361° MuseumKunstvermittlung

Eine rätselhafte Kiste

Eine Reportage von Museumspädagogin und Autorin Anna Siegemund

Ein Zebra, rote Farbe und ein Turnschuh – was haben diese Gegenstände bloß mit einem Kunstmuseum zu tun? Diese Frage stellen sich die Kinder der Ferienkiste im Museum für Gegenwartskunst. Jeden Freitag in den Sommerferien öffnet sich dort in der Eingangshalle eine Holztruhe mit Gegenständen, die auf das Thema des Tages hinweisen. Zwei Stunden lang werden die Kinder zu Museumsdetektiven, sie gehen gemeinsam den Rätseln der Kiste auf den Grund und werden im Atelier selbst kreativ.

 

„Hat heute jemand im Museum seinen Schuh verloren?“ „Der gehört aber nicht dem Zebra!“ „Nein, viel zu groß!“ Die Kinder unserer ersten Ferienkiste sind eifrig dabei, die versteckten Schätze in der Holzkiste genauestens zu begutachten. Sie vermuten, dass es Hinweise sein könnten, die sie zu bestimmten Kunstwerken des Museums führen. Einstimmig beschließen sie, zunächst auf die Suche nach dem Zebra zu gehen.

In den Räumen der Malereisammlung Lambrecht-Schadeberg hören sie jedoch keinerlei Hufgetrappel oder andere Geräusche, die auf ein Zebra hinweisen. Aber die Kinder schauen ganz genau hin. Tatsächlich finden sie ein Zebra, ein gemaltes, auf einem Werk von Lucian Freud. „Quitte auf blauem Tisch“ zeigt nicht nur eine gelbe Quitte und einen blauen Tisch, sondern sehr prominent ein Zebra, was seinen Kopf ins Gemälde streckt – unser Museumsmaskottchen Rubi. „Schon wieder ist es ausgebüxt!“ Denn Rubi, unser Stoff-Zebra aus der Ferienkiste, lebt eigentlich im Museumsatelier. Leider ist es ihm dort sehr oft langweilig, erzähle ich. Wieder beginnt das Rätselraten. Gemeinsam überlegen die Kinder, wie Rubi wohl in das Gemälde gekommen ist; sie kommen zu dem Ergebnis, dass Rubi es Faust dick hinter den Ohren habe und sich die Quitten stibitzen wollte. Nun begleitet Rubi, das Stoff – Zebra, die Kinder auf ihrer Detektivjagd durch das Museum.

Ferienkiste - (c) mgk_siegen

Unsere Ferienkiste am 26. Juli 2019

Lucian Freud, Quince on a blue Table, 1943-44. 
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen Museum für Gegenwartskunst Siegen - © The Estate of Lucian Freud  /Bridgeman Images

Lucian Freud, Quitte auf blauem Tisch", 1943/44
Sammlung Lambrecht-Schadeberg/Rubenspreisträger der Stadt Siegen

Weiter geht es mit dem rätselhaften Turnschuh. Keiner kann sich vorstellen, was es damit auf sich hat, in keinem Bild war bislang ein Turnschuh zu entdecken. Die Lösung naht im Ausstellungsraum von Maria Lassnig. Zusammen mit anderen, verschiedensten Gegenständen – einer Krone, einer Sonnenbrille, Glitzerkugeln und vielem mehr – findet sich der Turnschuh im abgestellten Kreativkorb wieder. Die unterschiedlichen Gegenstände, so verrate ich, sind Teil einer neuen Aufgabe, die es zu lösen gilt. Alle Gegenstände sind den Kunstwerken im Raum zuzuordnen und die Entscheidung danach zu beschreiben. So findet der Turnschuh mit dem Werk "O.T.", 2012 von Maria Lassnig zusammen, da die Kinder der Meinung sind, dass das Wesen auf dem Bild besser Schuhe tragen sollte.

Ein bisschen verweilen wir noch bei den Gemälden der österreichischen Malerin. Ich habe mir als praktische Aufgabe das blinde Malen ausgedacht, das uns der sogenannten Körperbewußtseins-Malerei von Lassnig näherbringt. Beim blinden Malen, so erkläre ich, beschreibt ein Kind ein Gemälde, ein anderes versucht, das Werk nur durch diese Beschreibung zu malen. Und schon hört man das Lachen der Kinder durch die gesamte Ausstellung. Es ist doch nicht so einfach, etwas zu malen, was man selbst nicht sehen kann!

Maria Lassnig, "Untitled", 2012 und "Couple", 2005
Lambrecht-Schadeberg Collection / Winners of the Rubens Prize of the City of Siegen
Museum für Gegenwartskunst Siegen

Maria Lassnig, "O.T.", 2012 und "Couple", 2005
Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen - © Maria Lassnig Stiftung, Wien. Photo: Museum

Die Wesen auf Maria Lassnigs Spätwerk "O.T." von 2012 (links) sind barfuß. Die Kinder der Ferienkiste finden, sie sollten die Turnschuhe aus der Kiste tragen.

Ferienkiste - (c)mgk_siegen

Nachdem die Detektive alle Rätsel und Aufgaben mit Bravour gemeistert haben, geht es ins Atelier. Hier werden die im Museum betrachteten Gemälde erinnert, sie geben Impulse für das eigene kreative Tun. Heute stelle ich das Thema des Farbverlaufs in den Mittelpunkt. Ein beliebtes Thema, wie es scheint, denn die Kinder sind ausgelassen, sie malen mit Begeisterung und Hingabe Bilder mit ihrer Lieblingsfarbe, die sie durch Mischen und Experimentieren mit anderen Farben immer ein wenig im Ton veränderten.

Zum Ende des aufregenden Tages, als sich alle Kinder wieder um die Kiste versammeln, nehmen wir alle Gegenstände nochmals in die Hand. Alle Rätsel wurden gelöst: Das Zebra – war Rubi, das Museumsmaskottchen. Der Turnschuh – war Teil der Aufgabe des kreativen Korbs. Und die rote Farbe kam zum Abschluss im Atelier zur Verwendung.

Ferienkiste - (c)mgk_siegen