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Kunstwerk des Monats

Oktober 2014

Michael Ashkin, „Untitled (where the toll for dreaming is exacted upon awakening)“, 2009

Die Museumsbesucher müssen sich anstrengen, um die Installation „Untitled“ des amerikanischen Künstlers Michael Ashkin  genauer zu sehen. Die weit vor ihnen ausgebreitete Pappe verhindert die Betrachtung des Modells einer schemenhaften Siedlung im hinteren Bereich des Raumes. Dorthin zu gelangen erlaubt der Künstler nicht, die ausgelegte Pappe ist Abstandhalter und zugleich Teil der imaginierten Landschaft. 

Die Siedlung besteht aus barackenähnlichen Gebäuden mit flachen Dächern und Schornsteinen, zwischen denen vereinzelte Wachtürme stehen. Es scheint sich um eine geplante Anlage zu handeln, dafür sprechen die Straßenzüge. Die auf reine Zweckmäßigkeit ausgelegten schmucklosen Gebäude wurden entlang der Straßen aufgereiht. Die monochrome Farbgebung sowohl der Landschaft wie der Gebäude erinnert an Wüstenstädte des Wilden Westens oder an Militärcamps in Afghanistan. 

Der Titel „Untitled / Ohne Titel“ und der poetische Untertitel  „where the toll for dreaming is exacted upon awakening / wo der Tribut für das Träumen beim Aufwachen eingefordert wird“ geben keine offensichtliche Erklärung zum Werk. Weitere neunzehn Aphorismen, der Arbeit als Wandtexte beigefügt, verweisen auf andere Installationen in jeweils unterschiedlicher Anordnung. Traum und Erwachen, aber auch Schlaf und Monotonie sind Begriffe, die zur Beschreibung der Installation passen. Es ist zwar keine menschliche Aktivität spürbar, alles wirkt verlassen oder in einer Art Betäubung gefangen. Jedoch wirkt das auf die Siedlung gerichtete Schlaglicht wie ein die Wolken durchdringender Sonnenstrahl –  vielleicht ein Weckruf, der den Dornröschenschlaf des Ortes beenden könnte. Ebenso kann das helle, gleißende Licht hier aber auch für den Verlauf eines weiteren Tages in einsamer Tristesse stehen. Man spürt die Hoffnungslosigkeit eines trostlosen Ortes inmitten einer unwirtlichen Umgebung. 

Neben den modellhaften Installationen umfasst Ashkins Werk auch Fotografien und Videoarbeiten zu Themen wie Landschaft und Urbanität, Industrialisierung und Natur sowie architektonischer Improvisation. Die Arbeit „Untitled“ entstand auf der Grundlage von Luftaufnahmen, sie bezieht sich aber nicht auf konkrete Orte, sondern imaginiert die räumlichen „Nebenprodukte“ des Spätkapitalismus, wie Industriebrachen und aufgelassene, ausgebeutete Orte. Ashkin beschäftigt sich aber auch mit Orten der gesellschaftlichen Exklusion: Gefängnisse, Flüchtlingscamps, illegale Siedlungen.

Michael Ashkin liest die postindustriellen Landschaften und verwandelt sie in seinen Werken in verlassene, öde, isolierte Orte. Er macht in den utopischen Orten konkrete räumliche und politische Auswirkungen der Globalisierung und des kapitalistischen Systems sichtbar. Die bescheidenen Materialien Karton und Pappe repräsentieren verlassene und improvisierte Räume. Die abseitige Lage in einer Wüste ruft bei der Installation „Untitled“ Reflexionen über diesen Ort hervor: Wirkt er bedrohlich oder könnte er auch für eine besondere geistige Erfahrung stehen? 

„Untitled“ bleibt distanziert. Die ursprüngliche Intention eines Modells ist es durch Verkleinerung einen Überblick zu verschaffen. Durch die große Distanz kommt es hier jedoch zu einer Verschleierung der Details. Es entsteht Raum für Spekulationen und Assoziationen.  Die Sprache nutzt Michael Ashkin, um Gedankengebäude zu erzeugen und  bildhafte Zugänge zu den Modellen zu schaffen. Neben den Aphorismen zu „Untitled“ schuf er 2009 den Text „here“, der Reflexionen über die Wüste enthält und mit folgenden Worten beginnt:„ Here, in the desert, one walks and imagines an architecture in the distant haze.” (www.michaelashkin.com/here.)

Michael Ashkin, geboren 1955, lebt und arbeitet in Ithaca, New York. Nach dem Studium der Kulturen und Sprachen des Mittleren Ostens studierte er ab 1993 Kunst an der School of Arts in Chicago. Er unterrichtet Kunst an der Cornell University, Ithaca. 2002 nahm er an der Documenta in Kassel teil.

 Kirsten Schwarz

Dieses Kunstwerk war in der Ausstellung „Was Modelle können“ (29.6.-12.10.2014) im Museum für Gegenwartskunst Siegen ausgestellt.


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