KünstlerSigmar Polke

Polke & Co auf dem Gaspelshof

Einblicke #1 in "Sigmar Polke und die 1970er Jahre"

Die 1970er Jahre erwiesen sich als Einschnitt in Sigmar Polkes Leben. Er distanzierte sich von seinem herkömmlichen Lebensstil, trennte sich von seiner Frau und räumlich auch von seinen Kindern. Es war ein Ausbruch aus einem bürgerlichen Leben, hin zu einem Leben, das sich neuen Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens öffnete.

 

Der Umbruch verdeutlichte sich vor allem örtlich. Ab 1972 mietete Polke zusammen mit seiner damaligen Lebensgefährtin Mariette Althaus einen Bauernhof in Willich nahe Düsseldorf – den Gaspelshof. Der Hof wurde zum Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens und stand insbesondere den Künstlerkollegen aus dem Rheinland als Treffpunkt sowie als zeitweiliger Wohnort offen.

Besonders aktiv am Leben auf dem Hof nahmen Achim Duchow, Memphis Schulze und Astrid Heibach teil, auch Stefan Runge und Siggi Krauss hielten sich längere Zeit vor Ort auf. Katharina Sieverding beispielsweise kam oft zu Besuch. 1974 trat die Züricher Kulturanthropologin Katharina Steffen als neue Lebensgefährtin an Polkes Seite und lebte fortan bis 1978 ebenfalls für längere Zeiten dort.

Sigmar Polke, Ohne Titel (Willich), um 1975-76
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen - (c) 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn

Sigmar Polke, Ohne Titel (Willich), um 1975-76.
(c) The Estate of Sigmar Polke/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Achim Duchow (1948 – 1993), Ohne Titel, 1975-76 (66 Polaroids) - (c) Estate Achim Duchow/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018. Foto: Carsten Schmale

Achim Duchow, Ohne Titel, 1975-76.
(c) Estate Achim Duchow/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018.
Achim Duchow war ein Schüler und Künstlerfreund Sigmar Polkes. Er lebte auf dem Gaspelshof und realisierte neben seiner eigenen Arbeit auch Ausstellungen und Projekte in Zusammenarbeit mit Polke. Seine Zusammenstellung von Polaroid-Fotos umfasst eine Auswahl an Schnappschüssen aus dem Leben der Gruppe.

Sigmar Polke, Ohne Titel (Willich), 1977-1978
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen - © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sigmar Polke, Ohne Titel (Willich), um 1975-76.
(c) The Estate of Sigmar Polke/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Auf dem Gaspelshof herrschte ein ständiges Ein und Aus, dabei blieb es den Besuchern frei, für eine Zeit zu bleiben, dort zu wohnen oder wieder zu gehen. In Willich erprobte die Clique rund um Polke ein ganzheitliches experimentelles Leben und Arbeiten ganz im Sinn des rebellischen Zeitgeists der 1970er Jahre. Die Künstler und Künstlerinnen verbanden die antibürgerliche Gesinnung und das Interesse am intellektuellen wie künstlerischen Austausch.

Das alternative Lebenskonzept spiegelte sich auch oder vor allem in der dort produzierten Kunst wieder. Polke & Co arbeiteten im Kollektiv. Auf dem Hof diente alles als künstlerische Vorlage, die bunten Plattenhüllen, die zahlreichen Magazine sowie Filme und Comics, von denen insbesondere Schulze umfangreiche Sammlungen besaß. Die Arbeit im Kollektiv bedeutete, dass Polke gemeinsam mit seinen Künstlerfreunden (und Freunden) malte, zeichnete, fotografierte und filmte. Jeder einzelne reagierte auf die Arbeit der anderen und brachte sich selbst mit ein. Somit entstand eine Pluralität, die die Grenzen der Autorschaft eines Kunstwerks verschwimmen ließ. Infolgedessen beeinflussten sich diverse Stile untereinander, wobei sich ebenfalls unterschiedliche Medien vermischten. Fotos, Zeitungsausschnitte, Zeichnungen und vor allem Comiczeichnungen flossen zusammen.

Sigmar Polke, "Telefonzeichnung", 1975; rechts: Memphis Schulze und Christof Kohlhöfer, "3,60 qm, schön durcheinander", 1976-77. (c) 2018 The Estate of Sigmar Polke/  Estate of Memphis Schulze/ VG Bild-Kunst, Bonn; Christof Kohlhöfer. Foto: Museum

Ausstellungsansicht "Sigmar Polke und die 1970er Jahre". Links: Sigmar Polke, Telefonzeichnungen, 1975. Rechts: Memphis Schulze und Christof Kohlhöfer, 3,60qm schön durcheinander, 1976-77.
(C) The Estate of Sigmar Polke/Estate Memphis Schulze/Estate Achim Duchow/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018.

Sigmar Polke, Telefonzeichnung, 1975. Detail
Kunstmuseum Bern, Schenkung Toni Gerber - (c) 2018 The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn

Detail. Die Telefonzeichnungen entstanden auf einem großen, neben dem Telefon platzierten Block. Viele Telefonbenutzer nutzten die Gelegenheit, um zu kritzeln, zu zeichnen oder sich Notizen zu machen. Im Liniengewirr lassen sich Unbewusstes, Nonsens und Poesie ausmachen. Polke überarbeitete die Blätter später und fügte Collagen hinzu.

Memphis Schulze und Christof Kohlhöfer, "3,60 qm schön durcheinander", 1976-77 - (c) Estate of Memphis Schulze/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018; Christof Kohlhöfer

Detail. Memphis (Jürgen Max) Schulze und Christof Kohlhöfer beteiligten sich an künstlerischen Gemeinschaftsarbeiten auf dem Gaspelshof. Das Bild mit Motiv-Anleihen bei Comic-Motiven, wie hier bei der Urzeitkrebs-Werbung, ist eine Mischung aus Malerei und Spraytechnik.

Die Lust am Experiment und das gemeinschaftliche Arbeiten prägte die Zeit zwischen 1972 und 1978. Der Gaspelshof in Willich lieferte dabei die optimale Umgebung, bot den Freiraum, die Freiheit sich künstlerisch und persönlich zu entfalten. Das Leben, die Kunst und das exzessive Daseinsgefühl des Kollektivs verschmolzen hier zu einem eigenen Kosmos, in dessen Mittelpunkt Sigmar Polke stand.

Ein Beitrag von Anna Siegemund, Kunstvermittlerin im MGK Siegen.

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