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Ohne Titel, 1968

Mai 2012

Fritz Winter, Ohne Titel, 1968

Rote Formen leuchten auf der dreifarbig geteilten Leinwand, umspielt von schwarzen Formen. Eine gelbe Form biegt sich von oben in das Bild hinein und nach rechts, sie sucht die Nähe zum Hellblau am rechten Rand, wird aber vom schwarz-roten Balken ausgebremst. Auf ihrem Weg scheint sie „ihren“ blauen Hintergrund mitzunehmen und zum dritten, grünlich-türkisen Farbfeld zu inspirieren. Der dreigeteilte Hintergrund in Grau, Blau und Türkis bildet mit seiner vertikalen Ausrichtung die Kulisse für die freien, tanzenden Formen.

Bei "Ohne Titel" aus dem Jahr 1968 von Fritz Winter fallen die scharfkantigen Formen auf, die an Scherenschnitt erinnern. Tatsächlich sind die Farbflächen in diesem späten Werk mit Hilfe von Schablonen aufgebracht. Die Farbflächen scheinen sich zu überlagern und zu kreuzen, sind aber im Arbeitsprozess nebeneinander gemalt. War der Ausgangspunkt für Fritz Winter anfangs noch die Natur und das Sichtbarmachen von darin verborgenen Prozessen, so lässt die klare Komposition von "Ohne Titel" keine romantische Grundstimmung zu.

Im Gegensatz zu den Arbeiten der 1940er und 1950er Jahre scheint das Kompositionsprinzip weniger intuitiv, Winter arrangiert die Farbflächen bewusst und sucht trotz ihrer Unterschiedlichkeit nach Harmonie.


Der aus Westfalen stammende Fritz Winter (1905-1976) lernte zunächst den Beruf des Elektromonteurs und nahm sein Studium an der Bauhausakademie in Dessau 1927 auf. Er besucht nicht nur diverse künstlerische Klassen, sondern belegt auch Kurse in Mathematik, darstellende Geometrie, Physik und Chemie. Die Klasse von Paul Klee wird prägend für seine weitere künstlerische Entwicklung. Winter adaptiert Klees Technik und Sujet um in dessen Sinne das innere Abbild statt der äußeren Erscheinungsform wiederzugeben. 1937 wird auch für Fritz Winter das Mal- und Ausstellungsverbot durch die nationalsozialistischen Machthaber ausgesprochen. Im Verborgenen entstehen während eines Fronturlaubs die 44 Blätter der bekannten Serie Triebkräfte der Erde (1944). Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1949 hat sein Werk bereits eine große Aufmerksamkeit erfahren; die Triebkräfte der Erde begründen seinen Durchbruch als Maler.

In der Nachkriegszeit widmet er sich einer radikalen Abstraktion. Anders als bei seinem Künstlerkollegen Hans Hartung entsprechen diese Abstraktionen aber nicht einem einheitlichen Formenrepertoire, sondern ist durchzogen von verschiedenen Ausdrucksformen. In den 1950er und 1960er Jahren arbeitet er mit breiten Pinselschwüngen und Farbfeldern, aber auch mit Linien und Gitterstrukturen. In seinem Spätwerk experimentiert Winter insbesondere rein bildnerisch mit Flächen, Formen, Farben und Linien.
(...)

Auch in Ohne Titel sind die Formen zu schablonierten, durchdachten Kompositionselementen destilliert. Winters Kompositionen waren schon vorher weniger gestisch-expressiv als die seiner Kollegen des Informel, wie etwa Emil Schumacher. Mit den Schablonen verschwindet dieser Ansatz völlig und tritt zurück zugunsten einer konstruktiven Flächenordnung. Dies führt zu einer leichten Anonymisierung des Bildes, die Hand und der Gestus des Künstlers verschwindet von der Leinwand, ebenso, wie der Künstler sich aus dem öffentlichen Leben zurückzieht. Umso ausgeprägter wird der Seriencharakter der Werke.

Winter versuchte stets durch seine Arbeit hinter die Fassade des Augenscheinlichen zu dringen, Verborgenes und Unsichtbares aufzuspüren und in seinen Werken Gestalt zu geben. So verschieden die Ausdrucksformen über die Jahre anmuten, so haben sie doch alle dieses Streben gemeinsam. Zudem untersuchen seine Arbeiten ausgehend von der Lehre Paul Klees auf rationaler Ebene auch die Beziehungen zwischen Linie, Fläche, Form und Farbe im Bild.

Das Spätwerk "Ohne Titel" macht dies besonders deutlich und komplettiert so den Blick der Sammlung Lambrecht-Schadeberg auf Winters Schaffen.


Ines Rüttinger

 

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