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KUNSTWERK DES MONATS

November 2010

Ralf Ziervogel, Endeneu, 2008

Ralf Ziervogel (geb. 1975) wurde durch seine auffallend großformatigen Tintenzeichnungen bekannt. Auch bei Endeneu aus dem Jahr 2008 handelt es sich um eine ungewöhnlich große Tintenzeichnung mit den Maßen 275 cm x 1000 cm.

Abgebildet ist ein Totenschädel, mit einem langen Bart, der sich fächerartig über das Bild erstreckt. Der Totenschädel ist am oberen Rand, in der Mitte des Blattes dargestellt und wird zum Ausgangspunkt der gesamten Zeichnung. Die wenigen Haare, die sich auf seinem Kopf befinden, bilden eine Art Zopf, welcher waagerecht nach oben verläuft und vom Bildrand angeschnitten wird. Es entsteht der Eindruck, der Schädel, der zugleich die Erscheinung eines Schrumpfkopfes hat, wäre daran aufgehängt. Von ihm ausgehend erstrecken sich die einzelnen Haare des Bartes in Form von gewellten Linien über das Blatt. Die leichten Wellen, die jede Linie in ihrer Mitte zeigt, heben den Eindruck eines Bartes besonders hervor.

Durch die beeindruckende Erscheinung, die sich zum einen aus der Größe des Bildes ergibt und zum anderen durch die Anzahl der Linien, die eine ganz eigene Wirkung erzielen, tritt der Totenschädel am oberen Rand des Blattes stark in den Hintergrund. Diese Beobachtung wird durch die zwangsläufige Verdichtung der Linien im Bereich des Totenschädels zusätzlich unterstützt, da sich die einzelnen Linien hier zu einer tief schwarzen Fläche zusammenfügen und nicht mehr als solche erkennbar sind.

Auffallend ist die leicht schräge Anordnung der Linien im oberen Bereich der Zeichnung, wodurch die Abbildung an Dynamik gewinnt. Möglich wäre die Vorstellung, dass der Totenschädel, der wie schon erwähnt an einem Haarzopf zu hängen scheint, durch diesen in eine leichte Schwingung versetzt wurde und die schräge Anordnung der Linien darauf zurückzuführen sind.

Interessant ist auch die Technik, die Ralf Ziervogel angewendet hat: Die circa zweieinhalb Meter langen Linien des Bartes sind in einem Zug entstanden, ohne den Stift abzusetzen. Um die Farbe haltbarer zu machen und die tiefe Schwärze der Tinte auf dem Bildträger über einen langen Zeitraum zu gewährleisten, öffnete Ziervogel die Stifte und mischte der Tinte vor dem Zeichnen zusätzliches schwarzes Pigment bei. Um das Papier mit seiner ungewöhnlichen Größe gewährleisten zu können, war eine Sonderanfertigung in Italien von Nöten.

In diesem Werk ist die Linie ganz eindeutig das wichtigste Element und das zentrale Motiv. Die starke Abstraktion des Bartes macht diese Begebenheit aus und ist der Anlass für eine solche Aussage. Anders ist es in vielen von Ziervogels früheren Arbeiten, bei denen der menschliche Körper als zentrales Bildmotiv auszumachen ist. Die Linie ist auch hier das wichtigste Darstellungsmedium, doch hat das Figurative in vielen seiner Werke deutlich mehr Bedeutung.

Mit dem Bild Endeneu von 2008 löst sich der Künstler jedoch teilweise von der zuvor eher figurativen Darstellungsweise und nähert sich der Abstraktion. Diese Wendung zu etwas Neuem könnte auch der Anlass für den Titel des Werkes gewesen sein, was sich allerdings nur vermuten lässt.

Was jedoch bestehen bleibt, ist das Zeichnen als körperlicher Prozess. Ziervogel zeichnet ununterbrochen, für mehrere Stunden an einer Arbeit und geht dabei ganz bewusst auch an seine körperlichen Grenzen, nicht nur was die Länge der Linien in der Arbeit Endeneu angeht, die wie bereits erwähnt ebenfalls durch den Einsatz des Körpers zustande kam.

Bei genauerer Betrachtung der Zeichnung Endeneu fällt eine kleine Fliege auf, die sich auf der linken Bildhälfte befindet. Diese ist in realer Größe dargestellt, also so klein, dass man sie leicht übersieht. Sofort fragt sich der Betrachter nach einem Sinn oder einem Grund für die dargestellte Fliege. Kunsthistorisch betrachtet haben Fliegen oder Spinnen, auch andere Insekten oder der Totenschädel eine symbolische Verweisfunktion. Auf Vanitas-Stilleben der Barockzeit stehen sie für die Kurzlebigkeit des Daseins und der menschlichen Existenz. Gegenüber der dynamisch gesetzten, äußerst lebendigen Linienstruktur, die ja das gesamte Blatt dominiert, verlieren die beiden Totensymbole jedoch an Gewicht.

Ziervogel ist vor allem der Prozess des Nachdenkens vor dem Bild wichtig. Er möchte den Betrachter in seine Bildwelt verstricken, ihn verführen und ihm ein starkes Gefühl vermitteln, welches es auch sein mag.

(Ausgestellt in "Je mehr ich zeichne")

Judith Huwer


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