361º Museum"Landschaft, die sich erinnert"

Kuratoreninterview "Remembering Landscape"

5 Fragen an Kai Vöckler

Noch bis zum 30. September läuft die aktuelle Ausstellung "Landschaft, die sich erinnert" - eine große Themenausstellung, die 25 internationale zeitgenössische Kunstpositionen  vorstellt. Die Ausstellung wird anschließend im Museum of Contemporary Art, Bukarest, dem Center for Decontamination, Belgrad sowie in der Sint-Lukas Galerie in Brüssel gezeigt. Kuratorisch wurde das Projekt von der Siegener Museumsdirektorin und dem Offenbacher Kunstwissenschaftler Kai Vöckler betreut. Wir führten mit beiden Kuratoren Kurzinterviews und stellen heute unsere 5 Fragen an Prof. Dr. Kai Vöckler.

 

Professor Vöckler, Sie lehren an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und bezeichnen sich selbst als Urbanisten. Was genau dürfen wir uns darunter vorstellen?

Ein Urbanist beschäftigt sich in Theorie und Praxis mit der Entwicklung von Städten, worauf der Name verweist; er ist gewissermaßen ein Stadtforscher. Urbanist ist keine geschützte Berufsbezeichnung, ähnlich wie bei den Künstlern darf sich eine Jede und ein Jeder so nennen, wenn er sich dazu berufen fühlt. Was ich als sehr befreiend empfinde. Insofern passt es auch gut an eine Kunsthochschule. In den Wissenschaften ist die Urbanistik eine Querschnittsdisziplin, die sich in sehr unterschiedlichen Fachgebieten findet: es gibt Stadtsoziologen, Stadthistoriker, Stadtgeografen usw. Für den Kunsthistoriker Wolfgang Braunfels beschäftigen sich zehn Disziplinen mit der Urbanistik, wie er in seiner Untersuchung zur abendländischen Stadtbaukunst ausführt.

Mit Eva Schmidt haben Sie bereits zwei Projekte zum Künstler Robert Smithson verantwortet – die Herausgabe seiner Schriften und ein Ausstellungsprojekt in Wien. Smithsons künstlerische Arbeit, insbesondere sein Interesse für geologische Prozesse, bildet, wie sie beide mehrfach erwähnten, einen wichtigen Bezugspunkt beim Blick auf das Ausstellungsthema. Ganz konkret klingt Smithsons 1969 in Rom ausgeführte Arbeit „Asphalt Rundown“ in der gezeigten Arbeit von Markus Karstieß an. Können Sie uns Weiteres zu den im Untergrund schlummernden Verbindungslinien zwischen der Ausstellung und Smithsons Arbeit sagen?

Robert Smithsons radikale Infragestellung des Landschafts- wie übrigens auch des künstlerischen Werkbegriffs haben nicht nur Eva und mich immer wieder angeregt uns mit seiner künstlerischen Position auseinanderzusetzen, Smithson ist auch wiederkehrend bei sehr unterschiedlichen Künstlern eine wichtige Referenz in ihrer Arbeit – beispielsweise bei Cyprien Gaillard, der auch in der Ausstellung vertreten ist. Smithson hat sich explizit mit den Widersprüchen des architektonischen und künstlerischen Naturbegriffs in unterschiedlichen Werken aber auch in seinen Schriften auseinandergesetzt. Nachdrücklich hat er ein anthropozentrisches Verständnis von Kunst und Architektur hinterfragt, in der die Natur eine zu gestaltende (und zu beherrschende) Umwelt für den Menschen ist.

Cyprien Gaillard, Real Remnants Fictive Wars V. Still - (c) Cyprien Gaillard

Cyprien Gaillard, Real Remnants Fictive Wars V. Still.

Cyprien Gaillard, Real Remnants Fictive Wars V. Still - (c) Cyprien Gaillard

Sie haben ein Buch über Ruinen geschrieben mit dem schönen Titel „Architektur der Abwesenheit“. Ruinen in Landschaften, die Abwesenheit von Menschen und Architektur ist ja eines der Subthemen der Ausstellung. In welcher Weise treffen beim aktuellen Projekt ihre Forschungsgebiete auf ihr kuratorisches Interesse? 

Als Urbanist beschäftige ich mich ja mit der Entwicklung von Städten, wobei Architektur und Städtebau als baukünstlerische Disziplinen eine wichtige Rolle spielen. Auch hier hat mich die Position von Robert Smithson besonders interessiert, der ja von der Architekturtheorie kaum zur Kenntnis genommen wird, im Gegensatz zu Architekten wie Peter Eisenman oder Rem Koolhaas, die direkt auf ihn verweisen. Smithson entwickelte ein Konzept der »De-Architekturierung«, die das Bauen unter den Aspekt einer unausweichlichen entropischen Entwicklung sieht. Der Begriff der Entropie, den er den Naturwissenschaften entlehnte, bezeichnet den irreversiblen Prozess der Entdifferenzierung, welcher letztendlich in ein gleichförmiges Chaos ungeordneter Materie und den Wärmetod mündet. In der entropischen Perspektive ist jeder anthropomorphe Zugang verstellt, der Vorgang unaufhaltsamer Entformung lässt keine idealistischen Selbstprojektionen zu, der dem Bauen eingeschriebene Wunsch nach Dauer und Geborgenheit wird obsolet. Wird Architektur der Zeit ausgesetzt, rückt nicht nur der Bau-, sondern auch der Verfallsprozess in den Blick und wirft die Frage nach dem Verschwinden auf. Kurz gesagt: jeder Bau ist auch immer schon Ruine. Eine unbequeme Wahrheit, der wir ebenso wie die Architektenschaft gerne ausweichen. Smithson fordert die künstlerische Auseinandersetzung damit und praktiziert diese in seiner künstlerischen Arbeit auch. Das hat mich sehr fasziniert. Und wir finden in der Ausstellung viele künstlerische Beiträge, die gerade den unausweichlichen Verfall, das Verschwinden des Bestehenden und scheinbar so Dauerhaften ins Auge nehmen. Beispielsweise die ruinierten Landschaften des Tagebaus, der Naturausbeutung, mit der sich viele der gezeigten Arbeiten auseinandersetzen. Oder das besonders eindrückliche Denkmal von Alberto Burri, das an das durch ein Erdbeben zerstörte italienischen Dorf Gibellina erinnert, genau dort, wo sich das Dorf vorher befand, als begehbare Betonskulptur, die die Katastrophe des Verschwindens allen Lebens geradezu physisch erfahrbar macht. Eine Erfahrung, die durch die filmische Annäherung und Interpretation der Künstlerin Aglaia Konrad sehr eindrücklich in der Ausstellung vermittelt wird.

Aglaia Konrad, Il Cretto, 2018 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Aglaia Konrad, Il Cretto, 2018. Still

Viele Künstler der Ausstellung könnte man als Erinnerungsarchäologen bezeichnen. Hierbei ist ihr Blick auf geschichtliche Ereignisse gerichtet, insbesondere auf kriegerische Auseinandersetzungen. Im Fokus der Ausstellung stehen – natürlich zurückgebunden auf das Ausstellungsthema – die beiden großen Weltkriege als auch die kriegerischen Auseinandersetzungen in Südosteuropa. Wonach richtete sich die Auswahl der Arbeiten? 

Uns hat dabei interessiert, wie Künstler – aber auch Architekten – gerade die Gewalteinwirkungen auf die Landschaft, und das heißt auf die Landschaftswahrnehmung, thematisieren. Landschaft ist ja nicht etwas Vorgefundenes, »Natürliches«, sondern eine subjektive Wahrnehmungsleistung, die stark durch kollektiv geteilte Vorstellungen geprägt ist. Die gezeigten Kunstwerke entwickeln neue Blickweisen, die uns unmittelbar an die Ereignisse, die sich in die Landschaft einbetten, heranführen – ohne moralisierend zu werden. Das ist wichtig! Und ermöglicht viel eher ein Erschrecken des Betrachters, der mit sich und der über die Kunst vermittelten Landschaftserfahrung quasi alleine gelassen wird. In meiner Wahrnehmung: diese unglaubliche Sinnlosigkeit der Betonbunker des Atlantikwalls, die Paul Virilio dokumentierte – als Architekturen, Baukunstwerke. Die Installation der Künstler- und Architektengruppe Multiplicity von 2002, die einem gesunkenen Flüchtlingsboot mit hunderten Toten im Mittelmeer nachforschten und zeigen, dass das Meer kein fluider Freiheitsraum mehr ist, sondern »Solid Sea«, festgefügter, durch die Grenzkontrollmechanismen erstarrter Raum – woran sich bis heute nichts geändert hat. Oder wenn Milica Tomic am Beispiel von Omarska in Bosnien-Herzegowina die Wandlungen des Ortes von der Mine und Bergarbeiterstadt über das serbische Konzentrationslager in den Balkankriegen zur Filmkulisse aufzeigt und das Unheimliche deutlich wird, gerade weil es nicht direkt wahrnehmbar ist.

 

Gibt es schon ein nächstes Ausstellungsprojekt, dem Sie sich in Gedanken oder ganz konkret widmen?

Ich kuratiere ja auch Themenausstellungen zur aktuellen Stadtentwicklung, wie derzeit im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Da liegt der Fokus auf aktuellen Herausforderungen, wie sich Stadtentwicklung unter dem Vorzeichen des Klimawandels in Deutschland verändert. Der Fokus liegt dabei auf neuen Formen des Wohnens und der Mobilität. Dazu werde ich sicherlich auch in Zukunft noch arbeiten.

 

Vielen Dank! Die Fragen stellte Museumsmitarbeiterin Stefanie Scheit-Koppitz.

Markus Karstieß, Was die Erde sieht, 2014 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Markus Karstieß, Was die Erde sieht, 2014 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Markus Karstieß,Scholar's Rock, 2016 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018