AUSSTELLUNG & SAMMLUNG zur Übersicht »

KUNSTWERK DES MONATS

Oktober 2011

Cy Twombly, Ohne Titel (North Carolina), ca. 2000

Die Serie Ohne Titel (North Carolina) umfasst sechs Fotografien des amerikanischen Künstlers Cy Twombly (1928–2011). Alle sechs zeigen einen Bambus¬strauch, der in Nahsicht durch eine Glasscheibe aufgenommen wurde. Das Motiv erschließt sich aller-dings erst auf den zweiten Blick, zuerst wird der Blick des Betrachters von gleißenden Lichtreflexen angezogen.

Die Serie Ohne Titel (North Carolina) umfasst sechs Fotografien des amerikanischen Künstlers Cy Twombly (1928–2011). Alle sechs zeigen einen Bambus­strauch, der in Nahsicht durch eine Glasscheibe aufgenommen wurde. Das Motiv erschließt sich allerdings erst auf den zweiten Blick, zuerst wird der Blick des Betrachters von gleißenden Lichtreflexen angezogen. Eine unbestimmbare Helligkeit strahlt aus den Fotografien, deren Quelle schwer zu erschließen ist. Fast wirken die Bilder, als folge der Fotograf einem schwebenden undefinierbaren Leuchten. Betrachtet man dieses Leuchten genauer, erkennt man die Quelle: es handelt sich um einen fotografischen Blitz, der von einer Scheibe reflektiert wird. Durch die Nähe zur Scheibe wird auch dessen Aura fotografiert, die eine helle Fläche erzeugt und einen großen Teil der einzelnen Fotografien einnimmt. Das eigentliche Motiv wird überstrahlt und ist kaum noch erkennbar.

Für Cy Twombly schien eine seltsame Faszination von diesem gleißenden Licht auszu­gehen. Fast fühlt man sich an verschwommene Beweisfotos angeblicher UFOs erinnert. Der Künstler versuchte im Moment des Auslösens den dann erst entstehenden Effekt einzufangen: was er so auf das Foto bannt, ist letztendlich ein Zufallsprodukt. Twombly führte somit den eigentlichen Zweck des Fotografierens, ein Motiv festzuhalten und so klar wie möglich wiederzugeben, ad absurdum – als würde man beim Fotografieren die Augen schließen. Auf den sechs Fotografien der North Carolina-Serie lotet Twombly alle Facetten dieses Lichteffektes aus. Er fotografiert bei Tag und verstärkt die Helligkeit des Sonnenlichtes bis zu einer kaum ertragbaren Grellheit. Er fotografiert bei Nacht und der Strauch taucht mystisch aus der Dunkelheit auf. Er lässt ihn im Lichtfeld des Blitzes un­scharf verschwimmen und seine Blätter wirken wie im Sturm am Betrachter vorbeifliegend, vereinzelt, nebulös. Je länger man den profanen Strauch betrachtet, desto weiter schweifen die Assoziationen, die Atmosphäre nimmt den Betrachter gefangen und rückt das Motiv in den Hintergrund.

Auch die spezielle Technik dieser Arbeiten trägt zu der eigenartigen Stimmung bei. Wie bei fast allen fotografischen Werken Twomblys, basiert auch diese Serie auf einfachen Polaroids. Der Künstler hat über vierzig Jahre einen Fundus an Polaroid-Fotos angelegt, aus denen er seine Serien zusammenstellte. In einem speziellen Dry-Print-Verfahren kopierte und vergrößerte er die Polaroids. Es handelt sich um ein Verfahren für Banknoten und Briefmarken, das in den 50er Jahren in den USA verwendet wurde, heute jedoch nicht mehr gebräuchlich ist. Eine geringe Wasserzugabe führt zu einer samtigen Farbwieder­gabe. Das Gesamtbild erscheint matt und körnig-porös. So sind die gezeigten Fotografien genaugenommen Farbpulver-Drucke auf der Grundlage von Polaroids. Der pudrige Glanz der Oberfläche erhöht die Distanz zum fotografierten Objekt, fast scheint es, als schaue man durch einen feinen Schleier.

Licht und Schatten spielen eine große Rolle, hier wie auch in vielen anderen Fotografien Cy Twomblys. Das Spiel mit der Realität und ihren Erscheinungsformen treibt der Künstler auf die Spitze – bis zur Abstraktion. Geht man die Fotoserien ab, so führt uns der Künstler vom identifizierbaren Gegenstand zu abstrakten Farb- und Lichtspielen. Was ist realer Gegenstand, was ist bloße Erscheinung? Auch in North Carolina wird der Blick durch starke Überbelichtung ebenso irritiert wie durch die undurchdringliche Dunkelheit mancher Bildfelder. Der Betrachter ist gezwungen, sich sehr nahe vor dem Werk und in größerer Distanz zu ihm hin und her zu bewegen, auf der Suche nach einem Motiv, das im wahrsten Sinne unkenntlich gemacht wird. Es ist nicht mehr fassbar, kaum in unsere Wahrnehmung einzuordnen. Mit dem im Titel festgehaltenen Entstehungsort erhält der Betrachter einen konkreten Anhaltspunkt auf das reale Motiv. Doch enthalten die Foto­grafien Cy Twomblys vieles mehr, es sind erstarrte Stimmungen, Lichtspiele, mystisches Leuchten, Andeutungen, Zweideutiges, Unbestimmtes.

Das Malerische ist in Twomblys Fotografien vorherrschend. Twombly unterläuft das Medium der Fotografie, um einen Effekt von Unschärfe zu erzielen, der malerisch wirkt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine Bewegung unter den Fotografen, die den reinen Abbildauftrag der Fotografie negierten und neue Wege einschlugen. Der Begriff der ‚Bild- Kunst‘ hielt Einzug. Eine Ästhetisierung der Fotografie wurde gefordert, die die steifen Atelierfotos hinter sich lassen sollte. Der amerikanische Fotograf Peter Henry Emerson formulierte 1889 seinen Anspruch, die menschliche Wahrnehmung nachzu­empfinden, folgendermaßen: „Nichts ist in der Natur scharf umrissen, alles, was man sieht, sieht man vor etwas anderem, und seine Konturen gehen in dieses Andere oft so sachte und unmerklich über, dass man gar nicht unterscheiden kann, wo das eine endet und das andere beginnt. In dieser Mischung aus Entschiedenheit und Unentschiedenheit, aus Verloren und Gefunden, liegt der ganze Reiz und das Geheimnis der Natur.“ Die Parallele zu den Fotografien Twomblys ist erstaunlich. Im Gegensatz zu Emersons Bildern nobilitiert Twombly allerdings eher profane und teilweise banale Motive. Statt eines durchkomponierten Sujets lässt Twombly dem Zufall größtmöglichen Raum. Ein fast unbewusstes Arbeiten, dem später in Auswahl und Bearbeitung höchste Sorgfalt widerfährt. So entstehen ästhetische Reize, die es dem Betrachter erlauben, in eigenen Assoziationen und Erinnerungen zu schwelgen.

(Sammlung Lambrecht-Schadeberg)

Kirsten Schwarz


Öffnungszeiten

Täglich
Donnerstag
Montag
Feiertage
Neujahr

 

11–18 Uhr
11–20 Uhr
geschlossen
11–18 Uhr
14 – 18 Uhr


Preise

Erwachsene
Ermäßigt

5.90 €
4.60 €

Alle Preise ››

Kontakt

Museum für Gegenwartskunst Siegen
Unteres Schloss 1
57072 Siegen
t 0271 405 77-10
t 0271 405 77-0
f 0271 405 77 32
info@mgk-siegen.de