EntdecktWas macht eigentlich Vajiko Chachkhiani?

Heavy Metal Honey

Über den süßen und giftigen Stoff des Lebens. Ein Ausstellungstipp von Stefanie Scheit-Koppitz

 „Heavy Metal Honey“ – Schwermetallhonig nennt Vajiko Chachkhiani seine neue Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn. Der Titel ist metaphorisch zu verstehen, er bezieht sich auf den Kreislauf des Lebens und damit auf das Leitthema des 1985 in Tiflis, Georgien, geborenen und in Berlin lebenden Künstlers. Aufgespannt zwischen Leben und Tod, so könnte man folgern, bedingen magische Lebensspeise und toxische Bodenschätze – womöglich Restmüll – unser Dasein.

Zwei Filme und eine große, neue Rauminstallation stellt Chachkhiani, der 2014 den Rubens-Förderpreis gewann und im Museum für Gegenwartskunst Siegen seine erste große Einzelausstellung zeigte, vor. Alle Arbeiten hinterfragen die prägende Kraft von geschichtlichen Ereignissen auf unsere Identität. Chachkhiani nimmt ganz bewußt eine Abgrenzung zwischen dem Innenleben und der Außenwelt, der faktischen Realität, vor. Ihn interessiere, wie umfänglich Ereignisse, ob globale, landesspezifische oder familiäre Begebenheiten, unsere Identität forme, erklärt der Künstler im Begleitfilm zur Bonner Ausstellung. Aufgabe bleibe sich von der eigenen Geschichte zu lösen, sich von ihr zu befreien. Bezüge zur jüngeren Geschichte seiner Heimat sind stets präsent. 1991, nach Zerfall der Sowjetunion wurde Georgien unabhängig, in zwei Landesgebieten kam es zu Bürgerkriegen. Heute sucht das Land gezielt den Anschluss an Europa.

Einen künstlerischen Kommentar, der vortrefflich einen großen Bogen vom Historischen zum Individuellen spannt, liefert die filmische Arbeit „Winter, which was not there“.

Vajiko Chachkhiani, Winter which was not there, 2017 - (c) Vajiko Chachkhiani

2017 entstanden, eröffnet das Road-Movie den Bonner Ausstellungsparcours. Zu sehen ist ein Mann, der zusammen mit seinem Hund in einem schwarzen Pick-up über einsame Landstraßen durch Georgien fährt. Im Schlepptau zieht er dabei eine überlebensgroße Statue hinter sich her, ein Denkmal eines Unbekannten, so scheint es, die zuvor aus dem Meer (geboren und) geborgen wurde. Mit dem Gesicht nach unten wird erst das Gesicht, dann der gesamte Körper der Figur geschleift, bis am Ende nichts mehr übrig bleibt, außer der Vertäuung, die als lose Bänder durch Staub und über Asphalt streifen.

Chachkhiani verquickt in „Winter, which was not there“ virtuos Assoziationen an den archaischen Brauch, den ermordeten Feind als Beutestück und Trophäe gefesselt hinter dem Streitwagen herzuziehen sowie an das Schleifen monumentaler Herrschaftsdenkmäler nach Zerfall des sozialistischen Reiches. Damit nicht genug, das Hauptthema der filmischen Erzählung bleibt die Identitätsbildung bzw. ganz konkret die Befreiung von fest gewordenen Selbstbildern. Denn tatsächlich ist es kein politisches Feindbild, sondern das eigene Porträt, das lässig und selbstbestimmt zur Auflösung gebracht wird, ohne Pathos, als scheinbar alltägliche Handlung, beim Autofahren, begleitet von populärer georgischer Musik aus dem Autoradio.

Vajiko Chachkhiani, Winter which was not there, 2017 - (c) Vajiko Chachkhiani
Vajiko Chachkhiani, Winter which was not there, 2017 - (c) Vajiko Chachkhiani
Vajiko Chachkhiani, Winter which was not there, 2017 - (c) Vajiko Chachkhiani

Wie schon vor vier Jahren in seiner Siegener Präsentation überlagert Chachkhiani in der Präsentation von „Heavy Metal Honey“ viele verschiedene, teils poetisch-leise, teils skurril-kuriose, oft tragische, auch düstere Erzählungen zu einem dichten Geflecht von Themen, Aspekten, Gefühlen, Stimmungen. Alles bleibt unbegrenzt und fließend.

Viele Motive und Erzählstränge werden in einzelnen Ausstellungssektionen nur angedeutet, in anderen weiter ausformuliert. So wird das Motiv der gesichtslosen Person aus „Winter which was not there“ in der Skulptur „Worker without Face“ erneut aufgegriffen. Letztere ist Bestandteil der zentralen Arbeit „Secret that mountain kept“. Die Installation versammelt verschiedene skulpturale Arbeiten zu einem großen Raumbild, das künstlerisch seinen Ausgangspunkt in einer wahren Geschichte nimmt. Es handelt sich um eine Tragödie, die Schlagzeilen schrieb und die in ihrer Schaurigkeit zugleich mythologisches Potential besitzt. „Secret that mountain kept“ wurde motiviert durch die gewaltige Überschwemmungskatastrophe, die die georgische Hauptstadt Tiflis 2015 heimsuchte. Bei der Überschwemmung wurde auch der Zoo geflutet. Dabei konnten einige Wildtiere, darunter Löwen, Wölfe und Tiger, kurzzeitig entkommen. Bevor das Einsatzteam handeln konnte – die freilaufenden Tiere mussten erschossen werden – fiel ein hungriger weißer Tiger einen Mann auf dem Weg zur Arbeit an und tötete ihn.

Vajiko Chachkhiani, Secret that mountain kept, 2018
Ausstellungsansicht "Heavy Metal Honey", Bundeskunsthalle Bonn - (c) Vajiko Chachkhiani
Vajiko Chachkhiani, Secret that mountain kept, 2018
Ausstellungsansicht Bundeskunsthalle Bonn - (c) Vajiko Chachkhiani
Vajiko Chachkhiani, Secret that mountain kept, 2018
Ausstellungsansicht "Heavy Metal Honey", Bundeskunsthalle Bonn - (c) Vajiko Chachkhiani

In der Ausstellung bestimmen zerbrochene Käfigteile und Büsche, in deren Geäst sich Spielzeugtiere und Figuren eines zerbrochenen Karussells verfangen haben, den Raum. Dazwischen sind roh anmutende Betonskulpturen präsentiert. Sehr präsent ist ein zwar verwittertes, aber intaktes Gebäude aus Holz und Glas, ein Kiosk, der nur von außen einsehbar ist und nicht betreten werden kann. In seinem Innern befinden sich ebenfalls Gestrüpp und Büsche. Was es damit auf sich hat, erfahren wir jedoch nicht. Dazu bietet uns der Künstler keine Geschichte an. Es bleibt sein Geheimnis, wohl vom geheimnisvollen Berg umschlossen und bewahrt.

Im Filminterview mit der Ausstellungskuratorin erklärt Vajiko Chachkhiani, dass die gezeigten Spielzeuge als auch die Gitter größtenteils Originalfundstücke aus dem Jahr 2015 seien. Wie es scheint blieb auch der ausgestellte Kiosk nahezu unverändert. In gleicher Weise wie er in seiner Arbeit für die Venedig-Biennale 2017 eine Kate aus Georgien nach Venedig verfrachtete, oder für seine Ausstellung in Siegen ein kriegszerstörtes Waldstück aus Georgien in den musealen Kontext einschleuste, so vertraut Chachkhiani auch diesmal auf die dokumentarische Kraft und das narrative Potential der Fundstücke für seine Installationen. Wobei die tragische Begebenheit als einleitenden Text für das Kunstkonzept eine wichtige Stellung einnimmt.

Vajiko Chachkhiani, Heavy Metal Honey, 2018 - (c) Vajiko Chachkhiani
Vajiko Chachkhiani, Heavy Metal Honey, 2018 - (c) Vajiko Chachkhiani

Der psychologisch dichte Film „Heavy Metal Honey“ aus dem Jahr 2018 markiert das Ende der Ausstellung. Dieser Film steht ähnlich wie der erste Film der Ausstellung für sich. Er zeigt in cineastisch opulenter Bildsprache ein Familiensetting, das sich zwischen vermeintlicher Alltagsidylle, Tragödie und einem Horrorszenario bewegt. Dabei vermischen sich dokumentarische mit fiktiven Sequenzen voller surrealen Elemente. Schwermetallhonig. Der süße, zähe Honig wird – so die Aussage des Künstlers – hier ganz konkret zum Sinnbild für die internen, familiären Strukturen, das Schwermetall hingegen stehe metaphorisch für die individuelle Geschichte.

Virtuos bringt Vajiko Chachkhiani in seiner Ausstellung „Heavy Metal Honey“ Alltagserzählungen zum Einsatz, die großes metaphorisches, sogar mythologisches Potential besitzen und verflechtet diese zu einem narrativen Netz, das sowohl alle installativen Arbeiten als auch die Filme überspannt, ohne je pathetisch zu werden – eine sehenswerte, bittersüße Melange aus Schwermetall und Honig, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Zumal der Künstler ganz aktuell für einen weiteren Kunstpreis, den Kunstpreis der Böttcherstraße, Bremen, nominiert ist.

„Heavy Metal Honey“ ist noch bis zum 7. Oktober in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen.

Der Kunstpreis der Böttcherstraße. Eine Ausstellung mit Arbeiten der Nominierten ist vom 28. Juli bis zum 30. September in der Kunsthalle Bremen gezeigt.

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