EntdecktJochen Lempert

Fotokünstler Jochen Lempert im Aufwind

Der Hamburger Fotokünstler Jochen Lempert wurde vor Kurzem mit einem wichtigen europäischen Fotopreis ausgezeichnet: Im November erhielt er den mit 14.500 Euro dotierten Camera Austria-Preis für zeitgenössische Fotografie der Stadt Graz. Unmittelbar danach eröffnete im Sprengel Museum in Hannover die große Ausstellung „Honeyguides“ (zu sehen bis 18. Februar). In Siegen werden ab 11. März Fotografien des Künstlers aus der eigenen Sammlung ausgestellt. Lempert präsentierte seine erste große Museumsausstellung 2005 im Museum für Gegenwartskunst Siegen.

 

Porträt Jochen Lempert - (c) Jochen Lempert und dpa.

Jochen Lempert (geb. 1958) ist Fotograf und ausgebildeter Biologe. Sein künstlerischer Blick ist dadurch eng mit dem wissenschaftlichen Denken verknüpft. Lemperts Fotografien zeigen Bilder von Tieren, Pflanzen, Menschen, dem Himmel, den Ozeanen, auch Strukturen und Mikrostrukturen interessieren ihn. Vom Betrachter fordern die Schwarz-Weiß-Fotografien ein analytisches, vergleichendes, zugleich assoziatives Sehen.

 „Jochen Lempert liebt Details, weiße Flächen, Abstraktion, kleine fotografische Fehler, Zufälle, Muster. Er lässt Glühwürmchen Filmstreifen belichten, nimmt Fotogramme von Sonnentau, Kirschblättern, Wasserläufern“, schreibt Daniel Völzke anschaulich im aktuellen Porträt des Künstlers im Monopol Magazin.

Die Fotografie dient Lempert der Dokumentation. Dabei greift er bewusst auf historische fotografische Verfahren zurück. Zur Aufnahme nutzt er die analoge Kamera und den Silberfilm oder kameralose, experimentelle Verfahren wie das Fotogramm. Dabei werden die Fotografien stets von Hand in der Dunkelkammer auf traditionellem Fotopapier entwickelt.

Jochen Lempert, Meeresleuchten, 2005 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2017

In vier Aufnahmen, die zur Sammlung Gegenwartskunst des Siegener Museums gehören, belichteten phosphoreszierende Meeresalgen autonom das lichtempfindliche Fotopapier. Die Algenart, die mit lateinischem Namen noctiluca scintillans heißt, erzeugten quasi aus sich selbst heraus eine Lichtspur, ein fotografisches Bild. Gleichfalls auf das Wesentliche reduziert, jedoch unter Zuhilfenahme der Kamera und des Lichts entstanden die Porträts von „Gordius“, einem in sich und um sich selbst schlängelnden Saitenwurm. Die dritte thematisch geschlossene Fotogruppe des Siegener Museums widmet sich heimischen Singvögeln. Sie zeigt drei Vogelporträts aus der Serie „Vogel in der Hand“ von 1998, den Zilpzalp, das Rotkehlchen und die Weidenmeise.

Ähnlichkeiten in der evolutionären Entwicklung bei Pflanzen und Tieren oder Tieren und Menschen (Koevolution) werden von Jochen Lempert ebenso erforscht und in fotografischen Gegenüberstellungen vor Augen geführt wie Imitationen in der Natur (Mimikry). Dies stets auf poetische, zuweilen sehr humorvolle Art und Weise. Darüber hinaus beschäftigt sich Lempert mit der musealen Repräsentation von Natur sowie den Ordnungssystemen und den Darstellungsweisen von Natur in Archiven oder wissenschaftlichen Abhandlungen.

Fototechnisch arbeitet der in Hamburg lebende Künstler analog, in Schwarz-Weiß-Technik. Die Abzüge werden von Hand in der Dunkelkammer entwickelt, gewässert und getrocknet. Die materielle Seite der Fotografie wird durch die oftmals unprätentiöse Präsentation zusätzlich betont: Lempert bevorzugt eine Hängung der Papierabzüge direkt mit Klebestreifen auf der Wand.

Stefanie Scheit-Koppitz