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Kunstwerk des Monats

September 2012

Francis Bacon, Man at Curtain

„Große Kunst besteht immer darin, das so genannte Faktische, das, was wir über unsere Existenz wissen, zu verdichten und es in einem neuen Licht erscheinen zu lassen.“ (Francis Bacon, 1973 )

Das Werk „Man at Curtain“ des englischen Malers Francis Bacon (1909-1992) entstand in den Jahren 1949–50 und ist dem Beginn des ernsthaften künstlerischen Engagements des Künstlers zuzurechnen. Nach den ersten malerischen Versuchen in den 1930er Jahren, an die sich eine längere Arbeitspause anschloss, erfolgte die vollständige Zerstörung seiner Werke der Jahre 1946–49 durch den Künstler selbst. Anschließend wagte Bacon einen Neuanfang und schuf eine Serie von Bildern einzelner Personen in dunkler, reduzierter Palette. Grau und Schwarz dominieren, Weiß setzt Akzente und die ungrundierte Leinwand, auf der Bacon seit 1949 malt, scheint als schmutziges Gelb durch die Farbschichten. Die Personen werden in ruhigen Posen, aber umgeben von verstörenden Details gezeigt, wie Käfige, Zähne, Ohren oder Sicherheitsnadeln. Das Bild „Man at Curtain“ entstammt dieser Werkgruppe. Im Vergleich zu anderen Bildern dieser Gruppe ist es besonders dunkel gehalten und im Motiv ebenso rätselhaft wie die anderen Porträts. Die Menschen sind angedeutet und schemenhaft erkennbar.

In den Werken der Jahre 1949 bis etwa 1955 treten die dargestellten Personen verschwommen und schattenhaft aus dem dunklen Hintergrund hervor, wie etwas Vorbeihuschendes, das aus dem Augenwinkel betrachtet wird und im nächsten Moment wieder verschwindet. Diese Unschärfe der Figuren verstärkt den Eindruck von Versehrtheit und Bedrohung. Hinzu tritt eine geisterhafte Transparenz der fast  aufgelösten Körper.

Die Figur des Mannes in „Man at Curtain“ ist ebenso durchscheinend angelegt, sein Gesicht verschmilzt mit dem Hintergrund zu einer unförmigen Masse und nur die Kopfform und ein angedeutetes Ohr lassen uns die Figur erkennen. Der hochgereckte rechte Arm ist etwas deutlicher dargestellt, da der rosa-weiße Farbauftrag pastoser erfolgte und der Arm dadurch plastischer erscheint. Rätselhaft erscheint die Tätigkeit, der der Mann nachgeht.

Seine Hand ist zu einem tiefschwarzen Spalt ausgestreckt, der im Dunkel des Bildes kaum zu erahnen ist und mit zwei Sicherheitsnadeln verschlossen wurde. Die Hand hält eine dritte Nadel. Ob der Spalt geschlossen oder geöffnet wird, bleibt unklar. Kaum wahrnehmbar befindet sich rechts des Armes eine weitere Sicherheitsnadel, so bekommt der Hintergrund, dessen Binnendifferenzierung auf den ersten Blick kaum möglich war, eine textile Anmutung. Die lasierenden, breiten Pinselstriche scheinen nun zu einem dünnen Vorhang zu gehören, dessen beide Seiten mit Sicherheitsnadeln verschlossen sind.

Die Sicherheitsnadel bedeutet immer ein Provisorium, etwas Vorläufiges, das vielleicht etwas Dauerhaftem vorausgeht. So scheint die Schließung des Vorhangs ein drängender und hastiger Akt zu sein, vielleicht soll etwas ausgeschlossen werden. Dieses Geschehen spielt sich im Bild in einem mit weißen Pinselstrichen skizzierten Rahmen ab, wodurch es nochmals besonders betont wird. Der akkurat ausgearbeitete rechteckige Rahmen wirkt wie ein Bild im Bild. Rätselhaft bleibt auch die Bedeutung der angedeuteten Box im unteren Bereich des Bildes. Sie versperrt den Blick auf den Körper des Mannes, der vor ihr steht, jedoch fällt sie kaum auf, da nur ihre Umrisse erahnbar sind, farblich ist sie dem dunklen Hintergrund angeglichen.

Die Bilder dieser Periode in Bacons Œuvre rufen eine Beklemmung beim Betrachter hervor, die besonders durch die zellenartige, lichtlose Raumsituation hervorgerufen wird. Oft kommt ein Gefühl der Enge und Anonymität hinzu, welches in vielen der Bilder durch einen angedeuteten Käfig – hier vergleichbar mit dem Rahmen –erklärbar wird, in den Bacon seine Personen setzt.

Der Mensch scheint in diesen Räumen gefangen, nicht geborgen. Zugleich wirken diese Räume seltsam zeitlos, da alle Bezüge zur realen Umgebung fehlen.

Die Motive seiner Bilder entlehnte Bacon den unterschiedlichsten Quellen. Er verwendete Abbildungen aus Zeitschriften, Fotografien, Abbildungen aus medizinischen Fachbüchern und immer wieder Werke der Kunstgeschichte, die ihn besonders faszinierten. Die Bilderflut, von der er in seinem Atelier umgeben war, war ihm Inspiration, er nannte sie Auslöser. Er manipulierte sie und schuf Neues aus ihnen, Knicke und Beschmierungen übernahm er oft in die Bilder.

Ein bestimmtes Foto lässt sich „Man at Curtain“ nicht zuordnen, wie dies bei vielen anderen seiner Werke möglich ist, die Verwendung eines vorliegenden Bildes ist aber auch hier wahrscheinlich. Bacons großer Fundus an kunsthistorischem Material und seine Neugier auf Werke anderer Künstler regten ihn zur künstlerischen Auseinandersetzung mit ihnen an. So entdeckte er das Bild „Porträt des Kardinals Filippo Archinto“ von Tizian (1558) und dessen ungewöhnliche Verwendung eines transparenten Vorhangs, welchen Tizian teilweise vor den porträtierten Kardinal zog, wodurch dieser halb verzerrt gezeigt wird. Dieses Motiv des transparenten Vorhangs wiederholt sich in den Werken Bacons der frühen Werkphase, und auch „Man at Curtain“ deutet darauf hin, wenn auch hier keine sichtbare Verhüllung erfolgt.

Bacons Bilder entstanden ohne intellektuelle Absicht, wie er immer wieder betonte. Er sprach von einer Neuerfindung des Realismus, die er „recreation“ nannte, dabei unterschied er zwischen Illusion und Realität. Ihn interessierten Aspekte, die schwer darstellbar sind und für die er eine neue Art der Darstellung fand, wie Bewegungen des Körpers oder die Präsenz von rohem Fleisch, welches für ihn eine eigene Schönheit und Faszination besaß. Seine Bilder sollten einen visuellen Schock hervorrufen und die Gewalt des Lebens zeigen.

„Reality is pain“ ist eines seiner berühmten Statements, wobei er relativierend hinzufügte, dass die Menschen alles Starke oft mit Schmerz gleichsetzten, da Stärke auch überfordern kann. Die Deformation führt bei Bacon zu einer Neu-Formation, denn verzerrte Menschenbilder werden unmittelbar emotional wahrgenommen und führen dem Betrachter vor Augen, wie fragil und gefährdet das „Menschliche“ in uns ist.

 

Kirsten Schwarz

 

 

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