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Kunstwerk des Monats

Mai 2014

Victor Burgin, "Office at Night", 1985-86

Auf sieben großformatigen fotografischen Bildtafeln sehen wir eine Frau in verschiedenen Posen und bei verschiedenen Handlungen. Sie ist allein, in einem nicht näher definierten Raum, der aber durch ihre Kleidung und das Mobiliar als ein Büroraum gedeutet werden kann. Der Titel der Arbeit, Office at Night, bestätigt dies und gibt zugleich eine Erklärung für ihre isolierte Situation. Ein Büro bei Nacht ist meist verlassen. In zwei Bildtafeln erkennen wir allerdings im Hintergrund andere Protagonisten, diese sind ausschnitthaft dem gleichnamigen Gemälde Edward Hoppers (1882 – 1967) entlehnt, das 1940 entstanden ist. Die Akteurin auf der Fotoebene verdoppelt die Handlungen der ‚gemalten’ Akteure des Hopper-Bildes. 

Burgin unterzieht das bekannte Gemälde von Hopper einer künstlerischen Analyse und Neuinterpretation. Dabei inszeniert er Situationen, bei der die weibliche Person im Mittelpunkt steht. Sie tritt uns nicht mehr länger als ein passives „Objekt“ männlicher Neugier entgegen, wie dies im Hopperschen Gemälde der Fall ist, sondern wird zu einem handelnden Subjekt der eigenen Neugier.

Im Gemälde Hoppers zeigt sich das Rollenklischee von Mann und Frau, insbesondere das von Chef und Sekretärin. Die Jobhierarchie bedingt, dass eine Sekretärin den Anweisungen ihres Chefs Folge leisten muss. Findet die Arbeit nun nachts statt, so liegt in dieser Konstellation eine latente Erotik. Die oft junge Sekretärin, die mit ihrem Chef nachts alleine im Büro weilt, hat sich den Wünschen des Mannes zu unterwerfen. Umgekehrt kann die Frau zugleich als Verführerin gesehen werden. Im Gemälde Hoppers präsentiert die Sekretärin sowohl Vorder- als auch Rückseite ihres Körpers, sie blickt den Mann an und versucht vielleicht seine Aufmerksamkeit (und die des Betrachters) auf sich zu lenken. Wenn die Frau auch hier die Passive bliebe, so wäre sie als Auslöser die Schuldige, der Mann nur der Reagierende. Burgin führt in Vorträgen und Interviews viele Kinofilme an, in denen diese Klischees bedient werden.[1]Auch in der zum Werk gehörenden Texttafel, die dem Bilderzyklus als achte Tafel vorangestellt ist, bespricht er dieses patriarchalische Gefüge. 

Indem Burgin die Frau aus dem Gemälde heraustreten lässt, kann sie nun ohne Rollenverteilung ihren eigenen Raum erforschen. Sie benutzt auf allen Bildtafeln ein Objekt aus Hoppers Gemälde: den Stift, die Tür, den Stuhl, den Aktenschrank, das Telefon, den Schreibtisch oder eine Akte. Dadurch besetzt sie beide Rollen, sowohl die des Chefs als auch die der Sekretärin. Sie ist quasi ihr eigener Chef. 

Begleitet werden die fotografischen Bildtafeln von je einer Farbtafel und einer Tafel mit zwei Piktogrammen. Die Farbtafeln benutzen laut Burgin die vier offiziellen Farben, wie sie auch von Verkehrsbehörden eingesetzt werden.[2] Während Grün und Blau dabei meist Hinweis- und Serviceschildern vorbehalten sind, kennzeichnen Gelb und Rot Warnungen und Verbote. Am leichtesten verständlich sind wohl die Farben Grün und Rot; als Gegensatzpaar stehen sie weltweit für die Erlaubnis zu Gehen oder zu Fahren, oder für das Gebot anzuhalten oder gar einen Bereich gar nicht zu betreten. So werden die Bildtafeln durch die jeweilig begleitenden Farben auch entsprechend konnotiert.

In zwei Tafeln wird dies besonders deutlich: beide Male steht die Frau mit dem Rücken zum Betrachter. In dem einen Bild schaut sie durch eine Schiebetür in einen anderen Raum. Die Bildtafel wird begleitet durch eine grüne Farbtafel und durch Piktogramme von Schlüsseln. In der anderen sehen wir die Frau auch von hinten. Sie hat eine Akte in der Hand und geht in einen dunklen Raum, von dem nur Fenster und Tür angedeutet sind. Hier sind die begleitenden Tafeln rot und das Piktogramm zeigt eine leicht geöffnete Tür. In beiden Bildern können wir nicht wissen, was zuvor passiert ist oder was passieren wird und in beiden Bildern können wir den Raum, in den die Frau blickt, nicht wirklich sehen. Dennoch scheint die Situation in dem Bild neben der grünen Tafel weniger bedrohlich zu sein als bei der roten. Betrachtet man das Bild mit der einzigen gelben Tafel, so übernimmt das Gelb eine Warnfunktion. Es ist das Bild mit der Frau am Aktenschrank, doppelt präsent durch Hoppers und Burgins Variante. Aus dem Hintergrund scheint das frühere Bild der Frau – sowohl Abbild als auch Rollenbild – eine Warnung an die moderne Frau zu sein; alte Machtstrukturen und Rollenverteilungen sind nie ganz verschwunden. 

Die Piktogramme sind im Gegensatz zu den Farben keine offiziellen Zeichen; sie stammen von Burgin und beziehen sich auf Bildelemente der jeweiligen Tafel. [3]

Betrachten wir die fünfte Tafel: die Frau steht im Raum, hält einen Telefonhörer, umschließt diesen aber mit ihren Händen, um den Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung „auszuklammern“ (engl.: bracketing out“). Das Zeichen der Klammer (engl.: bracket) erscheint hier als Kommentar im unteren Teil der Piktogrammtafel. Das Zeichen darüber kann ebenfalls als Teil des Telefonhörers gelesen werden, oder aber als Auge. Belauschen und Beobachten, Voyeurismus und Verheimlichen werden hier durch die Piktogramme mit ins Bild getragen. Die grüne Tafel konnotiert diese Situation positiv, oder zumindest nicht bedrohlich. Die Frau beansprucht ihren Raum. Sie erkennt die Präsenz des anderen an, da sie den Hörer abgenommen hat. Aber sie stört die Verbindung, sie lässt den anderen nicht an sich heran. Sie schaut auch nicht zum Betrachter, sondern an ihm vorbei. Das obere Piktogramm, das „Auge“ dagegen starrt uns an, ohne zu blinzeln. Das Verhältnis zwischen Betrachter und Betrachtetem, die „klassische Rollenverteilung“, gerät nun auch hier ins Wanken. 

In seinen künstlerischen Arbeiten analysiert Victor Burgin (geb. 1941 in Sheffield, England) seit Ende der 1960er Jahre patriarchale Strukturen und Machtverhältnisse, die unsere soziale Wirklichkeit prägen. Als einer der ersten und wichtigsten Konzeptkünstler seiner Generation ist er von gesellschaftspolitischen als auch von feministischen Fragestellungen geleitet.

 

Ines Rüttinger



[1] Vgl. Tate Papers – „Seperateness of Things“. Artikel basierend auf einem Vortrag von Victor Burgin am 15. Juni 2005 in der Tate Modern, London. Tate Papers Frühling 2005 © Victor Burgin, eingesehen unter http://www.tate.org.uk/research/publications/tate-papers/separateness-things-victor-burgin, zuletzt am 29.04.2014

[2] Ebd.

[3]Burgin spricht in der vorangestellten Texttafel vom österreichischen Pädagogen und Philosophen Otto Neurath, der in Zusammenarbeit mit dem Grafiker Gerd Arntz die Isotypen (International System of Typographic Picture Education) entwickelte. Diese Zeichen sollten allgemein verständlich und für jedermann lesbar sein. Burgins Piktogramme erfüllen diesen Anspruch nicht. Auch wenn wir erkennen können, was sie darstellen, können wir nicht mit Sicherheit sagen, was sie bedeuten. Sie sind nicht universell verständlich.


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