361° MuseumAusstellung "Landschaft, die sich erinnert"

Paul Virilio: Bunker-Archäologie

Einblicke in die Ausstellung "Landschaft, die sich erinnert"

Der französische Philosoph Paul Virilio wuchs in der Bretagne auf. Am Ende des 2.Weltkrieges 1945 war er dreizehn Jahre alt und hatte noch nie das Meer, an dem er lebte, gesehen. Es war von den deutschen Besatzern für die Bevölkerung unzugänglich gemacht. Der Atlantik Wall riegelte seit 1942 die bretonische Küste vom Hinterland ab und versperrte den Zugang für die Bewohner auf einer Länge von 2685 km. Das Erste, was Virilio während seines Strandbesuches im August 1945 auffiel, war die unendliche Weite des Ozeans: „Die Entdeckung des Meeres ist eine kostbare Erfahrung, die es verdienen würde, dass man über sie nachdenkt.“ Die zweite Entdeckung waren die gewaltigen Bunkeranlagen, die nun verlassen und nutzlos den Strand beherrschten: „Die Bedeutung dieser unendlichen Weite des Meeres war für mich untrennbar verbunden mit diesem Anblick eines verlassenen Schlachtfeldes.“

Es dauerte jedoch noch weitere dreizehn Jahre, bis Virilio 1958 mit einer umfassenden und systematischen, im klassischen Sinne archäologischen, Arbeit zu den Bauwerken des Atlantik Walls begann.

„Die auslösende Begebenheit - die Entdeckung, ganz im archäologischen Wortsinn - ereignete sich im Sommer 1958 (…) Ich stand gegen ein Betonmassiv gelehnt (…) ein Block aus schräg abfallendem Beton, ein wertloses Ding, das mein Interesse lediglich als einen Überrest aus dem 2.Weltkrieg zu wecken vermochte Ich stand auf und beschloss, um dieses Bauwerk herumzugehen, so als sähe ich es zum ersten Mal (…) An diesem Tag wurde der Plan geboren, die bretonischen Küsten zu inspizieren, indem ich mich, zumeist zu Fuß, immer weiter an der Brandungslinie entlang bewegte… Mein Vorhaben war rein archäologischer Natur. Ich jagte diese grauen Formen, damit sie mir einen Teil ihres Geheimnisses preisgäben.“

 

Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio
Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio
Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio

Zu dieser Zeit war bereits der Verfall und die Vereinnahme der Bauwerke durch die Natur spürbar. Dünen wanderten über sie hinweg, der Sand drang ein, die Fundamente waren häufig unterspült. Landstreicher nutzten sie als Zuflucht und Kinder als Abenteuerspielplatz. Virilio erkannte, dass diese verdrängte Architektur ihn vieles lehren würde über die Ära des 2. Weltkrieges, aber auch über ihn selbst. Als gelerntem Architekten fielen ihm besonders die Analogien zu antiken Grabmalen und Tempeln auf. Er sah in ihnen aber auch die letzte massive Form der Grenzbewachung.

„Eine ganze Reihe kultureller Reminiszenzen kam mir in den Sinn: die altägyptischen Gräber, die etruskischen Gräber, die Bauten der Azteken. So, als sei dieses Bauwerk der leichten Artillerie mit den Bestattungsriten identisch, als hätte die ‚Organisation Todt’ letztlich nichts anderes im Sinn gehabt, als einen sakralen Raum zu organisieren.“

 

Eine Reihe von Fragen bewegten Virilio, aus historischer, architektonischer und auch soziologischer Sicht. Anworten suchend lief und fuhr er die Küstenlinie hinauf und hinunter und untersuchte, fotografierte, kartografierte und systematisierte jeden erreichbaren Bunker.

Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio
Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio

„Warum wurden diese außergewöhnlichen Bauwerke (…) nicht wahrgenommen? Warum diese Analogie zwischen dem Archetyp der Totenbestattung und der militärischen Architektur? Warum dieser absurde Standort zum Ozean hin, diese Wartestellung im Angesicht der Unendlichkeit des Meeres?“

Die Bauwerke standen - und stehen - überall an der bretonischen Küste, dem Ärmelkanal, den Küsten der Nordsee. Dort sollte die ‚Festung Europa‘ entstehen, wie die Nationalsozialisten ihr Vorhaben nannten. Zwangsarbeiter hatten die 8119 Bunker gebaut. Die militärischen Aspekte interessierten Virilio jedoch nur am Rande, er untersuchte die strukturellen Besonderheiten, die immer wieder auftretenden Archetypen der Architekturgeschichte, die Anpassung an die landschaftlichen Gegebenheiten, aber auch die nur auf die Nutzung ausgerichteten Innenräume: die Enge, das fehlende Licht. Mit einer Mischung aus Furcht und Faszination betrat er die Verlies-artigen Räume und entdeckte Krypten, Sockel, Stiegen, Schiessscharten, die nur einen eingeschränkten Blick auf die Landschaft ermöglichten.

Sein Vorhaben stiess unter seinen Landsleuten auf wenig Sympathie, verwundert fragte man ihn immer wieder nach seinem Anliegen, denn niemand verstand seine obsessive Beschäftigung mit den Überresten der Besatzung.

„Wir  (Franzosen Anm.d.V. ) identifizierten diese Konstruktionen mit der deutschen Besatzungsmacht, so als hätte diese beim Rückzug beinahe überall entlang unserer Küsten ihre Attribute vergessen… und das Interesse, das ich für sie zu haben schien, indem ich sie ausmaß und fotografierte, führte manchmal dazu, dass mir selbst diese Feindseligkeit entgegenschlug.“

 

Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio
Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio

Die Reise wurde für Virilio zu einer Wanderung zu Relikten einer Vergangenheit, die ignoriert wurden. Durch Wegschauen, bewussten Verfall oder Versuche der Sprengung sollten sie aus dem Gesichtsfeld und dem Bewußtsein verschwinden. Virilio konnte diese Sicht nicht teilen.

„Der Badeallteg verschwand, der Raum, den ich damals inventarisierte, (…) gehörte einer anderen Geschichte an, nicht dem augenblicklichen Reiseerlebnis. Und der Konflikt, den ich zwischen dem Sommer der Seebäder und demjenigen der Schlachten wahrnahm, sollte niemals enden: für mich würde die Organisation des Raumes nicht von den Manifestationen der Zeit zu trennen sein.“

Für Virilio verlangte die Vielzahl der Gebäude nach einer Typologisierung und so unterteilte er die Bunker nach ihrem Erscheinungsbild in anthropomorphe und zoomorphe Formen.

„Die Blockhausbunker waren anthropomorph, ihre Gestalt nahm diejenige des menschlichen Körpers wieder auf; (…) Das geschwungene Profil führte so etwas wie eine Spur der Wölbung der Dünen und der naheliegenden Hügel in die Hafenviertel ein, und vor allem diese Natürlichkeit war es, die Anstoß erregte, der Skandal des Bunkers.“

Virilio dokumentierte und typisierte die Wiederholung der verschiedenen Modelle, die unterschiedlichen Funktionen, die Fassadengestaltung und zuletzt auch deren Verfall. Doch besonders faszinierten ihn die Ähnlichkeiten zu bestehen Bauwerken antiker Epochen und sakraler Architektur.

Ein Beitrag von Kirsten Schwarz, Mitarbeiterin im Bereich Kunstvermittlung.