361° MuseumAusstellung "Der Traum der Bibliothek"

Einblicke #2:


Der Künstler als Navigator im Meer der Moderne

Die Installation "Pirates' Who’s Who" von Saâdane Afif ist Teil der Ausstellung "Der Traum der Bibliothek". Der Künstler lädt zum Nachdenken über die Tendenzen unserer Zeit ein: Informationsfluss, Digitalisierung, Globalisierung, Konformität und noch viel wichtiger, zur Suche nach einem Weg durch das vermeintlich unendliche Chaos des 21. Jahrhunderts.

 

„Es gibt keinen Unterschied zwischen dem, wovon ein Buch handelt, und der Art, in der es gemacht ist. Deshalb hat ein Buch auch kein Objekt. Als Gefüge besteht es selber nur in Verbindung mit anderen Gefügen, durch die Beziehung zu anderen organlosen Körpern. […] man soll in einem Buch nicht etwas verstehen, sondern sich vielmehr fragen, womit es funktioniert […].“ – Gilles Deleuze (1)

(c) Sabine Reitmaier
(c)Chr-Diehl

Was bedeutet heute Verstehen? Was heißt es in einer Welt des Überflusses an Informationen und Kommunikation zu lesen oder zu schreiben? Die genealogische Installation "Pirates' Who’s Who", 2000 bis 2019, des französischen Künstlers Saâdane Afif vermittelt uns eine Auseinandersetzung mit dem Thema der zeitgenössischen Gesellschaft. Diese erscheint hier in Form einer Ästhetik der Querkommunikation. Sie thematisiert den Zugang zur modernen Kultur sowie zu einem globalisierten Gemeinwissen, welches zunehmend auf das Internet ausweicht.

"Pirates' Who’s Who" besteht aus einer Sammlung von Büchern über die Piraterie. Die kleine Bibliothek versammelt sich auf vier wellenförmigen Regalen mit dem Namen „Lovely Rita“, die vom britischen Industriedesigner Ron Arad entworfen wurden. Das Regal erscheint schwerfällig, unpraktisch und lieblos bestückt. Durch die Hinzunahme des grün schimmernden Farbstroms, der an der Wand hinunterläuft, unterscheidet sich Afifs Arbeit von einem Objet-trouvé im engeren Sinne. Zudem wird die Arbeit von sieben Songtexten anderer Künstler begleitet, welche die Wände um das Regal zieren und ein Geflecht aus Bezügen, Zitaten, Umformungen und Verbindungen herstellen. So wird in manchen eine „Lovely Rita“, die uns ebenfalls an die Beatles denken lässt, besungen. Ein anderer Text besteht aus dem Song Imagine von John Lennon, jedoch wird hier jedes Wort rückwärts geschrieben. Ein anderer besteht aus einer Downloadliste. Zudem finden sich auch einige Motive der Seefahrerei sowie der Piraterie in den Texten wieder. So entsteht um das Regal herum ein dichtes Geflecht, ein Knoten aus Verweisen. Das Werk Afifs stellt ein Nachdenken über die Aneignung und Reinterpretation von Praktiken zeitgenössischer Kunst dar. Infolgedessen dehnt sich die Form seiner Arbeit unendlich aus und befragt zugleich die Genealogie einer libertären Gemeinschaft durch die Ausarbeitung einer Mythologie der Freibeuterei. Der Titel – Pirates Who’s Who – evoziert ein kulturelles Lexikon einer Welt, die sich absolut der Fiktion verschrieben hat, einer Welt, die sich aus Legenden und erfundenen Figuren zusammensetzt: die Welt der Piraten. Gleichzeitig erinnert er indirekt an die Praktiken der Kunst, an Zitate, Aneignung, Wiederverwertung und Umformung. Man denkt hier unweigerlich an die Arbeiten Duchamps oder Picassos Tête de taureau, hergestellt aus Sattel und Lenker eines Fahrrads, aber vor allem an die Künstler der Nouveau Réaliste der 1960er Jahre. Diese Beispiele zeigen, dass der Künstler in der Rolle des Piraten immer Grenzen überschreiten und Hierarchien durchbrechen muss. Die Globalisierung der Kultur sowie die Bereitstellung von Wissen durch das Internet bringen die notwendigen Bedingungen sowie Ideale eines universellen Wissens hervor, welches für jeden gleichermaßen zugänglich ist. Die Kultur des 21. Jahrhunderts produziert so ein kaum noch zu durchschauendes Feld, das viel mehr einem Wurzelgeflecht – einem Rhizom (2) – als einer Einheit gleicht. Afif scheint in der Figur des Künstlers eine Möglichkeit der Navigation durch dieses Chaos der Hypertextualität zu sehen. Afif selbst adaptiert in seiner Kunst die Strategie der Piraterie, um sich der Komplexität der modernen Welt entgegenzustellen, indem er Installationen erschafft, die ein unerwartetes Aufeinandertreffen von Objekten und Disziplinen ermöglichen. In diesem Sinne ist er eher ein Pirat als Künstler der Wiederverwertung, ein Erforscher des Informationsgefüges, der diese vernetzte Welt durch die Kunst offenlegt und neue Verbindungen schafft. Er setzt die lexikalischen Parameter zurück indem er mit Konventionen spielt und Formen der Entfremdung erzeugt. Der Realität entnimmt er Ereignisse, Zeichen und Begegnungen um eine poetische Verschiebung unter der Form des Artefakts vorzunehmen, die zugleich offen und synthetisch bleibt. Dieses Vorgehen der Adaption, das auf die prekäre Lage der modernen Gesellschaft eingeht, orientiert sich beispielsweise an den Methoden der Montage, des Cut-Up William S. Burroughs, der Kompilation und des Prototypischen. Afif arbeitet mit Nebensächlichem, Sekundärem und navigiert mit Hilfe des schöpferischen Akts durch das zunehmende Chaos der globalen Welt und antwortet somit auf die Gefahr einer Konformität der Kulturen.

(c) Thomas Koester

Als Teil der Ausstellung "Der Traum der Bibliothek" thematisiert Afif mit "Pirates' Who’s Who" auch die Praktiken des Lesens und Schreibens. Diese haben sich in den Zeiten des Internets wesentlich verändert und eine völlig neue Bedeutung erhalten. Laut dem französischen Philosophen Pierre Lévy verschwimmen im Hyperspace die Grenzen zwischen Bild, Sprache und Schrift.(3) Es gibt dort keinen Ursprung, keine Einheit und keine Linearität. Eine objektive Erfassung der Wirklichkeit scheint nicht mehr möglich zu sein. Das herkömmliche Buch hat ein Objekt dargestellt und blieb dabei organisch und subjektiv. In der modernen Gesellschaft hat es kein Objekt mehr, es ist selbst nur noch Verkettung und dabei mit anderen Verkettungen verbunden. Ein Buch gleicht daher eher einem Wurzelgeflecht, welches Vielheit durch unendliche Verbindungsströme ausdrückt. Die Lektüre wird dadurch kaleidoskopisch. Das veranschaulicht die Form von Pirates Who’s Who, denn die Büchersammlung und die Texte an den Wänden sind miteinander „vernetzt“, der Betrachter und nicht der Künstler entscheidet wie gelesen werden muss. Der Autor eines Hypertexts überlässt – anders als der herkömmliche Buchautor – seinem Leser nur ein komplexes Bild seiner Gedanken. Dabei gibt er nicht vor wie gelesen werden soll, es gibt keine Chronologie, kein Richtig oder Falsch. Der Leser komponiert selbst seinen Weg durch das Geflecht von Inhalten und Gedanken. Wodurch Lesen nicht länger passiver Rezeptionsakt bleibt, sondern eine Interaktion zwischen Autor, Leser und Text. Indem der Leser sich von Link zu Link hangelt, erschafft er selbst ein Rhizom, neue Verbindungen und Schnittstellen: ein neues und individuelles Gedankenkonstrukt innerhalb der offenen Form des Textes. Denn das Wurzelgeflecht ist nicht starr, es kann an jeder beliebigen Stelle durchbrochen werden, wodurch es von neuem beginnt zu wuchern. Zudem kann jeder Punkt mit jedem anderen beliebigen Punkt verbunden werden, wodurch unendliche viele Verbindungen möglich werden: „Ein Rhizom hat weder Anfang noch Ende, es ist immer in der Mitte, zwischen den Dingen, ein Zwischenstück, Intermezzo.“(4) Als Künstler partizipiert Afif gleichermaßen an der Strukturierung des Hypertextes, indem er alte Verbindungen zerbricht und neue erschafft. So navigiert der Künstler sich und den Betrachter durch das trübe Meer einer Welt, die keinen Ursprung und keine Einheit mehr zu kennen scheint. Symptomatisch ist für die moderne Gesellschaft, dass sich der Künstler sowie das Individuum vor einer Anhäufung von Wissen und Praktiken wiederfinden und es dennoch unmöglich scheint diese einzufangen oder zu sammeln. Darum muss der Künstler diese neu zusammensetzen und anordnen, musikalisch erfolgt das beispielsweise in Form des Samples oder des Remix. In gewisser Weise sampelt der Künstler die Kultur. Der französische Kunstkritiker und Kurator Nicolas Bourriaud, der Pirates Who’s Who 2014 in seine Ausstellung Playlist aufgenommen hat, definiert den modernen Künstler daher wie folgt:

„Was es ermöglicht Künstler mit derart unterschiedlichen Zielen und Methoden an einem Ort zusammenzubringen, ist der Umstand, dass sie alle bei ihrer Arbeit von einer gleichen Intuition (bzw. Vorstellung) des zeitgenössischen mentalen Raums ausgehen; dass sie die Kultur zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ein unendlich chaotisches Feld wahrnehmen, in welchem der Künstler den Navigator par excellence  darstellt“ (5)

Michael Thuge

(c) CSchmale
(c) Sabiene Reitmaier

1 Gilles Deleuze: Tausend Plateaus, Berlin 1992, S.13
2 Das Rhizom in diesem Sinne ist ein Konzept, das von Felix Guattari und Gilles Deleuze in ihrem Gemeinsamen Buch Tausend Plateaus ausgearbeitet wird und der Botanik entliehen ist.
3 Pierre Lévy: Qu’est-ce que le virtuel ?, Paris 1995, S.42
4 Gilles Deleuze Ebd., S.41
5 In eigener Übersetzung aus dem Katalog der Ausstellung. Nicolas Bourriaud: https://www.paris-art.com/playlist-5/.  „Ce qui permet d’agréger au sein d’un même lieu des artistes poursuivant des buts et employant des méthodes si hétérogènes, c’est le fait qu’ils travaillent à partir d’une similaire intuition de l’espace mental contemporain ; qu’ils perçoivent la culture de ce début du vingt-et-unième siècle comme un champ chaotique infini dont l’artiste serait le navigateur par excellence.“ Die Ausstellung Playlist war im Palais de Tokyo in Paris vom 12. Dezember bis 25. April 2004 zu sehen.