AUSSTELLUNG & SAMMLUNG zur Übersicht »

Kunstwerk des Monats

Oktober 2012

Max Becher & Andrea Robbins, Acht Werke aus der Serie "770’s"

In den Arbeiten von Max Becher und Andrea Robbins ist nicht alles so eindeutig, wie es scheint. Viele ihrer Arbeiten drehen sich um die sogenannte „transportation of place“, bei der sie die Effekte von Kolonialismus, Immigration, Diaspora, Globalismus oder Tourismus untersuchen.

Becher und Robbins suchen Orte auf, die ein hohes Maß an „transportation“ versprechen, unter anderem Lüderitz, eine Stadt in der ehemaligen deutschen Kolonie Namibia, oder Holland, Michigan, eine von niederländischen Siedlern gegründete Stadt in den USA. Dabei gehen dem Fotografieren vor Ort Wochen von Recherche voraus.

In der Ausstellung sind Werke der Serie 770’s vertreten. In ihr untersucht das deutsch-amerikanische Künstlerpaar ein Phänomen der jüdischen Diaspora: Die ultraorthodoxe Gemeinde der Lubavitcher Juden, Ramat Shlomo, hat in Brooklyn, New York ein neugotisches Gemeindehaus, das vormals eine medizinische Einrichtung war. Überall auf der Welt wird dieses Backsteingebäude von Mitgliedern nachgebaut, damit dort ein identisches Zentrum der Gemeinde zur Verfügung steht. Inzwischen gibt es 13 solcher „Franchise“-Gemeindehäuser auf der Welt.  

Durch die Architektur wird so die Verbindung zur Muttergemeinde manifestiert. Außerdem hat das Gebäude als ehemaliges Heim und Wirkstätte des 7. Lubavitcher Rabbis, der die Gemeinde verstärkte und in die Welt hinausschickte, auch Symbolfunktion. Es ist eine Art Leuchtturm für Reisende der Gemeinde und ein sicherer Hafen zugleich.

Diese Aneignung und Transformation einer vollkommen anderen geografischen Situation zu einem identischen Ableger zeigt ein spezielles Verständnis von Identität und Gemeinschaftswesen. Max Becher und Andrea Robbins haben diese Gemeindehäuser fotografiert, wobei zum Teil seltsame Bildwelten entstanden sind.

Die drei Aufnahmen aus Jerusalem sind mit unterschiedlicher Entfernung und Position zum Gebäude aufgenommen. Vorder- und Rückansicht zeigen ein isoliert stehendes Gebäude, das mit seiner Umgebung nicht in Verbindung zu stehen scheint. Auch die Fernsicht verstärkt diesen Eindruck. In der nahöstlichen Szenerie, zwischen weißen Häusern und der kargen, mediterranen Vegetation wirkt das Brooklyner Bachsteinhaus wie ein Exot, ein verpflanztes Exemplar einer anderen Spezies.
Auch die anderen Fotografien aus São Paolo und Mailand dokumentieren die Fremdartigkeit des Gemeindehauses in seiner neuen Umgebung. In der brasilianischen Metropole verschwindet es nahezu zwischen den Hochhäusern. In Mailand fügt sich das Gebäude in die Häuserfronten, die Dimensionen sind stimmig. Dennoch scheint das Gebäude fremd zwischen den anderen. Es ist die Außenhaut, der Backstein, der so untypisch zwischen den italienischen Gebäuden auftaucht.

Damit zeigen die Arbeiten auch die Probleme, die eine derartige Wiederholung mit sich bringt; die Beibehaltung einer äußeren Form stiftet eine besondere Verbindung mit der Muttergemeinde. Alle sind Teil eines großen Ganzen, man hat einen gemeinsamen Ursprung, eine Geschichte, eine Identität. Aber dadurch bleibt diese Identität in der Fremde auch immer etwas Fremdes in der neuen Umgebung, da sie unfähig zur Anpassung ist. Ein Austausch mit der Umgebung oder gar eine Integration wird verhindert. Die Andersartigkeit wird im Gemeindehaus manifestiert, das als Schutz in der Fremde dient. Die Gemeinde bleibt unter sich.

Max Becher und Andrea Robbins zeigen in all ihren Arbeiten das Verhältnis der Menschen zu Identität auf und nutzen die Fotografie dabei als Medium, da es die Dokumentation und das Sammeln ermöglicht. Max Becher, Sohn von Bernd und Hilla Becher, steht dabei durchaus in der Tradition seiner Künstlereltern.
Anders als sie legt er aber nicht Typografien von Formen und Gebäuden an, sondern widmet sich mit seiner Frau Andrea Robbins dem Dokumentieren von Menschen und ihren Identitäten, dem Sammeln ihrer Geschichten. Andere Serien wie German Indians, Black Cowboys oder Postville (ebenfalls über Lubavitcher Juden ) rücken dabei den Menschen auch fotografisch ins Bild.
Die hier gezeigten Werke erscheinen zunächst als bloße Dokumentation von Gebäuden. Erst durch die Auseinandersetzung mit dem Dargestellten wird klar, dass das Künstlerpaar die Gebäude als Ausdruck, als Symptom eines besonderen Umgangs mit Identität und Geschichte im fotografischen Bild einfängt. Dabei wollen sie aber keine Leserichtung vorgeben. Sie überlassen es uns, sich vorzustellen, wie es ist, an diesen neu verorteten Plätzen zu leben, mit allen Ursachen und Konsequenzen. Max Becher und Andrea Robbins wollen zeigen, nicht erzählen.

Die Fotoserie ist Teil der Ausstellung „Durchsucht, fixiert, geordnet – 10 Jahre Sammlung Rheingold. Diese beschäftigt sich mit ausgesuchten Positionen zeitgenössischer Fotografie. Die künstlerischen Akteure setzen sich auf unterschiedliche Weise mit dem Blick auf die Welt auseinander. Sie stellen Fragen nach den Bedingungen des Mediums sowie nach dem Realitätsgehalt von Bildern.

(Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf – Dauerleihgabe der Sammlung Rheingold)

Ines Rüttinger


Öffnungszeiten

Täglich
Donnerstag
Montag
Feiertage
Neujahr

 

11–18 Uhr
11–20 Uhr
geschlossen
11–18 Uhr
14 – 18 Uhr


Preise

Erwachsene
Ermäßigt

5.90 €
4.60 €

Alle Preise ››

Kontakt

Museum für Gegenwartskunst Siegen
Unteres Schloss 1
57072 Siegen
t 0271 405 77-10
t 0271 405 77-0
f 0271 405 77 32
info@mgk-siegen.de