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Kunstwerk des Monats

November 2015

Rémy Zaugg, Über die Blindheit, 1994-1997

Die schiere Größe der Werke der Serie „Über die Blindheit“ beeindruckt den Betrachter schon beim ersten Anblick. 160 x 180 cm misst jedes der Bilder und überwältigt zugleich durch die starke Farbigkeit, der man vor den Bildern stehend nicht entkommen kann. Die Farbe dominiert den aufgetragenen Text, der erst nach dem ersten Eindruck und der Gewöhnung an die kräftigen Farben ins Bewusstsein dringt. Auf allen acht Bildern ist zu lesen „SCHAU, IM AUGENBLICK BIN ICH BLIND, SCHAU“.

Der schweizerische Künstler Remy Zaugg (1943-2005) schuf diese Serie Mitte der neunziger Jahre und arbeitete hier erstmals bewusst mit starken Farben und Kontrasten. Sein bisheriges künstlerisches Werk war durch reflexive Auseinandersetzungen mit der Kunstgeschichte und den stofflichen Grundlagen der Malerei geprägt. Stets durchzieht sein Werk jedoch die Beschäftigung mit Sprache in Form von Textbotschaften an den Betrachter.

Diese Botschaften sind fragmentarisch, kurz, ohne erzählerische Absicht, appellativ, teilweise sogar poetisch, aber nie simpel. Der Dialog zwischen Betrachter und Werk beginnt, wenn der Wahrnehmungsprozess einsetzt. Die intensive Betrachtung des Bildes funktioniert nur in der gleichzeitigen Auseinandersetzung mit dem Text. Dessen Betrachtung oder besser dessen Lesbarkeit ist jedoch in der Serie „Über die Blindheit“ nur eingeschränkt möglich. Die Verwendung von Komplementär- und Simultankontrasten im Bild sowie die lackierte und damit leicht spiegelnde Oberfläche erschweren die Lesbarkeit.

Den Bildern liegt ein komplizierter Herstellungsprozess zu Grunde. Als Träger dienen geschliffene Aluminiumbleche, die farbig lackiert wurden. Die Schrift wurde anschließend im Siebdruckverfahren aufgedruckt und zum Schluss Transparentlack aufgetragen. So entstanden perfekte Oberflächen frei von jeder Assoziation an Malerei, die Zauggs frühere Arbeiten durchaus noch aufweisen.

Der Fokus liegt in dieser Serie auf der Farbe selbst und ihren Wirkungen auf das menschliche Auge. Der durchdachte technische Prozess produziert ein Bild, das an die Wahrnehmung appelliert, diese jedoch gleichzeitig beeinträchtigt. Das Flimmern und Flirren der beiden Farben im Bild stört die Wahrnehmung, stört den Seh- und Denkprozess. Man möchte die Augen schließen, wegschauen, doch zugleich befiehlt das Bild „SCHAU“. Die Aufforderung zu schauen und das Unbehagen auszuhalten führen zwangsläufig zu Reflexionen über das Sehen und die Blindheit. Deutlich wird die Fixierung auf die Wahrnehmung als Bildmotiv auch durch die Verwendung des Wortes „Augenblick“, welches anschaulicher wirkt als „Moment“. Die visuelle Auseinandersetzung mit den Bildern wirft Fragen auf wie: Wie lange kann man hinschauen? Ist die Dunkelheit in diesem Moment vielleicht angenehmer? Sind wir blind für die Aussage des Bildes? Oder öffnet es uns die Augen?

Remy Zaugg, der Zeit seines Lebens über die Kunst, ihre Wirkung und ihre Präsentation schrieb und ein bedeutendes theoretisches Werk hinterließ, beschrieb die Wirkung der Serie „Über die Blindheit“ präzise und eindrücklich: „Die Art Schmerz, die ich beim Betrachten des Bildes empfinde, vergegenwärtigt die Tatsache, dass ich es betrachte.(…) Und das Bild sehe ich nicht mehr, das von der unmittelbaren Gegenwärtigkeit seiner eigenen Blindheit erzählt, die Teil meiner selbst ist, da das Bild mich auf mein eigenes Sehen oder Nicht-Sehen verweist.“[i]

 

Kirsten Schwarz

 

 



[i] Zitat aus: Rémy Zaugg, „Die Wirkung der Farbe“, in: Rémy Zaugg, Die Frage der Wahrnehmung, Ausstellungskat. Museum für Gegenwartskunst Siegen, Snoeck Verlag Köln, 2015, S. 164.

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