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KUNSTWERK DES MONATS

Mai 2011

Bernd und Hilla Becher, Siegerländer Fachwerkhäuser, 1959 – 1978

Es waren die frühen 1960er Jahre, als das Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher sich in ihrem VW-Bus aufmachte, um im Siegerland zu fotografieren. Gegenstand der rund 350 Fotografien, die in dieser Zeit entstanden, waren die für die Region so typischen Fachwerkhäuser.

In zweierlei Hinsicht ein besonderes Unterfangen: Zum einen begab sich Bernd Becher, 1931 in Siegen geboren, sozusagen auf Heimatbesuch, als er die Siegerländer Fachwerkhäuser als Motiv wählte. Zum anderen aber sollte dieser erste thematisch abgeschlossene Zyklus an Schwarz-Weiß-Fotografien, der 1977 in einem Bildband publiziert wurde, ein Grundstein für die Etablierung der sachbezogenen Objekt-Fotografie in der bildenden Kunst sein.

Seither haben sich die Becherschen Fachwerkhäuser in die Köpfe des internationalen Kunstpublikums nahezu eingebrannt. Auf der ganzen Welt ausgestellt (u. a. im Museum of Modern Art und im Guggenheim Museum in New York), wurden die schlichten und unscheinbaren Fachwerkbauten zum Inbegriff einer in ihrer formalen Stringenz und ganz eigenen, nüchternen Ästhetik bis heute einzigartigen Fotografie und beeinflussten zahlreiche Fotografen, nicht zuletzt namhafte Becher-Schüler wie Andreas Gursky, Thomas Struth oder Candida Höfer.

Auf den ersten Blick muten die Aufnahmen ausgesprochen ähnlich, ja geradezu identisch an. Grund ist die kompromisslose Systematik, mit der die Bechers die Aufnahmen konzipierten. Sie fotografierten meist zwischen dem späten Herbst und dem Frühjahr, um eine möglichst neutrale Vegetation (unbelaubte Bäume und kahle Wiesen) vorzufinden. Sie wählten immer Tage, an denen der Himmel leicht bedeckt und das Sonnenlicht somit auf natürliche Art gefiltert war; auf diese Weise entstand eine diffuse, weiche Beleuchtung, die wenig Schatten erzeugte. Grundsätzlich sind keine Bewohner oder auffällige Hinweise auf diese im Bild zu sehen (wie z. B. parkende Autos, Spielzeug oder aufgehängte Wäsche). Das Fotografenpaar wählte einen leicht erhöhten Standpunkt und fotografierte die Bauten frontal und formatfüllend. In den meisten Fällen wurden alle vier Seitenansichten der Häuser aus der jeweils exakt gleichen Perspektive erfasst. So entsteht der Eindruck, als handle es sich nicht um Wohnhäuser, die in einem dörflichen Kontext stehen, sondern als habe man es gewissermaßen mit Skulpturen zu tun, die von ihrem natürlichen Kontext abstrahiert wahrgenommen werden können. Durch diese vereinheitlichten Formprinzipien und die Anordnung der Fotografien als Tableau stechen so – auf den zweiten Blick – gerade die individuellen Unterschiede der einzelnen Motive heraus.

Besonders auffällig aber ist die sehr nüchterne und schmucklose Bauweise, die charakteristisch für das Siegerländer Fachwerk ist. Die Fachwerkhäuser fungieren als Zeitzeugen einer industriegeschichtlichen Vergangenheit des Siegerlandes: Im 19. Jahrhundert begann die Stahl- und Eisenindustrie in der Region im Zuge der Industrialisierung enorm zu expandieren. In den 1870er Jahren waren über 600 Gruben aktiv und das Siegerland somit – neben dem Ruhrgebiet – eines der europaweit wichtigsten Zentren des Eisenerzabbaus. Für die vielen Arbeiter bedurfte es neuer und ökonomischer Wohnräume. Holz als Baustoff war allerdings knapp und strikt rationiert. Der daraus resultierende klassizistische Fachwerktypus hatte also ein rein konstruktives und nutzenbezogenes Gesicht und hob sich stark ab von anderen Fachwerktypen, wie z. B. dem süddeutschen, sehr dekorativen Fachwerk. Nirgendwo sonst hat sich die Siegerländer Industriekultur so ausschlaggebend niedergeschlagen wie in der schnörkellosen Architektur und der damit verbundenen spartanischen Lebensweise der Siegerländer Bergarbeiter. Bis heute trägt das Siegerland diese Geschichte in sich. Die Fotografien verraten somit viel vom Wesen der Region.

Die Becherschen Fachwerkhäuser sind demnach zweierlei: Gefäße, die gefüllt sind mit kulturhistorischem Inhalt, und gleichermaßen Meilensteine in der Geschichte der künstlerischen Fotografie. Einen passenderen Ausstellungsort als das Museum für Gegenwartskunst in Siegen könnte es kaum geben.

(Sammlung Museum für Gegenwartskunst und Photographische Sammlung)

Rebecca Luyken


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