen Kneipen oder Clubs und zog am gleichen Joint.

Ich denke, die Schweizer Szene war radikaler als die jenseits der Grenzen. Dank diesem Durcheinander auf relativ kleinem Raum und dank der gewissen Narrenfreiheit jener Jahre. Wer im Ratingerhof in Düsseldorf verkehrte, war KünstlerIn oder Kunstinterpret. Doch gerade das Aufeinandertreffen von Gegensätzen gab der Schweizer Szene etwas Chaotisches, unvorhersehbar und elektrisierend.

 

 

Sigmar Polke, Ohne Titel (Frauenrakete), 1976 - (c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (Frauenrakete), 1976
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen
(c) The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (Frauenrakete), 1976 - (c) The Estate of Sigmar Polke/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (Frauenrakete), 1976
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen
(c) The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Stefanie Scheit-Koppitz: Da wäre natürlich noch die Berner Szene zu erwähnen rund um die Galerie Toni Gerber und um den legendären Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Wie dürfen wir uns das vorstellen? Wie oft waren sie dort und wie sah der Austausch aus?

Katharina Steffen: Kennengelernt haben wir uns in Bern, Sigmar und ich. An der Eröffnung des legendären Aarbergerhofes. Meine beste Freundin, Bettina Marbach, war dort Gerantin, Violette Moser war als Barmaid im Einsatz und ich als Kellnerin, alle ohne entsprechende Berufserfahrung. Dafür hatten wir den Charme der Newcomer und die Connections, die den Aarbergerhof von der ersten Stunde an zum In-Lokal machten. Harald Szeemann war natürlich mit von der Partie, er war wegen seiner neu gegründeten „Agentur für geistige Gastarbeit" vor Ort, und als großer Mittler und Vermittler, der alle persönlich kannte, stiftete er auch unsere Beziehung.

Meinen festen Wohnsitz hatte ich zwar bereits in Zürich, doch damals haben wir in der Wohngemeinschaft von Bettina und Trix Wetter gelebt, einem idyllischen Ort, direkt an der Aare. Es war immer viel los, Markus und Monika Rätz lebten zeitweilig dort, Polo Hofer, der u.a. mit seinem hinreißenden Warehuusbluus (frei nach Dylan) zur prägenden Figur des Berner Mundartrocks wurde und später zur nationalen Größe, oder Balthasar Burkhard, Schnyder, Urs Stoss kamen regelmäßig vorbei.

Es war vermutlich Toni Gerber und seine Künstler, die Sigmar nach Bern geführt hatten. Nach seiner großen Afghanistan-Tour (mit Peter Breslaw und Fredy von Beck) war er eine Weile etwas heimatlos, auf der Suche nach neuen Ufern.

Ich hingegen bin in Bern geboren und aufgewachsen, meine Adoleszenz fiel in die 1960er Jahre, als der amerikanische Jazz die Schweiz eroberte, ganz besonders Bern, mit seinen verschiedenen Konzert- und Tanzlokalen, den Underground-Poeten um Sergius Golowin, den Gelagen bei Luginbühls und natürlich mit Harald Szeemann. „Skandalumwittert", sei er, hatte ich in einer Besprechung seiner „Grossvaterausstellung" für die Tagespresse geschrieben. (Das bezog sich natürlich auf den enormen Aufruhr, den er 1969 mit „When Attitudes Become Form", ausgelöst hatte). Szeemann bedankte sich für den erwähnten Text, „aber warum immer skandalumwittert?“, schrieb er abschließend auf die Postkarte, auf deren Vorderseite ein jugendlicher Senn sich anschickte, aus einem Brunnen Wasser zu trinken, das klare Wasser kindlicher Unschuld!

Sigmar und ich hatten uns übrigens um eine gute Woche verpasst, vermutlich glücklicherweise. Besonders gesittet mussten er und seine Freunde sich an jener Vernissage nicht benommen haben. 

Sigmar Polke, Astrid Heibach, Katharina Steffen, Day by Day, 1975 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018; The Estate of Sigmar Polke; Katharina Steffen

Sigmar Polke, Achim Duchow, Astrid Heibach und Katharina Steffen, Day by Day, 1975
(c) The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Stefanie Scheit-Koppitz:  Wie eingangs gesagt arbeitete Sigmar Polke in den 1970er Jahren vorwiegend fotografisch. Eine Sonderstellung nehmen allerdings die großformatigen Gemälde der Serie „Wir Kleinbürger!“ aus dem Jahr 1976 ein, die 2009 in der gleichnamigen Ausstellung in Hamburg sozusagen wiederentdeckt wurden und mit der die politische Haltung von Polke sichtbar wird. Gleichfalls mit gesellschafts-politischen Themen angefüllt ist die 1975 entstandene Künstlerzeitschrift „Day by Day …They take some brain away“. „Day by Day“ erschien anlässlich der Biennale von São Paulo, ersetzte den Ausstellungskatalog und ist eine Gemeinschaftsproduktion von Sigmar Polke, Achim Duchow, Astrid Heibach und Ihnen. Können Sie uns die Entstehungsgeschichte schildern?

Katharina Steffen: Schauen sie sich in der Ausstellung das Foto vom chaotischen „Arbeitstisch“ an, mit meiner Olivetti Valentine und seiner Beaulieu unter Diarähmchen, Zeitschriften und Gewühl, dann bekommen sie einen Eindruck. Die gemeinsamen Jahre waren eine Zeit intensiver Zusammenarbeit. Sigmar hat für meine Abschlussarbeit in Volkskunde fotografiert (dabei ist u.a. die "Tour de Wurstsalat" entstanden), wir haben Tonaufnahmen gemacht (ed. „Unforgotten Documents“, 2011, hrg. von Walther König), Runge am Saxophon, Sigmar an der Gitarre und ich am Schlagzeug – eine Art Katzenmusik mit elegischen Passagen, Einladungen gestaltet, Ausstellungen, Editionen.

Für „Day by Day“ haben wir aus unserem beiderseitigen Bilderfundus geschöpft, ich v.a. für die „Männer- und Frauenseiten" aus meinem. Noch Jahre später habe ich Dias aus Sigmars großer Sammlung für eigene Arbeiten verwendet, etwa für mein Buch „Übergangsrituale“ (Ffm,1990) oder für die multimediale Produktion „Nightvision“ (Zürich, 1995-98). Überhaupt hat mir das Bildermeer, das wir damals gemeinsam durchkreuzten, noch lange gefehlt, die Bildhaftigkeit der Welt jener Jahre, wurde zur Jahrtausendwende hin unter einer Flut vorfabrizierter ikonographischer Kürzel verschüttet. Sei es aus Not oder aus purer Lust habe ich schließlich selber zu Tusche und Pinsel gegriffen.

Vielen Dank!