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Kunstwerk des Monats

September 2014

Thomas Bayrle, "Autobahnmäander", 2001

Dieses Kunstwerk war in der Ausstellung „Was Modelle können“ (29.6.-12.10.2014) im Museum für Gegenwartskunst Siegen ausgestellt. Acht kurze Einblicke:

1.) Thomas Bayrles „Autobahnmäander” aus dem Jahr 2001 stellt eine dreidimensionale Straßenarchitektur dar. Die Arbeit ist als Wandrelief angelegt und zeigt ein in die Länge gestrecktes großes Gitternetz in sich verflochtener Autobahnelemente aus Karton. Auf zwei Ebenen verlaufen zwölf Fahrbahnstrecken. Diese sind befahren von stilisierten Miniaturautos aus Karton. 

2.) Aus der Distanz wirkt das Werk wie ein Ornament. Es erinnert an mikroskopisch vergrößerte Gewebe oder Maschendrahtzäune. Architektonisch ist das Modell nicht realisierbar: Die Autos könnten nur Teilstücke befahren. An den Auf- bzw. Abfahrten zur jeweils anderen Ebene müssen die Miniaturautos der Schwerkraft trotzen und kopfüber weiterrollen. 

3.) Zu den wichtigsten Motiven Bayrles gehören die Stadt, der Verkehr, die Straße und das Auto. 1979 entwarf er das Modul „Autobahn“ aus ausgeschnittener Pappe. Diesem voran gehen seit 1976 Module, für beispielsweise Hochhäuser, Fußgänger, Parkplätze oder Bahnen, die der Künstler ebenfalls aus Pappe nachbaut oder aus Spielzeugteilen und anderen Fundstücken montiert. 

4.) Gewebe- und Rasterstrukturen, ornamentale Muster und Rapporte sowie ganz allgemein das Maschinelle und das Serielle interessieren Thomas Bayrle seit Ende der 1950er Jahre, als er seine künstlerische Laufbahn einschlug. Mitte der 1960er Jahre machte Bayrle bei der Betrachtung journalistischer Bilder von choreografierten Massenveranstaltungen im maoistisch geprägten China eine wichtige Entdeckung: In den Formationen gleichgeschalteter Menschenmassen erblickte er „Superzeichen“, gebildet aus vielen aneinandergereihten „Bildzeichen“. Fortan experimentiert Bayrle – ganz gleich, ob es sich um Individuen oder Gegenstände handelt – mit dem darauf beruhenden Strukturprinzip, er nutzt „Superformen“ als Container für einzelne, gleichförmige bzw. leicht variierte, aneinandergereihte „Bildzeichen“. 

5.) Der formale Aufbau von „Autobahnmäander“, 2001, folgt diesem Strukturprinzip: Es gibt eine dreidimensionale ornamentale Superform, bestehend aus den zwölf ineinander verschlungenen Fahrbahnen, die in sich wiederum zusammengesetzt sind aus seriell aneinandergereihten Autobahnmodulen.

6.) Die Autobahn und ihr Netzwerk, das sich länderübergreifend über die Kontinente spannt, ist ein Sinnbild für Bewegung, für endlos fließenden Verkehr und die Mobilität der Masse – beides Schwerpunktthemen bei Bayrle, dessen Gesamtwerk das Spannungsverhältnis zwischen Individuum, Maschine und Massengesellschaft reflektiert.                                                                      

7.) In einem Zeitungsinterview bezeichnete Bayrle den Autobahnmäander „als Relief unseres Wirtschaftssystems“. Es gehe dabei um mehr als das Motiv der Autobahn. Es gehe ihm um den „Dauerkopfschmerz des ganzen Systems mit seinen gebetsmühlenartig wiederholten Litaneien aus Arbeitsplätzen, Umweltfragen, Autobahnbau, Versicherungen, Autoklau“. (Der Tagesspiegel, 14.6.2003. Interview mit Andreas Schlegel)

8.) Thomas Bayrle gehört zu den wichtigsten Vertretern der deutschen Kunst. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er 2012 durch die Teilnahme an der documenta XIII bekannt. In Kassel wurde ihm eine große Präsentation in der Documenta-Halle gewidmet. Für den Künstler, der damit bereits zum dritten Mal auf der weltweit wichtigsten Kunstausstellung vertreten war, bedeutete dies die verdiente internationale Ehrung seines Werkes.

Stefanie Scheit-Koppitz


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