361º MuseumAusstellung "Landschaft, die sich erinnert"

Einblicke #1

Die Flucht nach Ägypten und der deutsche Wald

Das älteste Exponat der aktuellen Gruppenschau "Landschaft, die sich erinnert" ist "Die Flucht nach Ägypten", gemalt von Peter Paul Rubens. Beheimatet im Siegerlandmuseum, das neben einer Gemäldegruppe des Barockmalers auch eine umfängliche Sammlung von Rubensgrafiken besitzt, wird das Blatt aus dem 17. Jahrhundert zu einem wichtigen historischen Referenzpunkt in der mit internationaler Gegenwartskunst besetzten Ausstellung.

Thematisch – so könnte man sagen – werden in „Flucht nach Ägypten“ bereits brandaktuelle gesellschaftliche Problemfelder verhandelt, deren Folgen sich auch in die Landschaft einschreiben: Heimatverlust, Vertreibung und Migration, ausgelöst durch Gewaltakte.

Das Rubensbild wird vier Arbeiten aus der Serie "Wald", 2016 von Andreas Mühe gegenübergestellt, die als inszenierte Fotografien die Idee der "Waldwildnis" als Sehnsuchtslandschaft und deutschnationalen Projektionsfläche mit Medienbildern von Flüchtlingen verweben.

Peter Paul Rubens, Flucht nach Ägypten.
Sammlung Siegerlandmuseum, Siegen - (c) Siegerlandmuseum Siegen
Andreas Mühe, Wald, 2016 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Andreas Mühe, Wald, 2016 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Andreas Mühe, Wald, 2016 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Andreas Mühe, Wald, 2016 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Von Engeln durch die nächtliche Landschaft geleitet flüchten Maria und Josef mit dem Säugling Jesus vor den Kindesmördern des Herodes von Bethlehem nach Ägypten. In nicht allzu weiter Entfernung von der hell erleuchteten Familie bewegen sich links im Hintergrund die römischen Soldaten durch den dunklen Wald. Ähnlich dramatisch wie Rubens setzt Mühe die Lichtregie. Auf die sich zu Fuß im Wald bewegende Gruppe von Menschen bzw. auf ihr Gepäck ist der Lichtschein gesetzt. Was es mit den Menschen auf sich hat, wer sie sind, wohin sie gehen und warum sie sich nachts im Wald aufhalten, bleibt uneindeutig. Verfolgt werden sie nur vom Fotografen und seiner Kamera. Dies jedoch ohne ihr Wissen, denn sie sind von einem Hochsitz aus ins Visier genommen.

Im Ausstellungskatalog, der Ende August erscheint, kommentiert Andreas Mühe die Gegenüberstellung:

"Auch ich gehöre zu den kleinen Jungs, denen zum Einschlafen das Wiegenlied „Guten Abend, gut´ Nacht“ von Johannes Brahms vorgesungen wurde: Rosen sollten mir ein Schutzdach sein, Nelken mich vor Krankheit bewahren, Engel mich bewachen und vom Paradies sollte ich träumen.
Daran musste ich denken, als ich mir diese Radierung von Rubens betrachtete, deren Sujet mit meinen Fotografien „Wald“ identisch ist oder zumindest korrespondiert. Drei Schutzengel unterstützen die Flucht der kleinen Familie nach Ägypten: Der größte dieser schönen lockigen Engel bewegt den klapprigen, lustlosen und störrischen Esel. Der mittlere leuchtet den Weg, damit der Esel nicht fällt, weist die Richtung und hat sein Licht gesenkt, damit die Gruppe nicht erspäht werden kann. Auf diese Weise wirft er ein Licht auf Maria und dem an ihrer Schulter ruhenden Kind. Joseph und der dritte Engel aber blicken zurück, denn Herodes Häscher folgen ihnen auf dem Fuße. Umso wichtiger sind alle drei Engel in ihrer Gesamtheit: Das Kind retten, die Flucht vorantreiben und den Feind im Auge behalten."


Der Künstler Andrea Mühe vor seinen Fotografien "Deutscher Wald" im MGK Siegen - (c) Andreas Mühe