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Kunstwerk des Monats

November 2012

Sigmar Polke, "Strahlen Sehen", 2007

Er hat viele Namen: Enzyklopädist des Sichtbaren, Zentralbildarchivar unserer Zeit, praktizierender Bildphilosoph, Alchemist. Und all dies trifft zu. Der 1941 geborene und 2010 verstorbene Rubenspreisträger Sigmar Polke ist bekannt für seinen spielerischen, aber dennoch forschenden Umgang mit Materialien, Formen, Farben. Diese Experimente führten zu verblüffenden, ungewöhnlichen Bildern.

Für die Ausstellung anlässlich des 11. Rubenspreises 2007 schuf Polke die Bildgruppe Strahlen Sehen in einer ganz neuen Technik, als Linsenrasterbilder. Diese bestehen aus mehreren Schichten, aus dem klassischen Bildträger (Leinwand), dem Bild und der meist im Zwei-Zentimeter-Abstand darüber gelegten, manuell gefertigten Linse. Sie werden mithilfe einer besonderen Rahmenkonstruktion zusammengefasst. Der Herstellungsprozess ist denkbar einfach: Die Linse wird aus Struktur-Gel wellenförmig geformt. Dabei wird das pastos auf ein Polyestergewebe aufgetragene Gel im nassen Zustand mit einem gezackten Plastik-Gerät durchkämmt und härtet anschließend ab. Das Bild wird auf die Leinwand – oder im Falle des sogenannten „Geister“-Bildes – direkt auf die Linse gemalt.

Als Motiv-Vorlage diente Polke ein Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert von Johann Zahn, der eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung wissenschaftlicher Wahrnehmungstheorien und optischer Geräte spielte. Zahn bebilderte in seinem Werk Oculus Artificialis Teledioptricus aus dem Jahr 1702 seine neuzeitlich geprägte Vorstellung vom Sehprozess, die im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung der Camera Obscura zu lesen ist. Dargestellt ist eine fantastische Szene: Ein fliegender Drache erscheint am Himmel und wird von einer staunenden Menschengruppe betrachtet. Das Besondere ist die Darstellung der Sehstrahlen. Zahn war der Auffassung, dass jedes beleuchtete Objekt, hier der Drache, von allen Punkten seines Körpers in alle Richtungen Strahlen auswerfe, die in bestimmten Neigungswinkeln auf das Auge treffen. Die von den Betrachtern empfangenen Wahrnehmungsbilder sind dabei individuell verschieden, das eintreffende Bild von deren Blickposition abhängig. Längungen und Verkürzungen kommen zustande, das Motiv wird deformiert. Allerdings sind Zahn bereits die anatomischen und optischen Besonderheiten des Sehens bekannt, die nahezu einhundert Jahre zuvor von Friedrich Johannes Kepler experimentell nachgewiesen wurden. Im Text seiner Abhandlung beschreibt Zahn wie das Auge als „Camera Obscura“ das deformierte Bild selbstständig korrigiert und der Drache letztlich von allen Personen scharf wahrgenommen werden kann.
Ob Polke die Zahnschen Ausführungen in Gänze bekannt waren, geschweige denn, ob dessen wissenschaftliche Voraussetzungen und Details sein Interesse fanden, ist bisher nicht bekannt, vermutlich auch gar nicht ausschlaggebend. Der von Polke gewählte Titel Strahlen Sehen und das Weglassen des Drachens als Sender der Sehstrahlen lässt durchaus die Vermutung zu, dass ihn im malerischen Nachdenken über das Sehen womöglich neben der Zahnschen Quelle auch die antike Vorstellung eines haptischen Sehens inspirierte. Die auf Empedokles zurückgehenden Sende-Sehtheorie des Altertums, oft auch kurz Strahlentheorie genannt, ging davon aus, dass das Auge als Sender der Sehstrahlen das Sehobjekt in seinen Details abtastet. So könnte man durchaus in den Bildern ohne Drachendarstellung die Ausschauhaltenden statt passive „Bildempfänger“ als aktiv Sehende deuten, die uns als Betrachter das Sehen sehen lehren.

In jedem Falle zeigt sich Polke von der Idee der Deformation fasziniert, virtuos greift er diese auf und treibt sie weiter. Vergrößerungen, anamorphotische Verzerrungen, Fragmentierungen und Deplatzierungen werden durch gekonntes Fotokopieren der Motivvorlage erreicht. Es entstehen einmalige Makel oder Flecken, mehr noch, die Zahnsche Bildkomposition dehnt sich, löst sich auf, sie erweitert sich zu fünf neuen, voneinander verschiedenen Bildkompositionen, die trotz aller Differenzen ihren gemeinsamen Ursprung bewahren.

Durch die gewellte Oberflächenstruktur der Linse kommt es zu verschiedenen Lichtbrechungen und 3-D-Effekten. Damit wird die klassische Vorstellung, das Bild als eine Einheit zu betrachten, von Polke verworfen. Wo bisher die Verschmelzung von Bildträger, Bild und Firnis selbstverständlich war, setzt Polke an. Die einzelnen Elemente werden selbstständig, sind von nun an gleichwertige, voneinander getrennte Einzelteile. Eben dies ist besonders an den Linsenbildern. Das Bild verbindet sich nicht mit dem Bildträger. Was vorher eins war, wird nun auseinandergerissen, zersplittert.

Polke spielt mit den Wechselwirkungen von Manuellem und Maschinellem, Unikat und Reproduktion und rückt nun Wahrnehmung statt reine Darstellung, Spiel statt faktischen Nachweis, Illusion statt weltliche Realität, Effekt statt simple Ähnlichkeit in den Fokus des Betrachters. Der Künstler animiert zum Handeln, lockt den Betrachter weg vom klaren Sehen, hin zur Unsicherheit. Das Wechseln des Standortes zwingt den Schauenden, die Bilder aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Es wird deutlich: Es gibt nicht nur das eine Bild, es sind viele.

(Sammlung Lambrecht-Schadeberg/Rubenspreisträger der Stadt Siegen)

Monika Ptasinski


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