361° MuseumAusstellung "Der Traum der Bibliothek"

Einblicke #1:
Aus Alt mach' Kunst

"Ohne Titel (Bibliothek)" von Achim Bitter

Ein Bericht von Kristin Scheller und Stefanie Scheit-Koppitz

Ein Raum in einem Raum, getrennt und doch ineinander übergehend, neu und doch alt, zufällig wie auch geplant. Einen der Träume aus der Ausstellung „Der Traum der Bibliothek“ im Museum für Gegenwartskunst Siegen schuf Achim Bitter: aus Möbeln und Gerümpel baute der in Bremen lebende Künstler eine ungewöhnliche Erlebniswelt, einen Rückzugsort, ein Niemandsland mitten in der Öffentlichkeit. Tische und Regale ruhen nebeneinander, in einem Gewirr aus Sofas und Bettenrosten stehen Bücher aller Art, in Nachbarschaft zu scheinbar liegengebliebenen Taschentüchern und aufgehängten Stofffetzen.

In dem anarchistischen Zimmer stecken tausende Themen: Fachwerkhäuser, das Weltall, Psychologie, Architektur, von Raumwahrnehmung bis hin zu der Soziologie des Raumes. Eine Bibliothek, die dem Standard in all ihrer Unordnung und Eigenwilligkeit trotzt und in ihrer zusammengewürfelten Gemütlichkeit gleichzeitig zum Bleiben einlädt – es gibt eine kleine Leseecke und einige Raritäten, die es lohnt, anzusehen.

Verdichtet und konkreter werden die sich spontan einstellenden Eindrücke und Assoziationen über die Themen der in die Raumskulptur eingeschleusten Bücher. Bitter hat für "Ohne Titel (Bibliothek)" aus seinem privaten Fundus eine Auswahl an Büchern zu Raumtheorie und Architekturtheorie neben Bildbänden von Künstlerkollegen zu Raum oder Stadt sowie Handbüchern fürs Heimwerken rund um Haus und Garten mitgebracht. Diese ergänzte er um Bände und Zeitschriften aus der Siegener Museumsbibliothek.

Im Kern beherbergt Bitters Bibliothek damit Gedanken und Sichtweisen einer zeitgenössischen, ganzheitlichen und nachhaltigen Stadtplanung, ergänzt um grundsätzliche Betrachtungen zu Raum und Skulptur, aus psychologischer oder philosophisch-phänomenologischer Sicht.

Achim Bitter, Ohne Titel (Bibliothek), 2001/2019
Installationsansicht MGK Siegen - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Achim Bitter, Ohne Titel (Bibliothek), 2001/2019
Installationsansicht MGK Siegen - (C) VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Achim Bitter, Ohne Titel (Bibliothek), 2001/2019
Installationsansicht MGK Siegen - (C) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Passend zum ungewöhnlichen und offenen Gesamtbau schleuste Bitter diesen Handapparat unorthodox in die Raumskulptur ein. Unsystematisch sind die Bücher und Artikel bereitgestellt: Sie stehen oder liegen in Regalen, auf Möbeln und Sitzgelegenheiten über den Raum verteilt. Sie sind quasi nebenbei und ohne belehrenden Zeigefinger den Besucher*innen als Option, zur eigenen Entdeckung an die Hand gegeben. Bitter betont, dass er Bücher nicht nur als Wissensspeicher in seiner Kunst-Bibliothek verstanden wissen möchte. Sie sind für ihn auch schlicht Material, mit dem sich ganz lapidar – wie in der Ausstellung zu sehen – ein Regal abstützen lässt.

Es herrscht maximale Freiheit: Wer will kann sich in die Lektüre vertiefen, ganz wie in einer gewöhnlichen Bibliothek. Wer möchte kann das Lesen auch ausschlagen, die begehbare Installation rein formal ästhetisch genießen oder ganz praktisch die kleine, von Regalen umstellte Couch als Rückzugsort zum Ausruhen gebrauchen.

Achim Bitter, Ohne Titel (Bibliothek), 2001/2019
Installationsansicht MGK Siegen - (C) VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Achim Bitter, Ohne Titel (Bibliothek), 2001/2019
Installationsansicht MGK Siegen - (C) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Das Material, aus dem Bitter für gewöhnlich die architektonischen Elemente seiner Skulpturen kreiert, bekommt er aus den unterschiedlichsten Ecken: Recyclinghöfe, Sozialkaufhäuser, der Möbelhilfe. Beim Aufbau der Siegener Arbeit erklärte Bitter: „Alles, was da ist, kommt immer wieder zurück!“ Mit Kuratorin Ines Rüttinger lief er für die Siegener Version seiner Arbeit durch die Läden in der Region und sammelte sich seine Grundlage für die Mini-Bibliothek zusammen.

Vorher geplant ist „Ohne Titel (Bibliothek)“ nicht, aber die Arbeit entsteht auch nie beliebig – etliche Male schiebt er beim Bau die Möbel hin und her, richtet immer aufs Neue ein und um, verzichtet aber gänzlich auf künstlerische Kniffe wie einen Turmbau. Bitter nutzt zur Vollendung seines Werkes, was er gerade benötigt; sei es Gaffa Tape oder Schrauben: „Das entscheide ich aus der Situation heraus“, so Bitter lakonisch.

Wann das Werk beendet ist, ist ein intuitiver Entschluss für ihn: „Das lege ich unbewusst aufgrund meiner Erfahrung und den Umständen fest, unter denen ich gerade arbeite. Auch das Material ist nicht grenzenlos.“

 

Achim Bitter beim Aufbau der Arbeit Ohne Titel (Bibliothek), 2001/2019 - (C) VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Achim Bitter, Ohne Titel (Bibliothek), 2001/2019
Installationsansicht MGK Siegen - (C) VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Das Konzept dahinter ist für Bitter entscheidend: „Alles soll offen bleiben. Dies ist eine Umwertung von Gegenstandswelten, des Materials. Es gibt keine Eindeutigkeiten.“ Besonders interessant in diesem Werk: das Zusammenbringen von Text und Installation. Die Welt, die er schafft, im Spiel mit den Welten, die die Bücher eröffnen. Ebenso faszinieren ihn das Thema an sich und seine Doppelsinnigkeit: die Vergänglichkeit des Traumes wird wie selbstverständlich mit dem erhaltenden Charakter einer Bibliothek zusammengeführt.

Bitter geht es um das Zwischenspiel und die daraus resultierende Ambivalenz von Kunst und Gebrauchsgegenständen. Es sind Skulpturen – und doch nur Möbel. Details im Gesamtbild – und doch auch Bücher, in denen sich ganze Welten verstecken, in die man abtauchen kann. Für Bitter hat sein Werk keinen musealen Wert per se: „Die Wertigkeiten ändern sich. Es stellt sich die Frage ‚Was macht man damit? ‘“ Er ist interessiert an dem Übergang, an der Verschiebung aus der Alltäglichkeit hinaus und in sie hinein. Konsequenz bis zum Schluss: „Alles löst sich wieder auf! Aus dem Alltag entsteht Kunst und aus der Kunst geht es zurück in den Alltag.“

 

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