361° MuseumKunstvermittlung

Man kommt runter

Meine erste Yogastunde - eine Reportage von Gastautorin Gabriele E. Vierschilling

„Yoga im Museum" lautete eine Pressemitteilung und nun bin ich neugierig und möchte selbst wissen, was Yoga bedeutet, wie ein solcher Kurs abläuft und ob sich durch Yoga irgendetwas tut, denn davon habe ich gehört: Yoga soll entspannen, entschleunigen.

Ich stehe vor dem Eingang des Museums für Gegenwartskunst und warte auf die weiteren Teilnehmer des Sommeryoga-Kurses. Schon kommt die nächste Kursteilnehmerin, die mir erzählt, warum sie schon so lange dabei ist, nämlich über acht Jahre. „Man kommt runter, ich bin dadurch gelassener, ruhiger geworden“, sagt sie. „Früher habe ich Aerobic oder andere Gymnastikübungen, die auf Schnelligkeit ausgelegt sind, gemacht. Das war aber mit zunehmendem Alter nicht mehr so mein Ding, und ich war auf der Suche nach einer langsameren Entspannungsübung. Schließlich bin ich beim Yoga angekommen, das ich nun schon sehr lange praktiziere.“

Mittlerweile haben sich 16 TeilnehmerInnen eingefunden. Dann trifft unsere Yogalehrerin Laura Rudolph ein. Gemeinsam gehen wir ins Museum in den 1. Stock. „Die Vorbereitung auf die Yoga-Stunde“, sagt Ann-Katrin Drews vom Museum für Gegenwartskunst, „läuft immer nach einem bestimmten Prinzip ab. Wir suchen uns ein Kunstobjekt aus, entweder aus der Rubenspreisträger-Sammlung oder aus der aktuellen Ausstellung. Wir stellen uns im Halbkreis vor dem Werk auf, besprechen die Thematik des Objektes und versuchen, eine Brücke zum Yoga zu schlagen.“

Heute interpretieren wir ein Gemälde von der britischen Rubenspreisträgerin Bridget Riley. „Uneasy Centre“, Emulsion auf Holz von 1963, heißt das Bild und ist in Schwarz-Weiß gehalten. Dadurch verweist es schon einmal auf das chinesische Yin-und-Yang-Symbol, das die gleichen Farben hat. Wir schauen auf den vermeintlichen Kreis und sammeln unsere Eindrücke. „Ich sehe eine Spirale“, sagt eine Teilnehmerin, „und ich einen Krater“, wirft die nächste ein. „Nein, es ist mehr ein Strudel“, meint die nächste und vergleicht das Bild mit einem kleinen See, in den ein Stein geworfen, Wellen schlägt. Drews berichtet, dass das Bild in der Tradition der Op-Art (= optische Kunst) von Bridget Riley gemalt wurde und dass es dabei um Plastizität gehe, um die Dynamik im Auge des Betrachters. Nun ja, die Überleitung zum Yoga haben wir ja schon: Im Zeichen „Taiji“ steht das weiße Yang für hell, hart, heiß, männlich, aktiv; das schwarze Yin für dunkel, weich, kalt, weiblich, passiv.

Sommeryoga - (c) Diehl

Yogalehrerin Laura Rudolph vor einem Gemälde von Bridget Riley.

Sommeryoga - (c)mgk_siegen

Im großen Museumssaal legen wir unsere Yogamatten aus. Legere Kleidung, die Bewegungsfreiheit garantiert, ist unabdingbar, unsere Schuhe ziehen wir auch aus. Laura Rudolph beginnt mit einer Entspannungsübung; im Hintergrund läuft leise Musik. Laura macht jede Übung einmal vor. Wir legen uns rücklings auf die Matten, Arme und Beine liegen entspannt neben unserem Körper.

„Beobachtet euren Atem“, sagt Laura Rudolph, „ist er flach, lang, tief. Laura  fordert uns auf, die Augen zu schließen, das Brustbein anzuheben, so dass sich die Wirbelsäule streckt beim zweiten Einatmen. Ich merke, wie ich allmählich langsamer atme und beginne, die Welt um mich herum zu vergessen. Ich spüre jetzt meine Muskeln wie schon lange nicht mehr und merke auch, wie verspannt ich generell bin. Den „Sonnengruß“, so heißt die Yogaübung, wiederholen, dabei zuerst das rechte Bein nach hinten strecken. Dreimal sollen wir die Übung machen, um unsere Muskeln aufzuwärmen. Das ist auch bitter nötig, merke ich, denn bereits bei dieser Aufwärmübung schmerzen meine Muskeln. Zuerst habe ich gedacht, das wird nicht so anstrengend werden, aber jetzt muss ich eingestehen, dass Yoga es in sich hat. Die einzelnen Bewegungsabläufe sind zwar langsam, beanspruchen jedoch Muskeln und Faszien und treiben einem allmählich den Schweiß auf die Stirn. Das erstaunt mich, denn mit dieser Intensität hatte ich nicht gerechnet.

Der „Abwärtsschauende Hund“, ist eine zentrale Yogaübung. Zuerst kniet man, der Po liegt auf den Fersen auf, man stellt die Zehenspitzen auf, die Knie spreizt man hüftbreit auseinander. Dann streckt man die Beine und die Arme aus, so gut es geht. Den Kopf in der Verlängerung der Wirbelsäule halten, tief durchatmen. Es strengt an, keine Frage …, aber in der Entspannungsphase sind meine Gliedmaßen dann wie schwerelos, ein herrliches Gefühl, das ich gerne am ganzen Körper spüren würde. Auch atme ich jetzt ruhiger, bin gedanklich weit weg vom Alltag und stellte fest, dass es stimmt: „Man kommt runter.“

sommeryoga - (c)mgk_siegen

Gruppenfoto aus dem Jahr 2018, anlässlich des 10. Sommeryoga-Kurses im Museum. Den Blumenstrauß an Rudolph überreichte die ehemalige Museumsmitarbeiterin Karin Puck.