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KUNSTWERK DES MONATS

September 2011

Candida Höfer, Venezianische Paläste, 2003

Die drei großformatigen Fotografien Candida Höfers (geb. 1944) aus der Serie Venezianische Paläste ziehen den Betrachter ins Bild. Ein schnelles Ansehen im Vorübergehen ist nicht möglich, der Blick wird angezogen – die Bilder laden zum Betrachten ein. Man fühlt sich fast zum Eintreten in die Räume aufgefordert. Der Blick in die gezeigten Innenräume ist unverstellt und auf Augenhöhe ausgerichtet. Fast immer ist die strenge Einhaltung der Zentralperspektive kennzeichnendes kompositorisches Element der Fotografien Candida Höfers.

Als Schülerin des berühmten Künstlerpaares Bernd und Hilla Becher wurde sie an das Fotografieren unbelebter Räume und Plätze und damit auch an die strenge Raumauf-fassung der Bechers herangeführt. Klarheit und Strukturierung der Komposition sind auch für Candida Höfer wichtige stilistische Elemente geworden. Auch das Fehlen der
Menschen in ihren Fotografien verbindet sie mit Bernd und Hilla Becher, denn Menschen nehmen Bilder in Besitz, lenken alle Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Doch handelt es sich bei Candida Höfer nicht um eine Epigonin der bekannten Lehrer, sie setzt eigene Schwerpunkte in ihren Werken. So sind alle ihre Fotografien farbig und das Licht, sowohl natürliches wie Kunstlicht, wird als Stilmittel eingesetzt.

Besonders eindrücklich geschieht dies in der Fotografie des Ballsaales des Palazzo Pisani Moretta in Venendig. Hier erzeugt das durch die Fenster einfallende Licht eine
Reflektion, die den Boden hell erleuchtet. Eigentlich ist er dunkel, doch das Gleißen des Sonnenlichtes verhüllt alle Details und verleiht dem leeren Raum eine eigentümlich erhabene Atmosphäre. Die Impression eines besonderen Augenblicks ist Candida Höfer oft wichtiger als eine objektive Darstellung der Raumstruktur, gerade wenn natürliches Licht einfällt und Akzente setzt. Die strenge Symmetrie des Raumaufbaus und die Betonung der Zentralperspektive setzen hier einen Kontrapunkt.

Das zweite Interieur des Palazzo Pisani Moretta zeigt einen anderen Blickwinkel. Der Raum breitet sich nicht vor uns aus, sondern es wird nur ein unvollständiger Einblick gewährt. Links verwehrt uns eine Wand den Blick in die dahinterliegende Zimmerecke, nach hinten wird der Raum durch die fensterlose Rückwand begrenzt, nach rechts wird der Blick abrupt abgeschnitten, mitten durch die gegenüberliegende Tür und den davor befindlichen Sessel geht die Blick-Grenze. Fast ist man als Betrachter enttäuscht, denn das sonst in Höfers Bildern mögliche und erwünschte Einnehmen des Raumes und seine Offenlegung durch Nutzung eines leichten Weitwinkel-Objektives ist hier bewusst ausgeschlossen. Dieser Raum ist privater eingerichtet, kein Repräsentationsraum wie die vorherige Fotografie. Es handelt sich um einen Wohnraum, einheitlich in einem warmen Burgunderrot eingerichtet, mit bequemen Sesseln, Tischchen und Kommoden, dominiert von der rückseitigen Bilderwand, auf die Candida Höfer augenscheinlich ihr
Hauptaugenmerk richtete. In der Mitte der Fotografie befindet sich ein Renaisance-Porträt, welches so zum Blickfang wird. Es ist der verstohlene Blick in einen privaten Raum.

Wieder anders inszeniert Höfer den Einblick in das Stoffgeschäft Antica Tessiture Luigi Bevilacqua, welches sich ebenfalls in einem alten Palazzo in Venedig befindet. Der symmetrisch ausgerichtete Blickwinkel setzt den alten hölzernen Arbeitstisch ins Zentrum des Bildes, um den herum eine ungeheure Vielfalt kostbarer Stoffe aufgereiht ist. Eine fast pompöse Inszenierung von Faltenwürfen, Texturen, Mustern und Farben. Man erkennt Seide, Samt und Brokat in großer Fülle und fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt in diesem schummrigen, traditionsbewussten Raum. Das Hineinversetzen in eine andere Zeit oder eine besondere Stimmung, die den jeweiligen Raum beherrschen, wird durch das Fehlen der Menschen erleichtert. Man fragt einerseits nach den sich dort normalerweise aufhaltenden Menschen, aber ebenso nach der eigenen Vereinnahmung des Raumes. Die Wiedererkennbarkeit der Orte spielt dabei eine untergeordnete Rolle, wichtiger ist ihre sozio-kulturelle Bedeutung.

Obwohl Höfer in Serien arbeitet, ist ihr Werk kein Versuch einer dokumentarischen
Typologie. Sie fotografiert beispielhaft nach individuellen Vorlieben, sucht sich interessante Orte aus und beendet die Serie, wenn sie es für richtig hält. Es sollen keine Vergleiche gezogen werden, sondern jeder Raum steht für sich. Die Dinge und ihre
Präsentation, Anordnungen und Strukturen, die viel über Besitzer und Nutzer der Räume aussagen, stehen im Vordergrund der Arbeit Candida Höfers. Sie arbeitet, wie sie sagt, mit „Beharrlichkeit und Geduld“, sie muss Genehmigungen einholen und informiert sich über die ausgewählten Gebäude. Meist arbeitet sie frühmorgens oder abends, um die Besucher oder Bewohner der Räumer gerade nicht anzutreffen.  Bisher fotografierte sie Bibliotheken, Theater, Zoologische Gärten, Museen, bekannte Gebäude (so in Portugal und Philadelphia) und zuletzt Räume, in denen Werke das Künstlers On Kawara hängen.

Die bisher größte Auszeichnung der 1944 geborenen Künstlerin, die seit 40 Jahren als freie Fotografin arbeitet, war die Einladung zur Biennale nach Venedig. So entstand 2003 während ihres Aufenthaltes in Venedig die Serie der Palazzi-Räume.

Das Paradox von Distanz zum Motiv und gleichzeitiger bewusster Einbeziehung des
Betrachters macht den Reiz der Fotografien aus. Nichts sagt mehr über den Menschen aus, als die von ihm geschaffenen Räume. Sie werden, gerade wenn sie öffentlich zugänglich sind, inszeniert. Und so inszeniert Candida Höfer die Räume selbst ein zweites Mal, wenn sie diese mit einer Mittelformat-Kamera mit Stativ fotografiert, den Blick auf
Augenhöhe hält und mittels der besonderen Tiefenschärfe eine persönliche Aneignung des Raumes durch den Betrachter erst möglich macht. Sie selbst beschreibt ihre Intention mit den Worten: „Ich will sie (die Räume, Anm. d. A.) für die Geschichten von Leuten öffnen, die mit ihren Augen durch diese Bilder wandern; ich will, dass diese Bilder offen sind für Entdeckungen und dass sie Leute einladen, Zeit in ihnen zu verbringen.“

 

Kirsten Schwarz


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