361º Museum"Landschaft, die sich erinnert"

Kuratoreninterview "Remembering Landscape"

5 Fragen an Eva Schmidt

„Landschaft, die sich erinnert“ lautet der Titel der neuen, am 10. Juni eröffnenden Ausstellung, die du zusammen mit Kai Vöckler kuratiert hast. Dabei wird der Natur- und Landschaftsbegriff sehr aktuell gedeutet. Es geht um Erinnerungsspuren in Landschaften, die durch moderne Industrien oder politische Krisen, auch Kriege entstanden. Kannst du das Ausstellungskonzept umfassender erläutern?

Eva Schmidt: Landschaft ist immer schon eine bildliche Form der Anschauung. In der Kunstgeschichte emanzipierte sich das Thema als eigenständiges Bildgenre nach dem Mittelalter. Im kulturellen Gedächtnis verankert sind Landschaften, die uns emotional berühren, die uns umfangen und eine Identität begründen, eng verbunden mit dem komplexen Begriff der Heimat. Aber wenn man sich heute umsieht, gibt es kaum noch solche Landschaften, sondern (abgesehen von touristisch vermarktbaren "synthetischen" Landschaften) nur noch öde Landschaften, die etwas "erlitten" haben, verwahrloste Landschaften. Krieg, Migration, ökonomische Ausbeutung sind die großen Themen, die den Blick auf die Landschaften von heute prägen, ein Blick, der die Prozessualität, die Veränderbarkeit anerkennt, also auch die Verantwortung der Menschen für eine aktuelle Form von Landschaft anspricht, die weniger destruktiv ist. Bruno Latour hat in seinem jüngsten Buch einen neuen Akteur – das Terrestrische – definiert, der als Alternative zu der destruktiven, abstrahierenden Globalisierung der Moderne zu verstehen ist. Das Terrestrische ist bestimmt durch ein radikal materialistisches Denken, das nicht im traditionellen Sinn ideologisch ist. Hierfür können künstlerische Projekte, die Landschaft behandeln, Beispiele sein.

 

Vierundzwanzig Künstlerpositionen werden in der Ausstellung vorgestellt, darunter viele zeitgenössische Arbeiten. Daneben gibt es historische Bezugspunkte wie die Fotografien zu den NS-Bunkerarchitekturen in der Normandie von Paul Virilio oder das Gemälde Totes Meer, 1941, des britischen Malers Paul Nash, auch eine Rubensgrafik gehört dazu. Warum gerade diese Arbeiten?

Eva Schmidt: „Ausreisser“ erlauben, neue Blicke auf die Gegenwart zu richten. Es ist wichtig, die Verknüpfung des Archaischen und der Moderne im 20. Jahrhundert nachzuvollziehen, um die prägenden destruktiven Kräfte des 21. Jahrhunderts zu verstehen, da sind die Bunker fotografiert von Virilio und die Kriegslandschaft von Nash zwei Bezugspunkte, die einen Assoziationsrahmen aufspannen. Die Rubensgrafik eröffnet eine Perspektive auf die heutigen Migrationsbewegungen am Beispiel der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. Dass Rubens in Siegen geboren wurde, hat ja auch etwas mit den Migrationsbewegungen im 16. Jahrhundert zu tun. Übrigens zeigen wir an Lesetischen einige Gedichte zur Geologie und zum Krieg, um zu zeigen, wie das thematische Spektrum Eingang in die Gegenwartspoesie gefunden hat. Es geht in dieser Ausstellung nicht nur darum, ein Thema der Gegenwartskunst vorzustellen, sondern zu zeigen, wie die Künstler besondere Werkformen entwickeln, um ein solches Thema zu bearbeiten.

 

Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio

1975 veröffentlichte der Philosoph und Medientheoretiker Paul Virilio seine einflussreiche Schrift "Bunker Archéologie".

Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio

In Text und Bild untersucht Virilio die Besonderheiten der Architekturen des Atlantikwalls.

Paul Virilio, Bunkerarchäologie, (Atlantikwall, Frankreich), 1958-65 - (c) Paul Virilio

Alle Architekturfotos wurden von ihm eigenhändig zwischen 1958 und 1965 aufgenommen.

Peter Paul Rubens, Flucht nach Ägypten.
Sammlung Siegerlandmuseum, Siegen - (c) Siegerlandmuseum Siegen

Peter Paul Rubens, Flucht nach Ägypten. Sammlung Siegerlandmuseum Siegen.

Andreas Mühe, Wald, 2016 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Andreas Mühe, aus der Serie "Wald", 2016. Privatsammlung.

Andreas Mühe, Wald, 2016 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018

"Landschaft, die sich erinnert" ist wohl die politischste Ausstellung, die das Museum für Gegenwartskunst Siegen jemals gezeigt hat. Wann entstand die Idee hierzu?

Eva Schmidt: Die Idee entstand 2015. Mit Kai Vöckler hatte ich mehrfach zusammengearbeitet, z.B. haben wir 2000 eine Robert Smithson-Ausstellung in der Kunsthalle Wien gemacht. Smithsons Auffassung von Landschaft im dialektischen Verhältnis von Ort und Nicht-Ort, das er in den 1960er Jahren entwickelt hat, ist höchst aktuell. Ihn hatten wir immer im Hinterkopf bei der Konzeption der Ausstellung. Es gibt kein Werk von ihm in der Ausstellung, aber Markus Karstieß wird zum Archäologen des Asphalt Rundown in Rom, den Smithson 1969 realisiert hat, um damit entropische Prozesse ins Bild zu rücken.

Kannst du uns die Zusammenarbeit mit Kai Vöckler näher erläutern? Wie muss man sich das vorstellen? Jeder schlägt Künstlerpositionen vor und darf eine bestimmte Anzahl an Arbeiten durchsetzen oder wird alles einvernehmlich entschieden?

Eva Schmidt: In einer effektiven Zusammenarbeit bringt jeder seine Perspektive ein. Zusammenarbeit ist immer gut für die Erweiterung des eigenen Horizonts, aber auch dafür, dass jeder seine besonderen Stärken einbringen kann, um schließlich zu einem guten Ergebnis zu kommen.

Zum Schluss noch die Frage nach den anderen europäischen Stationen, wo die Ausstellung anschließend gezeigt wird. Das Museum of Contemporary Art in Bukarest, das Center for Decontamination in Belgrad sowie die Sint-Lukas Galerie in Brüssel stehen auf der Liste der Tournee. Wie ist die Zusammenarbeit vorgesehen, wird die gesamte Ausstellung wandern und wer betreut die Ausstellung dort vor Ort?

Eva Schmidt: Wann immer etwas gut läuft und inhaltlich besonders relevant ist, dann trifft man unweigerlich Kollegen, die ähnlich gelagerte Interessen haben. Das Projekt basiert auf einer umfassenden Kooperation. Einige Kunstwerke konnten nur für Siegen ausgeliehen werden, z.B. das sechs Meter breite Monumentalbild von Richard Mosse aus einer Privatsammlung oder das Historienbild von Luc Delahaye aus dem Centre Pompidou in Paris. Die meisten anderen Werke wandern weiter nach Bukarest, bzw. die Bukarester Kollegen treffen eine Auswahl und fügen weitere rumänische Künstler hinzu, dann geht wiederum eine andere Version nach Brüssel. So sind auch die Kuratoren Sandra Demetrescu und Calin Dan aus Bukarest sowie Leen Engelen und Jan Cools aus Brüssel involviert. Jeder macht vor Ort ein eigenes Begleitprogramm. Das Center for Decontamination in Belgrad wird für 24 Studierende aus Bukarest, Belgrad, Brüssel und Siegen eine Landschaftsexkursion anbieten. Sie führt zu den sozialistischen Denkmälern in spektakulären landschaftlichen Situationen in Serbien. Die Region in Siegen ist durch eine besondere Landschaft geprägt und vor allem auch durch Eisenabbau. Auch hier wird es Spaziergänge geben. Wir beziehen uns bei den Spaziergängen auf Lucius Burckhardt, der die Spaziergangswissenschaft begründet hat und der sagt, man könne die Welt nur im Gehen begreifen, auch ein Hinweis auf ein materialistisches Denken.

 

Wir führten das Interview im Juni 2018, im Vorfeld der Ausstellungseröffnung. Die Fragen stellte Museumsmitarbeiterin Stefanie Scheit-Koppitz.

Richard Mosse, If I Ran the Zoo, 2012
aus der Serie: Infra
C-Print, 210 x 533 cm
Privatsammlung - (c) Richard Mosse
Jan Kempenaers, Spomenik #12 (Košute), 2007 - (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Unknown Fields Division, All Up In My Grill, 2013. Fotografie Toby Smith
Edelstein Mine.
Madagaskar Expedition, Sommer 2013. - (c) Unknown Fields/Toby Smith