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Kunstwerk des Monats

September 2015

Mona Hatoum, Lily (Stay) put, 1996



"Ich habe keine romantische Sehnsucht nach einer bestimmten Heimat. Keine Erinnerungen an einen bestimmten Ort, zu dem es mich zieht oder den ich mir woanders nacherschaffen müsste. Wo ich arbeite, da ist zu Hause. […] Heimat, was ist das?" (Mona Hatoum) [1]

Jerusalem – die Heilige Stadt. Für viele Gläubige Pilgerzentrum und Ort göttlichen Geschehens. Für die Künstlerin Mona Hatoum (geb.1952, in Beirut) Fundort und Inspiration ihrer Arbeit „Lili (stay) put“. Sie findet dort ein altes rostrotes Bettgestell.

Charakteristisch für Hatoums Arbeiten ist das Verfremden bekannter Alltagsgegenstände, sodass sie nicht mehr in ihrem ursprünglichen Sinne benutzt werden können. Das Bett empfindet ein jeder eigentlich als privaten, gemütlichen Rückzugsort, in dem man sich sicher fühlt und sorglos in den Schlaf gleiten kann. Hatoums modifiziertes Bett hingegen ist alles andere als gemütlich. Unter das gefundene Bettgestell montiert sie Rollen. Auf einer maroden Holzplatte stehend sind über das ganze Bettgestell dünne Nylonfäden gespannt, die von in der Holzplatte steckenden Eisenhaken fixiert werden.

Radikal und verstörend – so werden die Arbeiten Hatoums oft beschrieben. Ihre Kunst soll beim Betrachter Unbehagen auslösen, eine latente Bedrohung darstellen. Für Hatoum ist das die Wahrheit über das Leben und den Zustand unserer Welt. [2]

Brutalität, Folter, Blut – die Bettkonstruktion ruft erschreckende Assoziationen hervor. In ihren Werken steht der menschliche Körper im Mittelpunkt. So auch in der Installation „Lili (stay) put“ von 1996.

Das blutige Rostrot des Bettgestells. Die Fäden, die einen Körper an das Bett fesseln. Eisenhaken, bei denen man sich gar nicht erst ausmalen möchte, wie sie einem Schmerzen zufügen könnten. Was für Grausamkeiten sind auf diesem Bett geschehen?

Sowohl die Fesseln aus Nylonfäden als auch der Titel „Lili (stay) put“ sind eine Anspielung auf das Buch „Gullivers Reisen“ des irischen Schriftstellers Jonathan Swift, in dem der Riese Gulliver auf der Insel Liliput durch fast unsichtbare Stricke gefesselt wird. Die meisten Arbeiten Hatoums machen Erfahrungen von Gewalt sowie die Angst und Bedrohung des Körpers zum Thema. Es geht um die Gefährdung unversehrter Zustände durch unterschwellige Aggressivität, durch Macht und Gewalt.

Mona Hatoum ist eine der renommiertesten Künstlerinnen der Gegenwart. Sowohl großformatige Rauminstallationen und Skulpturen als auch Fotografien und Performances gehören zu ihren Arbeiten, die international ausgestellt wurden, so z.B. mehrfach auf der Venedig-Biennale oder der Documenta. Neben einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) wurde sie unter anderem auch mit dem Käthe-Kollwitz-Preis der Berliner Akademie der Künste oder dem Roswitha-Haftmann Preis für ihr vielfältiges Schaffen ausgezeichnet.

Die Themen Heimatverlust, Flucht und Exil sind die zentralen Themen der Künstlerin und ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Werke. Dies kann genau wie ihre Sensibilität für Gefahr und Verletzlichkeit auf ihre Familiengeschichte zurückgeführt werden. Hatoum selbst wurde 1952 in Beirut als Kind palästinensischer Eltern geboren, die bereits vor ihrer Geburt aus ihrer Heimatstadt Haifa im Palästinensergebiet fliehen mussten.

1975 bricht dann auch noch der Bürgerkrieg im Libanon aus. Hatoum ist währenddessen gerade in London. Eine Rückkehr in ihre Heimat ist nunmehr ausgeschlossen. Sie bleibt in London und studiert dort Kunst an der Byam Shaw School of Art und der Slade School of Art. Heute lebt und arbeitet sie in Berlin und London.

Die Künstlerin möchte nicht nur auf ihre Biografie reduziert werden. Dennoch beginnt ihre Künstlerkarriere mit politisch-biografischen Arbeiten. So zum Beispiel ihre Performance „Negotiating table“ von 1983. Drei Stunden lag sie eingeschnürt in einem Klarsichtfoliensack voll blutiger Eingeweide auf dem „Negotiating table“, dem Verhandlungstisch, dazu hört man Rundfunknachrichten über den Bürgerkrieg im Libanon und Friedensversprechen westlicher Politiker in verschiedenen Sprachen im Hintergrund. Heute sagt Hatoum „Meine Arbeiten spiegeln das Lebensgefühl vieler Menschen wider.“ [3] Ihre Kunst mischt sich ein, surreal, poetisch, brutal. [4]

Franziska Wekenborg

[1] Ruthe, Ingeborg: Die ganze Welt ist ein fremdes Land. Berliner Zeitung, 22.07.2010

[2] Ruthe, Ingeborg: Die ganze Welt ist ein fremdes Land. Berliner Zeitung, 22.07.2010.

[3] Willkop, Sabine: Die Grenzgängerin – die palästinensische Künstlerin Mona Hatoum. http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/tips/147331/index.html 02.09.2010

[4] Willkop, Sabine: Die Grenzgängerin – die palästinensische Künstlerin Mona Hatoum. http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/tips/147331/index.html 02.09.2010



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