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Kunstwerk des Monats

November 2013

Giorgio Morandi, Natura Morta (Stillleben), 1962

Das Stillleben aus dem Jahr 1962 von Giorgio Morandi (1890-1964) zeigt einfachste Dinge: eine Kanne, ein Kännchen, Dosen, eine Vase.

Alles ist sorgfältig arrangiert, die drei Dosen stehen eng zusammen auf einer Linie, die Kanne dahinter ist so angeordnet, dass ihre linke Seite die Verlängerung der mittleren Dose bildet. Beide Kannen sind nach links ausgerichtet, die große Kanne wurde jedoch rechts von der Mitte des Bildes platziert. Das kleine Kännchen erscheint dagegen als ein dunkler Kontrapunkt in der linken Bildhälfte und korrespondiert mit der ganz rechts stehenden, in derselben dunklen Farbe gehaltenen Vase. Die drei Dosen in der Mitte bilden einen zusammenhängenden, soliden Block.

Keiner der abgebildeten Gegenstände sticht als Einzelner hervor, jedem wird die gleiche Aufmerksamkeit zuteil. Die scheinbar gleiche Textur – eine sonderbar matte Oberfläche, wo man Glanz und Schimmern erwarten würde – überrascht den Betrachter. Eine Lichtquelle ist nicht auszumachen, es herrscht ein unbestimmbares Licht, das alles erhellt, aber keine Schatten wirft. Morandi malte ein Stillleben, das keinen Wert auf die genaue Wiedergabe der Gegenstände legt, diese, im Gegenteil, so stark auf die Formen reduziert, dass ihr eigentlicher Nutzen kaum noch zu erkennen ist. Die Farbgebung ist harmonisch – Erdtöne, abgetöntes Weiß und ein helles Gelb als einziger Kontrast – und lenkt den Blick nicht von den Formen und ihrer Zusammenstellung ab. „Natura Morta“ von 1962 ist ein stilles Bild, dabei nur im ersten Augenblick unscheinbar, dann entwickeln sich die Verbindungen und Beziehungen zwischen den Dingen. Das Zusammenspiel der Formen, die durchdachte Komposition wird offenbar. Der Pinselduktus weist kurze, feste Pinselstriche auf, die nicht verborgen werden hinter aufwendig inszenierten Oberflächen. Auffallend ist die zittrige Ausführung der Umrisse, fast als wäre die Achtung vor den Dingen so groß, dass eine feste Linie sie zerstören könnte, als würde ihre Erscheinung, ihr Wesen eingeschränkt, wenn die Konturen scharf gezogen wären. Man kann die Malerei selbst sehen und damit das vorsichtige Auftauchen der Gegenstände aus dem flächigen Hintergrund nachvollziehen. Morandis Stillleben will keine Illusion erzeugen, es zeigt die einmalige Erscheinung von Dingen in ihrer ursprünglichen Form innerhalb einer achtsam erzeugten Anordnung.

Giorgio Morandi gilt als ein Meister des modernen Stilllebens. Neben Cézanne hat sich kaum ein Künstler der Moderne so stark mit dem Stillleben beschäftigt wie er. Seit dem Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit 1913 war das Stillleben Morandis bevorzugtes Sujet. Er kannte und nutzte zwar die modernen künstlerischen Strömungen seiner Zeit, wie den Kubismus und die Pittura metafisica, doch gehörte er keiner dieser Schulen an. Den stärksten Einfluss auf sein Werk hatte Paul Cézanne, der eine neue Auffassung des Stilllebens entwickelte, an der Morandi sich orientierte und die er weiterentwickelte. Cézannes ständige Suche nach dem Bildnerischen in der Form der Dinge führte zu einer Vereinheitlichung von Fläche und Raum: „Man kann die Natur nicht reproduzieren, man muss sie repräsentieren“, sagte er einmal. Das Bild ist kein illusionistischer Raum mehr, denn die Gegenstände im Bild bestehen aus Formen und Farben, beides wird bei Cézanne erstmals sichtbar. Der Kunsthistoriker Werner Haftmann stellte dazu fest: „Das Konstruktive, Gefugte und Gebaute seiner Bilder schuf die in der Natur nur parallel gelagerte Raumarchitektur des Bildes (…)“.[i]

Giorgio Morandi blieb Zeit seines Lebens ein Einzelgänger. Er verbrachte sein gesamtes Leben in seiner Heimatstadt Bologna und wechselte niemals die Wohnung. Er lebte mit seinen beiden –  ebenso wie er unverheirateten – Schwestern zusammen und arbeitete ausschließlich in Bologna: Von 1919 bis 1930 unterrichtete er an als Zeichenlehrer an Volksschulen in Bologna und von 1930 bis 1956 als Professor für Radierung an der Accademia di Belle Arti ebendort. Die Sommer verbrachte er meist in einem Landhaus nahe Bologna, wo auch seine wenigen Landschaftsbilder entstanden. Das Wissen über ihm nahestehende Künstler entnahm er hauptsächlich Büchern und Kunst-Katalogen. Sein eingeschränktes Leben ist dem Sehnen nach ungestörter Arbeit in völliger Konzentration geschuldet. Morandi selbst sagte dazu: “Ich hatte das Glück, ein ereignisloses Leben zu führen.“[ii]

Nach dem Ausscheiden aus der Accademia widmete sich Morandi in seinen letzten Lebensjahren verstärkt der Arbeit an seinen Stillleben. Ein Großteil seiner Werke entstand in den letzten acht Jahren seines Lebens. In der Vereinfachung des Stilllebens sah er seine künstlerische Aufgabe, der er in seinem Atelier in seiner Wohnung mit großer Konzentration nachging. In diesem kleinen Raum bewahrte er die Gegenstände auf, die er immer wieder malte und zeichnete, jedoch beließ er sie meist nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt, sondern bemalte sie oder gipste sie ein. Auch der sich darauf absetzende Staub wurde mit einbezogen. John Rewald schrieb nach einem Besuch in Morandis Atelier 1964: “Sie (die Gegenstände, A.d.A.) müssen hier schon lange gewesen sein; auf den Oberflächen der Regale und Tische wie auf den Schachteln, Kannen und anderen Gefäßen war eine dicke Staubschicht. (…) Es war ein Staub, der nicht aus Vernachlässigung resultierte, sondern das Ergebnis von Geduld, ein Zeugnis vollkommenen Friedens war. In der Stille dieses Rückzugsorts vor den Aufgeregtheiten einer bewegten Welt leben diese Objekte ein eigenes, stilles Dasein. (…) Der Staub war wie ein nobler Mantel.“[iii] Auch die Lichtsituation im Atelier war eine besondere, so dämpfte Morandi das Licht mithilfe eines weißen Holzrahmens, den er ins Fenster stellte, so dass dieser das Licht sammelte und ins Zimmer lenkte.[iv]

In seinem Spätwerk verändern sich die Stillleben weiter, die Fokussierung auf Reduktion in Form und Farbe gehen einher mit einer Zusammendrängung der Dinge. Die Kompositionen werden blockhafter, die Farben toniger, pudriger und matter. Die Dinge lehnen sich aneinander und werden so Teilflächen eines Ganzen. Dennoch verliert sich Morandi nie in der Abstraktion, den Dingen und ihrer Erscheinung gilt bis zum Schluss sein Augenmerk: „Ich glaube, dass nichts abstrakter, unwirklicher sein kann als das, was wir tatsächlich sehen. Wir wissen, dass alles, was wir Menschen von der dinglichen Welt wahrnehmen, niemals wirklich so ist, wie wir es sehen und verstehen. Die Materie existiert natürlich, besitzt aber nicht den besonderen Sinn, den wir mit ihr verbinden. Nur wir wissen, dass eine Schale eine Schale, dass ein Baum ein Baum ist.“[v] Morandi nutzte den Begriff ‚cosidetta realtà‘ (sogenannte Wirklichkeit) um seine Kunstauffassung zu beschreiben.

Der Bildraum Morandis ist kein Perspektivraum mehr, sondern eine Komposition aus Teilflächen, in der lediglich die Überschneidungen noch eine Raumwirkung erlauben. Die Dinge stehen in einem Gefüge, das den Betrachter mit einer Vielzahl von Verbindungen konfrontiert, die erst in der tieferen Betrachtung erkennbar werden. Die Achtsamkeit und Intensität während des Malvorgangs ist in Morandis Werk immer spürbar. Sein Sehen fokussierte sich auf wenige Dinge, die er überschauen konnte: „Das einzige Interesse, das die sichtbare Welt in mir erregt, betrifft den Raum, das Licht, die Farbe und die Formen.“[vi] Morandis auf den ersten Blick unscheinbares Stillleben lässt die Dinge als Teil einer eigenen Ordnung erscheinen.

Kirsten Schwarz

 

 

 



[i] Zitat aus Werner Haftmann, Malerei im 20. Jahrhundert. Eine Entwicklungsgeschichte, Bd. 1, München 1993 (8. Auflage).

[ii] Zitiert nach Helmut Schneider, Eine Vase ist eine Vase ist eine…, www.zeit.de/1981/32.

[iii] Zitiert nach Ursula Bode, Die immer neue Wiederkehr der Dinge, in: Giorgio Morandi, Natura Morte, 1914-1964, Ausstellungskat. Von der Heyd Museum Wuppertal 2004, S. 8.

[iv] Ausstellungskat. Wuppertal, S. 124f.

[v] Bode, a.a.O., S. 6.

[vi] Zitiert nach Bode, a.a.O., S. 4.


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