360° MuseumLena Henke. My Fetish Years

Lena Henke. My Fetish Years

Ein Ausstellungsbericht von Stefanie Scheit-Koppitz

Am 27. September erhielt die Künstlerin Lena Henke den achten Rubensförderpreis der Stadt Siegen. Der Nachwuchspreis, der von einer fünfköpfigen Fachjury vergeben wird, ist mit 5000 Euro Preisgeld, einer Ausstellung und einem Ausstellungskatalog verbunden. Zeitgleich mit der Preisverleihung eröffnet im Museum für Gegenwartkunst Siegen die Preisträgerausstellung „Lena Henke My Fetish Years“. Die Schau, die noch bis zum 26. Januar andauert, ist die erste Ausstellung, die der neue künstlerische Direktor Thomas Thiel betreute. Sie gibt einen Überblick über zehn Jahre Schaffen der 1982 in Warburg geborenen Bildhauerin, die ihr Kunststudium an der Frankfurter Städelschule absolvierte und zurzeit in New York lebt und arbeitet. 

Portrait. Photo by Gunnar Meier

Lena Henke. Photo by Gunnar Meier.

Teerpappen, in Serie produzierte Sandbrüste und ein schlafender Elefant aus Gummi

Zwei riesige Scheiben aus Sperrholz, mit Teerpappe und Harz beschichtet und auf Designerstühlen als Sockel ausgestellt, verbarrikadieren die beiden Fenster des langgestreckten Ausstellungsraumes. Als Negativform, in kleinerem Maßstab, bespielt eine grob bearbeitete Sperrholzplatte mit ausgeschnittener Kreismitte eine Ecke des Ausstellungsraumes. „After Hang Harder“ ist eine charakteristische frühe Arbeit von Lena Henke. Die Installation besteht aus variablen, zugleich veränderbaren Einzelteilen, die als ein „work in progress“ an den jeweiligen Ausstellungsorten in neuer Anordnung gezeigt werden. 2012 in den ersten beiden Ausstellungen der Künstlerin, in den Kunstvereinen Aachen und Oldenburg präsentiert, setzt sich die Arbeit intensiv mit der jeweiligen räumlichen Situation vor Ort auseinander. In Siegen mit der Situation eines großzügigen langgestreckten Durchgangsraumes, mit freistehenden Stützen, einer durchfensterten und einer geschlossenen Wand. Bereits bei diesen frühen Arbeiten der Künstlerin spielen die Materialien eine tragende Rolle. Durch die bewusste Verwendung von Teer als herkömmliches Straßenmaterial verschränkt Henke Innen und Außen und stellt in der Wiederverwertung einzelner Bausteine Ursprung und Original eines Kunstwerks in Frage.

Vom Spannungsverhältnis zwischen Innen- und Außenraum, monumentaler und minimaler bildhauerischer Geste, Zwei- und Dreidimensionalität erzählen eine ganze Reihe weiterer Arbeiten der Ausstellung, beispielsweise die frühen Wandskulpturen der „Parkchester City Series“ von 2014 oder die für die Ausstellung neu entstandene Schilderserie, die in Anlehnung an New Yorker Straßenschilder den Siegener Stadtraum als architektonische Interventionen bespielen. Insgesamt sechs grün-weiße Schilder hat Henke an ausgewählten Laternenmasten in der Siegener Oberstadt rund um das Museum angebracht. Statt der herkömmlichen Ortsbezeichnung tragen ihre Hinweistafeln eigene Wortschöpfungen wie „MYCRUELCROSSING“ oder „MYUPTOWNABYSS“, die Gefühlszustände zum Ausdruck bringen und nun mit den städtischen Gegebenheiten zusammentreffen.

Lena Henke, “Aldo Rossi's Sleeping Elephant”, 2018
Ausstellungsansicht MGK Siegen - Courtesy of the artist, Emanuel Layr Gallery Vienna & Rome and Bortolami, New York. Photo by Carsten Schmale

Lena Henke, “Aldo Rossi's Sleeping Elephant”, 2018. Ausstellungsansicht MGK Siegen
Courtesy of the artist, Emanuel Layr Gallery Vienna & Rome and Bortolami, New York. Photo by Gunnar Meier

Lena Henke, "Galoucher", 2014
Ausstellungsansicht MGK Siegen - Courtesy of the artist, Emanuel Layr Gallery Vienna & Rome. Photo by Carsten Schmale

Lena Henke, "Galoucher", 2014. Ausstellungsansicht MGK Siegen
Courtesy of the artist, Emanuel Layr Gallery Vienna & Rome. Photo by Carsten Schmale

Ein weiterer Ausgangspunkt bildet die Einbeziehung der eigenen Person ausgeweitet auf das familiäre Umfeld. Raum und Körper, Raum und Psyche werden von Henke zusammengebracht. Am deutlichsten sichtbar wird diese Herangehensweise sicherlich in den Skulpturen bzw. Skulpturengruppen, die von der Künstlerin als Familienporträts oder Selbstporträts ausgewiesen sind. So sind „Die Kommenden“, 2017, zugleich Familienaufstellung wie Skulpturensammlung. Weiblichkeit und Sexualität treten als starke Motive in den Vordergrund und entfalten ein großes Assoziationspotential. So verweist die 2017 begonnene Serie „Milkdrunk“ – in Siegen als Armee weiblicher Sand-Brüste, gezeigt auf einem Schwerlastregal – auf den weiblichen Körper, gleichsam auf Mutterschaft und weibliche Selbstbestimmung. Als selbstbewusste feministische Gesten mit durchaus provokantem Charakter sind das bronzene Selbstporträt „THEMOVE“, als auch das diesem vorausgehende, inszenierte Selfie „The other object (self-portrait yellow)“, beide von 2018, zu verstehen

Lena Henke, "Die Kommenden", 2017. Im Hintergrund: Peter Paul Rubens, Die Amazonenschlacht, um 1618 (Reproduktion). Courtesy of the artist, Emanuel Layr Gallery Vienna & Rome and Bortolami, New York. Photos by Carsten Schmale

Lena Henke, "Die Kommenden", 2017 - Courtesy of the artist, Emanuel Layr Gallery Vienna & Rome and Bortolami, New York. Photo by Carsten Schmale

Imposant und eindrücklich sind die beiden letzten Räume der Ausstellung. Hier befinden sich die jüngsten Arbeiten Henkes. Lange Bahnen von schwarzer, rauer Teerpappe erstrecken sich über das glatte Parkett die Wände hinauf bis zur weißen Decke. Die Teerbahnen ziehen sich durch die beiden Durchgänge hindurch in den zweiten Ausstellungsraum hinein. An der Wand des ersten thront die „UR-Mutter“, eine fotografische Reproduktion einer neuen Arbeit von 2019. Die riesige lila-weiße Sau nimmt mit ihrem bogenförmigen Körper den ganzen Raum ein. Davor, auf der vorderen der beiden Bahnen aus Straßenmaterial, ruht ein grellgelber Körper aus wetterbeständigem, synthetischem Kautschuk: „Aldo Rossi’s Sleeping Elephant“, 2018, ist eine ebenso abstrakt wie organisch anmutende Skulptur, die gleichsam an einen schlafenden Elefanten, an ein Spielgerät oder an postmoderne Architektur erinnert.

Lena Henke, "My Trust", "Your Trust", 2019
Ausstellungsansicht MGK Siegen - Courtesy of the artist, Emanuel Layr Gallery Vienna & Rome and Bortolami, New York. Photo by Gunnar Meier

Lena Henke, "My Trust", "Your Trust", 2019. Ausstellungsansicht MGK Siegen
Courtesy of the artist, Emanuel Layr Gallery Vienna & Rome and Bortolami, New York. Photo by Gunnar Meier

Im letzten Ausstellungsraum schließlich verbinden sich in den beiden jüngsten, in Siegen produzierten Arbeiten „My Trust“ und „Your Trust“ noch einmal die vielfältigen künstlerischen Ansätze Henkes miteinander. Die kraftvollen, lila-bordeauxfarbigen Skulpturen erscheinen als Mischwesen aus klassischer Architekturform sowie Tier- und Menschenkörper. Der hautenge Bezug aus Leder, der sich über die großen gepolsterten Rundbögen und deren vier Füße – jede Basis zeigt einen Menschenfuß verwachsen mit einem Pferdehuf – spannt, weckt Assoziationen an sexuelle Fetische. Mit diesen beiden Arbeiten setzt Henke ihrer Schau „My Fetish Years“ einen perfekten Schlusspunkt, der zugleich als ein Neubeginn gelesen werden kann, als einen viel versprechenden Ausblick auf das zukünftige Schaffen.

„Lena Henke. My Fetish Years” ist vom 27. September bis zum 26. Januar 2020 im Museum für Gegenwartkunst Siegen (Unteres Schloss 1) zu sehen. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags von 11 bis 20 Uhr, geöffnet. Eintritt 5,90 Euro, ermäßigt 4,10 Euro.