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KUNSTWERK DES MONATS

Oktober 2010

Alexander Roob, CS: Neurobiologische Versuchslabore Universität Bremen, September 2003

Für seine im September 2003 entstandene Bildreportage CS: Neurobiologische
Versuchslabore stattete sich Alexander Roob mit DIN-A5-großen Papierblättern und
schwarzem Kohlestift aus. Roob besuchte die Forschungslabore an der Universität
Bremen, die sich mit Gehirnforschung beschäftigen und wegen ihres Einsatzes von
Tierversuchen sehr umstritten sind. Der 1956 geborene, in Düsseldorf und Stuttgart
lebende Künstler begab sich als stummer Beobachter und gleichzeitig zeichnerisch
ermittelnder Reporter ins ‚Feld'. Diese Verfahrensweise vermittelt einen distanzierten
dokumentarischen Blick und zugleich eine authentische erlebnisorientierte Schilderung
der Affenversuche.

Anders als im Künstlerbuch CS: Reporte zeigt Roob seine gezeichnete Reportage in Tischvitrinen, was den Betrachtern eine andere Wahrnehmung abverlangt.

Die mit wenigen präzisen Kohlestiftstrichen, ganz aus Umrisslinien aufgebauten Zeichnungen schildern als zusammenhängende Folge den Verlauf des gerade stattfindenden Experiments. Das menschliche Sehen ist bei den Zeichnungen von Alexander Roob die Bezugsgröße. Es wird als ein von Aufmerksamkeit gesteuerter Prozess geschildert: Wir sehen durch die Augen des umhergehenden Reporters; beispielsweise im Ablauf der hier veröffentlichten sechs Zeichnungen wie eine Hand eine Kanüle in den Mund eines Affen führt, wie das Tier in einer Apparatur eingezwängt verharrt, dann wie eine Art elektronisches Mikroskop an seinen Hinterkopf angeschlossen wird.

Hier, wie gleichermaßen bei allen der insgesamt 108 ausgestellten Zeichnungen, schweift der Blick des zeichnenden Reporters mal umher, mal verweilt er bei scheinbar Beiläufigem wie den Labormöbeln oder Apparaturen, mal wird er kurzfristig von Einzelheiten wie dem Gesichtsausdruck des Versuchstieres, den elektronischen Verkabelungen oder den Händen des Wissenschaftlers gebannt. Die Zeichnung ermöglicht das, was gerade im Fokus der Aufmerksamkeit steht, zu umreißen und alles andere einfach wegzulassen. Entsprechend brechen die Linien mitten im Zeichenverlauf einfach ab.

1985 begann Roob sein langfristig angelegtes Zeichnungsprojekt, das ihn an verschiedene Orte wie Baustellen, Schlachthäuser oder Experimentallabore führte. Die thematisch gebündelten Bildreportagen fügte er zu einem sogenannten Codex, einer aus losen Teilen zusammengebundene Handschrift, zusammen. Zwischen 1990 und 1999 entwickelte er diese als sogenannte CS-Reporte in der Form von Bildromanen weiter. CS ist die Abkürzung für Codex Scarabäus, ist aber auch die phonetische Umschrift für Sieh es. Seither führt der Künstler das Projekt episodisch, als Reportageberichte weiter. Die Zeichnungen aus der Episode CS: Neurobiologische Versuchslabore gehören zu der letzteren Kategorie. Ihnen ist, wie allen Zeichnungsepisoden des Bildromans, eine geradezu impressionistisch zu nennende Augenblicksschilderung zueigen. Diesem Sachverhalt misst Roob große Bedeutung bei: Mediales Wesensmerkmal der Zeichnung sei, wie er selbst vermerkt, das Prozessuale, „das verlebendigende Moment der zeitlichen Abwicklung". In der Theorie des Bildromans führt er weiter aus: „Jede Zeichnung geschieht in der Art einer Abtastung des Gesichtsfeldes als Resultat einer Wahrnehmung, die ihre physische, körperinnenräumliche Abkünftigkeit immer mit in den Außenraum hineindenkt. Insofern kann der Zeichner auch sagen, er zeichne keine Dinge, er zeichne allein das Sehen. Insofern ist auch das Sehen selbst die eigentliche Handlung des Bildromans." 

Die Wiederbelebung der im Zeitalter der technischen Medien Fotografie und Film scheinbar veralteten Gattung des Bildromans stellt keine nostalgische Geste dar. Alexander Roobs Zeichnungsreportagen sind gerade heute mehr denn je aktuell. Sie vertrauen der leiblichen, durch die Sinne und das Gehirn bedingten Wahrnehmung und versuchen diesen mit geeigneten Mitteln zu dokumentieren. Der Wissenschaftler bedient sich modernster Apparate, zeichnet auf und wertet neurobiologische Daten aus, der Zeichner nimmt den Stift zur Hand und sieht.

(Ausgestellt in "Je mehr ich zeichne")

Stefanie Scheit-Koppitz

 


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