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Kunstwerk des Monats

Oktober 2013

Lucian Freud, Another Dead Bat, 1980

Ein kleines braunes Bild, nur circa 15 x 17 cm groß; in einer Ecke ein wenig Grün, in der Mitte ein hellerer Bereich. Auf den zweiten Blick entdeckt man Kleeblätter und die Form in der Mitte entpuppt sich als Fledermaus.

Die Flügel sind wie ein Kokon an den Körper gelegt, sie liegt auf dem Rücken, so dass der verletzliche Bauch mit dem Fell nach oben zeigt. Die Fledermaus liegt schutzlos auf der nackten Erde und es wird klar, dass sie tot ist. Anstatt meisterhaft durch die Luft zu flattern, mit Artgenossen von der Höhledecke herabzuhängen oder unbeholfen auf dem Boden zu krabbeln, bleibt diese Fledermaus für immer reglos.

Zunächst erscheint das Bild einer toten Fledermaus vielleicht merkwürdig. Lucian Freud hat aber sogar zwei Bilder dieser Art gemalt; das andere Gemälde, Landscape with Bat stammt aus demselben Jahr. Freud hat in seiner Malerei stets das wiedergegeben, was seinen Weg kreuzte. Er sagt einmal, dass jedes Werk von ihm und seiner Umgebung handle: “I’ve got a strong autobiographical bias. My work is entirely about myself and my surroundings.”[1] Das waren Menschen, mit denen er befreundet oder verwandt war, oder auch fremde Personen, die ihn auf irgendeine Art faszinierten. Das waren aber auch Tiere. Bereits in den 1940er Jahren tauchen Tiere in seinem Werk auf. Neben seinem ausgestopften Zebrakopf, ebenfalls in der Sammlung Lambrecht-Schadeberg zu sehen (Quince on a Table, 1943-44), hat Freud auch immer wieder tote Tiere gemalt; neben seiner damaligen Londoner Wohnung befand sich ein Kleintiergeschäft, wo er sich verstorbene Exemplare zum Studium besorgte.

So entstanden vor allem Zeichnungen wie Rabbit on a Chair oder Dead Monkey (beide 1944). Er interessierte sich für die Struktur von Fell und Federn, wie auch im Gemälde Dead Heron (1945). Vor allem in den 1980er Jahren schafft er Doppel- oder Dreifachporträts, auf denen Personen mit ihren Hunden zu sehen sind. Ein ähnliches Porträt gibt es aber auch schon 1950/ 51 mit Girl with a White Dog. Sein eigener Hund Pluto ist in den 1980er Jahren  auch vermehrt alleiniges Motiv. Durch sein ganzes Schaffen hindurch gibt es auch die Darstellung von Pferden. Freud fängt das Wesen seines Gegenübers ein, sei es nun Mensch oder Tier. Er sagt einmal, dass Menschen nur „angezogene Tiere“ seien („animals dressed“); ohne ihre Kleidung käme ihr wahres Wesen zum Vorschein. Diesem Wesen schenkt Freud nun seine ganze Aufmerksamkeit und versucht es im Bild wiederzugeben. Genauso viel Hingabe widmet er den Porträts von Tieren, denen er damit dieselbe Individualität wie seinen menschlichen Modellen zuspricht.

Bei Another Dead Bat hat Freud im Gegensatz zu den großformatigen Aktbildern hier ein winziges Bild geschaffen. Trotzdem ist es ein lebensgroßes Bild der Fledermaus und ebenso wie seine kleineren Porträts von Menschen ist das Hauptmotiv mittig gesetzt und füllt fast die Bildfläche aus. Bei seinen Menschenbildern hat Freud die Farbe pastos, mit kräftigen Gesten aufgetragen. Aus der Farbe modellierte er das Fleisch. Die Fledermaus aber hat eine andere Natur, hier hat Freud mit zarten Pinselstrichen und Tupfern gearbeitet. Die Fragilität ihrer Flügel, die Weichheit ihres Bauchfelles hat Freud meisterhaft eingefangen und umgesetzt. Die Schutzlosigkeit ihres kleinen Körpers wird durch die fast naturgetreue Größe betont und fast möchte man die Hand ausstrecken, um zu überprüfen ob sie sich wirklich nicht mehr rührt oder ob sie noch warm ist.

Vielleicht hat die Hilflosigkeit angesichts eines toten Tieres, dem man unvermittelt im eigenen Garten begegnet, Freud dazu veranlasst, eine Art Totenporträt des kleinen Flugsäugers anzufertigen.

Fasziniert hat Freud bestimmt aber auch, dass man diese nachtaktiven Tiere normalerweise kaum richtig zu Gesicht bekommt; im Flug sind sie schwer von nahem zu betrachten und ihre Schlafplätze sind nicht immer zugänglich. Wie beim Kaninchen der 1940er Jahre studierte er die Beschaffenheit ihres Körpers und hat wie bei seinen Porträts versucht, ihr Wesen zu ergründen und im Bild wiederzuerwecken. Damit ein Bild uns bewegt, darf es uns nicht nur an das Leben erinnern, es muss selbst leben.[2]

 

                                                                                                         Ines Rüttinger



[1] Zit. nach William Feaver: “Lucian Freud”, New York, 2011, S. 18

[2] „The picture in order to move us must never merely remind us of life, but must acquire a life of its own.” Lucian Freud, zit. Nach William Feaver: “Lucian Freud”, Venedig, 2005, S. 41.


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