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Kunstwerk des Monats

Oktober 2015

Maria Lassnig, "Paar", 2005

Zwei Personen, einander zugewandt, die Köpfe unter einem transparenten Gewebe an der Stirn zusammengelegt. Das „Paar“ von Maria Lassnig scheint sich selbst genug. Die Berührung ist vertraut, intim, und doch ein wenig schüchtern. Das Tuch beschirmt die Intimität der beiden Personen, doch der durchsichtige Stoff lässt den Betrachter an der Zweisamkeit teilhaben. Fast mutet es wie eine Zeremonie an, die diese beiden Personen miteinander verbindet.

Tatsächlich hat das Kopftuch oder der Schleier schon seit der Antike eine rituelle Bedeutung bei ehelichen Verbindungen. Er markierte den Übergang von der unverheirateten Frau in den Ehestand. Wir kennen ihn heute noch als Brautschleier. Wie das Paar im Bildraum in seiner eigenen Welt allein zu sein scheint, so verstärkt das Tuch diese Zweisamkeit noch zusätzlich. Es verbindet sie zu einer Einheit, schafft einen gemeinsamen Ort und grenzt sie von der Außenwelt ab. Doch wir als Betrachter können an ihrer Welt teilhaben, schauen durch das Tuch hindurch in das Bild. Was vermeintlich versteckt ist, wird im Gegenteil betont, so dass die Rolle des Betrachters irgendwo zwischen einem Zeugen des Geschehens und einem Voyeur verschwimmt.

Diese Beobachterrolle nimmt naturgemäß auch die Künstlerin ein. Maria Lassnig hat in ihrer Malerei stets aus sich selbst heraus geschöpft. Ihr Interesse gilt vor allem dem eigenen Körper und die damit verbundenen Erfahrungen und Empfindungen. Die Erforschung des Körpers erfolgt aber nicht von außen, sondern von innen heraus. Die Künstlerin sagt selbst: „Es ist sicher, ich male und zeichne nicht den ‚Gegenstand‘ Körper (…) – sondern ich male Empfindungen vom Körper.“[1] Es ist also kein bloßes Beobachten des sichtbaren Körpergehäuses, sondern ein Nachspüren der damit verbundenen Sinneseindrücke und Gefühlsregungen. Diese visualisiert Lassnig durch den Körper auf der Leinwand. Dabei ist ihr bewusst, dass es eine schwierige Transformation darstellt:„ … ein Körpergefühl ist optisch schwer zu definieren, wo fängt es an, wo hört es auf, welche Form hat es, rund, eckig, spitzig, gezackt? – und dieses zu erforschen ist wie ein Umzäunen von Wolken, ein Feststecken von Nebelreichen, eine Mystik des Physischen.“[2]

In vielen Bilder haftet ihren Körpern, Personen und Porträts etwas Drastisches und Groteskes an. „Die Drastik ist eine Vereinfachung, eine ungestüme Zusammenfassung alles dessen, was man müde geworden ist zu betrachten. Und die Drastik legt noch ein Stückchen Übertreibung dazu“ [3], sagt Lassnig zu ihren Bildern. Drastik fordert uns also auf, immer wieder neu hinzuschauen, beim menschlichen Körper, der uns gleichzeitig so vertraut ist und doch so fremdartig sein kann.
Das „Paar“ erscheint im Vergleich zu anderen Arbeiten wenig drastisch; in den späten Jahren ihres Schaffens besinnt sie sich bei der Darstellung von Paaren auch wieder auf das Malen nach Modell, und nicht nur den eigenen Körper. Vielleicht lässt sich in der Reflexion über Paare auch eine Verbindung sehen zu Lassnigs früheren Arbeiten, in denen sie sich mit der eigenen, nicht stattgefundenen Heirat und Mutterschaft auseinandergesetzt hat.[4]

 

[1] Zitiert nach: „Maria Lassnig“, Ausst.-Kat. Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig Wien, 1999, S. 86
[2] Obrist (Hg.): Maria Lassnig. Die Feder ist die Schwester des Pinsels. Tagebücher 1943-1997, 2000, S.81
[3] Zitiert nach: „Maria Lassnig“, Ausst.-Kat. Museum für Moderne Kunst Stiftung Ludwig Wien, 1999, S. 156
[4] Z.B. „Illusion von den versäumten Heiraten I“, 1997 oder „Illusion von der versäumten Mutterschaft“, 1998

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