361° MuseumWechselausstellungen

Bücher, Bilder, Bibliotheken

Abschiedsausstellung von Museumsdirektorin Eva Schmidt öffnet am Sonntag

Candida Höfers eindrucksvolle Bibliotheksfotografien zeigen Lese-und Archivsäle historischer oder zeitgenössischer Bibliotheken. Der Blick der Kamera lässt die dargestellten Bücherregale und Büchergestelle, Schränke, Sitzmöbel oder Archivboxen wohlgeordnet erscheinen. Das Besondere an den großformatigen Farbaufnahmen ist die Abwesenheit der Menschen: So gut wie nie sind Personen darauf zu sehen und doch wirken die Räume bewohnt, so als wären die Menschen nur kurz aus dem Blickfeld verschwunden.

Der strengen Symmetrie Höfers benachbart ist eine begehbare Rauminstallation des Bremer Künstlers Achim Bitter. Bitter hat dafür Gebrauchtmöbel verwendet, die er in Siegener Sozialkaufhäusern auslieh. Wie ein Abstelllager oder eine Baustelle kommt sein Ausstellungsbeitrag daher. Zwischen den Möbeln befinden sich wie zufällig abgelegte oder aufgeschlagene Bücher, Zeitschriften und Ausstellungskataloge. Natürlich hat der Künstler ganz bewusste Zusammenstellungen gewählt. Die Rohheit, das Nichtfertige, das Ambivalente, das Dazwischen-Sein ist Kalkül. Bitter bietet den Besuchern einen alternativen Raum an, eine – wenn man so will – subversive Nische innerhalb des Museumsbetriebes.

Hier, bei Höfer, das Repräsentative, die ehemals festgefügte Weltordnung im Motiv der Bibliothek. Dort die schrabbelige, provisorische Raumskulptur, die in ihrem unorthodoxen Auftreten für wildes Querdenken steht.

Candida Höfer, Pierpont Morgan Library New York IV 2001, 2001 - © Candida Höfer, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn
Candida Höfer, Sächsische Landesbibliothek Dresden VIII, 2002 - © Candida Höfer, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Achim Bitter, Ohne Titel (Bibliothek), 2001/2019
Installationsansicht GAK Bremen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Vier Bibliotheksfotografien Höfers sowie die offene Raumskulptur von Bitter sind ab dem 31. März im Museum für Gegenwartskunst Siegen ausgestellt. Sie sind Teil der Gruppenschau „Der Traum der Bibliothek“, die über 30, teils mehrteilige, teils raumfüllende Arbeiten von insgesamt 21 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern präsentiert. Alle Werke vereint, das sie thematisch und motivisch um Bücher und Büchersammlungen, um Buchobjekte, um Aufbewahrungsmöglichkeiten oder um künstlerische Ordnungssysteme für das Wissen kreisen. Das Spektrum deckt dabei eine Vielzahl künstlerischer Medien ab. Von der Fotografie über Bildhauerei und Malerei bis hin zu Installationskunst und Film sind verschiedenste künstlerische Sparten in der Siegener Themenausstellung vertreten.

In dem großen Ausstellungsrundgang, der sich über zwölf Räume des Museums erstreckt, treffen wir auf weitere Altbekannte. Auf Erwin Wurm beispielsweise, den österreichischen Bildhauer, der eine seiner berühmten One-Minute-Sculptures zeigt. Mit genauer Handlungsanweisung fordert er das Publikum zu einer temporären Aktion heraus. Man solle, so die schriftliche Anleitung, Bücher seiner fünf Lieblingsphilosophen nehmen, diese sich in bestimmter Weise zwischen Arme und Beine klemmen und damit eine Minute als lebende Skulptur verharren. Ein relativ neuer Bekannter in der internationalen Kunstszene ist der Finne Mika Taanila, der hier Teile seine Arbeit „The Remains of the Cinema“, entstanden 2017 für den nordischen Pavillon der Biennale in Venedig zeigt.

Mika Taanila, The Remains of Cinema, 2017 - (c) Mika Taanila
Erwin Wurm, One Minute Sculpture "Take your most loved philosophers", 2002
Mixed media. Performed by the public
Sculptures with embarrassment, StudioK - Museum of Contemorary Art Kiasma, Helsinki, Finland, 2002

Mit der Eröffnung der großen Themenschau verabschiedet sich Museumsdirektorin Dr. Eva Schmidt von ihrem Publikum. Fünfzehn Jahre lang hat Schmidt das Museum für Gegenwartskunst Siegen geleitet. Seit 2004 stand sie dem Haus als künstlerische Leiterin vor. Während dieser Zeit hat Schmidt über sechzig Projekte kuratiert und zusammen mit ihrem Team organisiert. Tatsächlich hat sich das Museum unter der Ära Schmidt zu einem Fixpunkt des Siegener Kulturlebens wie gleichfalls zu einem wichtigen Kunstzentrum innerhalb Nordrhein-Westfalens entwickelt. Das von Schmidt verantwortete Ausstellungsprogramm brachte dem Haus 2011 den Titel „Museum des Jahres“ des Kunstkritikerverbandes AICA ein. Nicht zuletzt verliehen die Rubenspreis-Ausstellungen, von denen Schmidt drei Werkschauen kuratierte („Sigmar Polke“, 2007; „Bridget Riley“, 2012; „Niele Toroni“, 2017) dem Museum ein bundesweites, sogar internationales Renommee.

Die Bibliothek und das Museum haben vieles gemeinsam. Beide beherbergen Sammlungen, wobei die Bibliothek, so könnte man sagen, ein benutzbares Museum der Bücher und Medien darstellt. Das Museum wiederum entwickelt für seine Sammlungen Ordnungssysteme ähnlich wie Büchereien für ihre Bücher. Und beide, Bibliothek und Museum, sind gegenwärtig Orte, die sich in die Gesellschaft hinein öffnen. Dies mit dezidiert demokratischem Ansinnen, Wissen für alle verfügbar zu machen. Die Siegener Werkschau zeigt, dass die Faszination Bibliothek ungebrochen scheint. Ob Fotografien prunkvoller Lesesäle, die noch eine festgefügte Weltordnung repräsentieren oder Filme von Spezialbüchereien am Ende der Welt – Büchersammlungen beflügeln nach wie vor unsere Fantasie und setzen unseren Wissensdurst in Gang.

Ein Vorbericht von Stefanie Scheit-Koppitz