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KUNSTWERK DES MONATS

September 2010

Joseph Beuys, O. T. (Tischzeichnung), 1973

„Meine Zeichnungen bilden für mich eine Art Reservoir, woraus ich wichtige Antriebe erhalten kann."
(Joseph Beuys)

Dieses Reservoir an Zeichnungen des Künstlers Joseph Beuys (1921-1986) umfasst ca. 7000 Arbeiten. Beuys zeichnete ständig und nicht nur im Atelier. Seine Zeichnungen entstanden auf Packpapier, Servietten, Pappe, Formularen, bedruckten Seiten, Tischdecken und dem Tisch selbst.

Eine solche erhaltene Tischzeichnung zeigt das Museum für Gegenwartskunst im Rahmen der Ausstellung „Je mehr ich zeichne“. Während einer Gesprächsrunde über eine bevorstehende Ausstellung 1973 in Hannover entstand eine Planzeichnung auf dem vor Beuys stehenden Tischchen direkt auf der Tischplatte. Er zeichnete, schrieb und diskutierte gleichzeitig.

Zeichnen war für ihn etwas Elementares – Denken, Planen, Zeichnen und Schreiben bildeten für Beuys ein untrennbares Zusammenspiel. Viele seiner Zeichnungen, so auch diese Tischzeichnung, enthalten Wörter, kurze Sätze, Statements und Schlagworte, denn, so Beuys: „Schreiben (…) ist auch Zeichnen.“ Seine zahlreichen Vorträge illustrierte er oft mit den sogenannten Wandtafelzeichnungen, wobei er während des Sprechens seine Gedanken auf die Tafeln übertrug, doch nicht im Sinne einer Erläuterung des Gesagten, sondern als Aufzeichnung seiner künstlerischen Einfälle. Diese Gedankengänge in Form von Diagrammen und filigranen Zeichnungen sind daher nicht weniger schwer zu entschlüsseln als seine mystischen Plastiken und Rauminstallationen.

Joseph Beuys absolvierte von 1946 bis 1953 ein Studium der Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie und arbeitete bis Ende der fünfziger Jahre als klassischer Bildhauer in Stein. Von 1961 bis 1972 war er Professor für ‚monumentale Bildhauerei’ ebenfalls an der Düsseldorfer Akademie. Sein Kunstwollen wandelte sich im Laufe der folgenden Jahre hin zur Idee der ‚sozialen Skulptur’, der ein erweiterter Kunstbegriff zugrunde liegt. Schon vor dem Krieg hatte er sich mit Zoologie und Geografie befasst und 1941 ein naturwissenschaftliches Studium begonnen. Auch die nordischen Mythen zählten zu seinen Interessensgebieten. Seine intensive Beschäftigung mit der Anthroposophie nach dem Krieg begeisterte ihn für die Idee, die Einheit von Natur und Geist wiederherzustellen und damit den Widerspruch zwischen Kunst und Naturwissenschaft zu überwinden. Innerhalb seiner Kunst strebte er vom Materiellen zum Geistigen. ‚Seelisches Material’ sollte in seinen Plastiken und Environments eine ebenso große Rolle spielen wie die physischen Stoffe. Wärme und Kälte gehörten für Beuys zu den ‚überräumlichen plastischen Prinzipien’. Dargestellt wurden sie mit verschiedenen Materialien wie Filz, Fett, Honig und auch in den Titeln seiner Arbeiten, wie ‚Feuerstätte’ und ‚Honigpumpe’ am ‚Arbeitsplatz’ tauchen sie immer wieder auf.

Auf der ausgestellten Tischzeichnung finden sich einige seiner Leitmotive wieder, etwa ein kleiner Hirsch, eine Filzbahn, die Zeichnung einer Fettecke mit dem Satz „Fettecke bestimmt denken“, ein Bienenkorb und der Satz „Gib mir Honig“ sowie u. a. die Worte ‚Aktion’, ‚Energie’‚ ‚Demokratie’, ‚Isolator’, ‚Kampf’, ‚Gleichheit’ und ‚Sozialismus’. Die Durchdringung seines künstlerischen Werkes mit seinem politischen Engagement wird hier deutlich.

Beuys war seit Ende der sechziger Jahre politisch aktiv, so gründete er 1967 die deutsche Studentenpartei, diskutierte mit Ausstellungsbesuchern über direkte Demokratie und Volksabstimmungen und war Gründungsmitglied der ‚Grünen’. Seine politischen Ideen waren kein Partei-Programm, sondern für Beuys eine logische Fortführung seines künstlerischen Werkes. In seinen Augen führte die moderne Kunst bisher ein Nischendasein, weit weg vom Bewusstsein der Menschen. Sie sei wirkungslos, warf er ihr vor. Beuys erweiterte den Kunstbegriff, indem er ihn auf die menschliche Kreativität allgemein bezog. Die Kunst sollte als letztes Ziel die Gesellschaft umgestalten. Seinen Ursprung hatten Beuys politische Vorstellungen in der Lehre von der sozialen Dreigliederung Rudolf Steiners.

Die Verflechtung seiner hermetischen Kunst mit seinem offensiven politischen Tun war für Beuys kein Widerspruch – seine Werke würden sich der rationalen Analyse entziehen, jedoch eine Ahnung vermitteln, bemerkte er 1974. Beuys wollte seine Werke nicht erklären, sie sollten betroffen machen und neue Erfahrungen hervorrufen.

Viele seiner Zeichnungen nannte er ‚Partituren’, sie waren Planzeichnungen für eventuelle spätere Plastiken, aber keine ausgereiften Entwürfe. Inhaltlich setzte er sich in ihnen mit den Phänomen der Erkenntnistheorie und der energetischen Transformation auseinander.

Seine Idee, dass jeder Mensch ein Künstler sei, ein oft missverstandener Satz, versuchte Beuys in einem Werkstattgespräch 1986 zu konkretisieren: „Zeichnen ist etwas sehr Elementares, was jeder Mensch kann, wo vielleicht Unterschiede sind im Was. (…) Ich kann aber nicht sagen, der Weg ist so, dass einer zeichnen muss. Das liegt daran, dass ich nun mal gezeichnet habe und durch die Zeichnung versucht habe, eine Diskussion in Gang zu bringen und natürlich auch Zeichnungen zu machen, die ihr Eigenleben haben, die einfach so als Konstellation leben.“

Auch die Tischzeichnung hat den Charakter eines fragilen Gedankengebäudes, die zarten, erst auf den zweiten Blick erkennbaren Bleistiftzeichnungen wirken offen, mit wenigen Strichen gesetzt. Erregtheit und Schnelligkeit zeichnet den Strich aus, als müssten die Gedanken vor ihrer Verflüchtigung aufs Papier gebracht werden. Die mit feinsten Skizzen bedeckte Tischplatte zeigt keine geschlossene Komposition sondern ein scheinbar unübersichtliches Gewirr von Zeichnung und Schrift. Jedes Segment bildet für sich einen Mikrokosmos, beispielsweise unten rechts ein Bienenkorb, eine Honigkelle und der Satz „Gib mir Honig“. Doch werden alle Bereiche der Zeichnung von einer umschließenden Linie zusammengefasst und bilden so eine Einheit.

Für Beuys waren diese visuellen Gedankengebilde eine Art Grundmaterial, er selbst benutzte die Begriffe ‚Kraftreserve’ und ‚Batterie’. Das Vorläufige und Flüchtige seiner Zeichnungen lässt es schwierig erscheinen, Motive zu benennen und Strukturen zu erkennen.

Doch lag gerade hier für Beuys die Bedeutung seiner Zeichnungen, sie waren Suche und Erprobung, ständig abgewandelte Skizzen seines Vokabulars. Brüchig, verwischt, fast aufgelöst scheinen die dünnen Linien, doch für den Künstler selbst waren sie von größter Bedeutung für sein gesamtes künstlerisches Schaffen.

(Ausgestellt in "Je mehr ich zeichne")

Kirsten Schwarz


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