361° Museum"Landschaft, die sich erinnert"

Monumenten-Momente

Internationale Exkursion zu den ,,Spomeniks" im ehemaligen Jugoslawien

Text: Kristin Scheller

„Es waren Orte, die in Vergessenheit geraten, denen der Verfall droht…“, erklärt Farid Ytorky in Bezug auf die Spomeniks, die er auf einem Vor-Ort-Seminar besuchen durfte. Spomeniks – das sind Denkmäler, die im Rahmen des zweiten Weltkrieges und seinen Auswirkungen auf die jugoslawische Region geschaffen wurden. Momentan sind sie Teil der Ausstellung „Landschaft, die sich erinnert“ im Museum für Gegenwartskunst Siegen; passend dazu reisten einige Siegener Studierende nach Belgrad, wo sie, einige Ortsansässige und andere aus Brüssel und Bukarest zusammen die Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens – das 2003 aufgelöst wurde und seitdem aus 7 Staaten besteht - und ihre Auswirkungen erkundeten.

Exkursion zu den ,,Spomeniks" im ehem. Jugoslawien

Exkursion zu den ,,Spomeniks" im ehem. Jugoslawien

Exkursion zu den ,,Spomeniks" im ehem. Jugoslawien

Am fünften Juli geht es für Jennifer Cierlitza, Johanna Dörr, Farid Ytorky, Lina Felden und Malte Roes los: Zusammen mit ihren Mitstudierenden begehen die Kunstinteressierten die Reise in den Südosten. Nach dem Erkunden der Stadt fängt das Seminar auch schon am nächsten Tag an: Im Center for Cultural Decontamination gibt es eine kleine Einführung. Professor Brawislav Dimitjeciv begleitet die 22 Teilnehmer*innen durch ihren Aufenthalt und beginnt mit einer Diashow und einem Vortrag über die jugoslawische Geschichte. Ein wenig Hintergrundwissen ist schließlich nötig, um die Tragweite der Monumente überhaupt zu verstehen – so ist auch eine Besichtigung des Mausoleums von Tito mitinbegriffen. In den 1980ern verstorben wird der ehemalige Staatschef noch heute stark bewundert und auch seine Grabstätte beherbergt eine Masse an Geschenken, zum Beispiel Schnitzereien. Titos Wirken beläuft sich zu großen Teilen auf die Nachkriegszeit und somit auch die Zeit um die Erbauung der Spomeniks. Auch ein Besuch im Museum of Jugoslawia steht an, wo Kuratorin Sara Sopić das Wissen der Studierenden noch vertieft.
Zum Abschluss des Tages lassen sich die Reisenden nicht nur von den heimischen Studierenden die Umgebung zeigen, sondern werden auch ihrem Ruf als Kunstinteressierte mehr als gerecht: in Kleingruppen gucken sie sich selbstständig noch diverse Ausstellungen an.

„Die Spomeniks stehen irgendwo im Nirgendwo. Manche scheinen gar nicht gefunden werden zu wollen!“

Am Samstag beginnt der Seminartag mit einer Busfahrt: die Besichtigung von drei Monumenten in Serbien steht an, beginnend mit Valjevo von Vojin Bakić. Schon im Reisebus erarbeiten sie sich zusammen mit Prof. Dimitjevic und den restlichen Teilnehmer*innen die nötigen Infos, denn die Zeit vor Ort ist knapp und will genutzt werden. „Der Bus wurde zu einer Art Mischung aus fahrendem Hörsaal und Schlafstätte“, lacht Jennifer. Kein Wunder, wenn man 15 Stunden lang unterwegs ist!
„Die Spomeniks stehen irgendwo im Nirgendwo. Manche scheinen gar nicht gefunden werden zu wollen!“, grinsen die Vier. Das liegt unter anderem daran, dass sie meist dort erbaut wurden, wo die – dezentral ausgetragenen - Kriege beglichen wurden. Die Landschaften um die Denkmäler herum werden in das Kunstwerk integriert, gehören genauso dazu wie das dort Errichtete selbst – die direkte Umwelt wird in das Werk miteinbezogen. „Spomeniks sind...futuristisch, heroisch, abstrakt, von imposanter Größe, wie aus einer anderen Welt“, sammeln die Studierenden. „Sie grenzen sich stark ab von anderen sowjetischen Monumenten, die eher realistisch gehalten wurden.“

Exkursion zu den ,,Spomeniks" im ehem. Jugoslawien

Ein weiterer Besuch gilt dem Museum, das sich dem 21. Oktober 1941 widmet: dem Massaker von Kragujevac, einem Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht, bei dem 4000 Menschen ums Leben kamen, darunter auch Schüler*innen und Lehrer*innen. Die Stunden in dem Museum empfanden die Vier als besonders berührend, denn dort fanden sich nicht nur Bilder von solchen, die dort ums Leben kamen, sondern auch originale Abschiedsbriefe. „Da hat der ein oder andere schon einmal ein Tränchen verdrückt…“ Um das Museum finden sich im Park Sumarice weitere Denkmäler, beispielsweise von Miodrag Živković in der Form eines großen V, dessen Oberfläche ein Relief aus Gesichtern in Qual bildet oder Kreise aus Aluminium von Vojin Bakić, die in der Abendsonne auch schon einmal in Regenbogenfarben leuchten können.
Die Spomeniks sind sehr symbolbehaftet. So soll das V für die römische Fünf stehen, um auszudrücken, dass die Schüler*innen, die in den Massenerschießungen umkamen, in der fünften Klasse waren. „Das war mir manchmal ein bisschen zu viel, zu platt“, meint Johanna, wendet aber auch ein: „Natürlich handelt es sich aber um nun einmal um Denkmäler. Sie stehen für etwas Bedeutsames, Grausames und selbstverständlich steckt dann auch Symbolismus darin.“

Exkursion zu den ,,Spomeniks" im ehem. Jugoslawien

Exkursion zu den ,,Spomeniks" im ehem. Jugoslawien

Fotografien einiger ,,Spomeniks" sind aktuell im Museum zu sehen: Jan Kempenaers, Spomenik, 2001-2017
(c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Foto: Christian Diehl

Einen weiteren Tag verbringen die Teilnehmer*innen mit einer Reise nach Serbien und Kroatien. „Man hat sich mit dem Reisepass ein wenig gefühlt wie mit einem Paniniheftchen“, scherzt Jennifer, da jede Grenze eine neue Hürde darstellt. Doch es lohnt sich: für die Steinblume in Kroatien, die neben einem künstlich angelegten See steht, wo früher ein Arbeitslager seinen Platz fand. Für Kozara, einem Turm aus Säulen, zwischen die man treten kann – „es ist sehr beklemmend, klaustrophobisch. Man fragt sich, ob man da wieder herauskommt“, gibt  Johanna zu. Gerade das letztere Denkmal beeindruckt die Studierenden am meisten; da sind sich alle eindeutig einig. Allein die Anlage trägt dazu bei: man darf dort nur auf gesicherten Wegen laufen, um den Minen zu entgehen, die in der Nähe vielleicht noch nicht gefunden wurden. Lina erklärt nachdrücklich. „Die Umgebung, dieses physische Erlebnis, dort hineinzugehen und ein so starkes Gefühl der Enge zu empfinden – es löst in einem selber etwas aus. Man kann die Not damals nachempfinden.“

Am 8.9.18 zeigt das Museum von 13:00 - 18:00 Uhr Filme zur Thematik. 
Mehr Informationen: 

https://www.mgk-siegen.de/deu/ausstellungen-und-sammlung/kalender/termine/termine.html