361° MuseumSammlung Gegenwartskunst

Hans Haacke und William Kentridge –
Philosophieren über Zeit

mit Michael Thuge

Blue Sail von Hans Haacke befindet sich als Dauerleihgabe im Museum für Gegenwartskunst Siegen. Dort gibt es außerdem William Kentridges Kurzfilm Automatic Writing zu sehen. Wir stellen beide Arbeiten in einen Dialog.

Hans Haackes Installation Blue Sail (1964/2001) sowie auch William Kentridges Animationsfilm Automatic Writing (2003) stehen gemeinsam im Modus der scheinbaren Zufälligkeit, der freien Bewegung und der Einführung einer „anderen Zeit“ – trotz ihrer offenkundigen Verschiedenheit.

Haackes „Skulptur“ eines blauen Segels, das sich über einem rotierenden Ventilator wölbt und aufbäumt, ruft beim Betrachter ein gewisses Verständnis von Atmen sowie des natürlichen Phänomens des Flusses atmosphärischer Strömung hervor.

An diesem Punkt wird eine spezifische Beziehung zwischen Zufall und Notwendigkeit eröffnet. Zufall des freien Willens sowie des natürlichen Stroms und auf der anderen Seite die Notwendigkeit des Atemholens nach der Ausatmung oder der Bewegung einer vom Wind abhängigen Wetterfahne. So scheint in der Unendlichkeit des Azurs des Segels auf einer horizontalen Achse das Spiel der Spiegel auf.

Hans Haacke, Blue Sail, 1964/2001
Sammlung MGK Siegen - (c) Hans Haacke

Das Segel als textiles Objekt zeigt seine Bereitschaft zur formalen Bewegung und Fluidität von Knicken. Das Hin und Her zwischen Undurchdringlichkeit und Transparenz ist somit Ausdruck des Ineinanderwirkens von Licht und Luft, welches Spuren auf der Oberfläche in Form von Reflektionen, Schatten, Wölbungen und Falten zurücklässt. Ähnlich wie Nebel lenkt dieses Spiel von Sichtbarkeit und Nichtsichtbarkeit die Aufmerksamkeit auf sich und sublimiert auf diese Weise das sich Verbergende. Etwas das sich auf ephemere Weise ankündigt und sich in derselben Geste entzieht.

Hans Haacke, Blue Sail, 1964/2001 - (c) Hans Haacke

Die Plastizität des Segels impliziert demnach andere oder unerwartete Formen und wird so zum Ausdruck des Aufruhrs der Wahrnehmung sowie Vision einer Oberfläche zwischen Opazität und Transparenz. Das universelle Sujet des Segels beschreibt hier mittels einer potentiellen Unendlichkeit seiner rigiden Form das künstlerische Universum par excellence.

Nicht von Ungefähr steht das französische Wort für Segel (voile) in einer semantischen Verwandtschaft mit dem Wort für Enthüllung (dévoilement). Martin Heidegger spricht in Der Ursprung des Kunstwerkes von der Entbergung als Geste der Enthüllung der Wahrheit (ἀλήθεια). Diese bezeichnet eine untergründige Wahrheit, die sich hinter dem Schein des Offenbaren verbirgt und aus dieser Verborgenheit befreit werden muss.

Dieser Geste schließt sich im gewissen Sinne die Video-Graphie Automatic Writing Kentridges an. Der Film ist geprägt durch stetige Überzeichnungen auf einem Blatt. Die Kohlezeichnungen, aufgenommen in Stop-Motion, zeugen vom Provisorischen, vom Unbestimmten des Bildes, von Metamorphosen und permanenten Neukopplungen, worin sich gerade die Emergenz der Bilder zeigt.

William Kentridge, Automatic Writing, 2003 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019
William Kentridge, Automatic Writing, 2003 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Kentridge stellt Bewegungen dar, indem er Umrisslinien ausradiert, übermalt oder verschiebt. So bleiben Spuren zurück, die nie vollkommen auslöschbar sind. Diese sich so überlagernde Entstehung und Verwandlung wirkt auf den Betrachter wie eine Autopoiesis der Bilder.

Die zurückbleibenden Spuren verweilen notwendigerweise zwischen Erinnerung und Vergessen, wodurch sie zum Ausdruck für den Widerstand des Bildes werden, welches sich gegen einen narrativen Ablauf zur Wehr setzt. Diese Arbeit Kentridges zeigt das scheinbar Unbestimmte im Prozess selbst. Das „Automatische“ erscheint dadurch als ein Unbewusstes in seiner Wirksamkeit. Die Unvollkommenheit der Technik des Ausradierens wiederum lässt Zeit überhaupt erst sichtbar werden, denn das (Über)Zeichnen konserviert den Ablauf des Arbeitsprozesses, indem es die Spur produziert.

Die Hand, die in Kentridges Arbeit Häuser, nackte Körper, Interieure und Straßenszenen zeichnet, ist dem Blick des Betrachters entzogen. Geisterhaft fließen die Striche und Linien, ebenso wie die unsichtbare Luft, welche das Segel in Bewegung versetzt. Hier wird die Latenz der Möglichkeit des „anders-seins“ offenbar. In Blue Sail sowie in Automatic Writing kündigt sich demnach die Alternative des Werdens und der Dauer an, die jede Totalität des Begreifens destabilisiert.

So verstanden schwingen Blue Sail und Automatic Writing entlang einer Zeit, die nicht linear und nicht mehr gegenwärtig ist. Einer Zeit, die der französische Philosoph Emmanuel Levinas diachron und der Regisseur Andrej Tarkowskij versiegelt nennen würde. Einer Zeit, die sich stets entzieht und somit immer verfehlt wird. Demzufolge wäre die Spur eine Anwesenheit, die bereits Vergangenheit ihrer selbst ist, wodurch sie gleichsam zur Kritik an der Präsenz wird. Jede Falte im Segel und jede ausradierte Kohlelinie sind Spuren vorrangegangener unwiederbringlicher Bewegungen, aus denen sich das Gegenwärtige speist.

So ist in beiden Arbeiten ein unsichtbarer unterirdischer Strom wirksam, eine Art Unbewusstes, das die Wahrnehmung niemals zur Ruhe kommen lässt.