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Kunstwerk des Monats

März 2016

Cy Twombly, Idyllen (I am Thyrsis of Etna blessed with a tunefull voice), 1976

Das Triptychon „Idyllen“ des amerikanischen Malers Cy Twombly (1928-2011) besteht aus drei unterschiedlich großen Gemälden. Links beginnend mit der größten umfassenden Leinwand, daran schließen sich zwei kleinere an. Twomblys Serie lässt sich wie ein Buch von links nach rechts  lesen, das große Bild bildet dabei das Titelbild.

Auf diesem ist ein „Bild im Bild“ in Form eines aufgeklebten Blattes Papier zu sehen, das das farbigste Element der Serie bildet. Starke gestische Schwünge in Grüntönen über die das Wort ‚wind‘ geschrieben wurde dominieren die Tafel. Wie auf einem Titelblatt befinden sich darunter Anklänge an Buchstaben, Worte, doch wurden diese übermalt und verwischt. Unter Mühen liest man ‚Thyrsis‘ und ‚Alac‘. Ansonsten wurden scheinbar wahllos dünne Linien, Kringel und Flecken aufgetragen. Die matte helle Ölfarbe dominiert diese und die beiden übrigen Leinwände und lässt sie wie ein verschmutztes Blatt Papier wirken.  

Die zweite Tafel zeigt vier Reihen blattförmiger Elemente, die in unterschiedlicher Deutlichkeit erscheinen. Die letzte Reihe zeigt die Formen am stärksten konturiert und mit dem dunkelsten Farbton besetzt, sodass es scheint, als träten sie hinter einem Schleier hervor. Bei näherem Hinsehen entdeckt man auch Ziffern von 1 bis 16 neben den Formen. Auch hier ist die Bildfläche übersät mit verwischten Farbflecken und dünnen Linien.

Die dritte Leinwand bildet, um in der Analogie zu bleiben, die erste Seite des Buches. Sie ist mit lesbarer Handschrift bedeckt, wie die schnell hingeworfenen Notizen eines Schriftstellers. Auch hier wird die Schrift im unteren Drittel immer deutlicher, gleich den Formen im zweiten Bild. Während die ersten beiden Zeilen verwischt und teilweise übermalt wurden, kämpfen sich die letzten beiden Zeilen an die Oberfläche und ins Bewusstsein des Betrachters: „I am Thyrsis of Etna blessed with a toneful voice.“ („Thyrsis vom Aetna ist hier, und die liebliche Stimme des Thyrsis.“ Übersetzung nach Eduard Mörike). 

Cy Twombly lebte seit 1957 kontinuierlich in Italien und beschäftigte sich mit der Kultur Italiens und Griechenlands. Die antiken Dichtungen, Mythen und Schriften wurden zu Inspirationsquellen seiner Werke. Immer wieder finden sich Zitate und Anspielungen auf antike Schriftsteller und ihr Werk.  Dabei verwendet Twombly bewusst eigene Bildelemente außerhalb der tradierten Bildsprache der westlichen Malerei: Klecksereien, Schmierereien, Flecken, Sprenkel; Linien, die nichts eingrenzen; Spuren von Formen. Er malt nicht, er koloriert - aber sparsam und bedacht. Die Einbringungen von Schrift und Schriftzeichen sind hingeworfen, in Farbe eingeschrieben, mal mehr mal weniger aufgedrückt und so auch mehr oder weniger lesbar. Es ist nur eine Ahnung von Schrift, als wäre Twombly unsicher, ob er gerade dies auch wirklich schreiben wollte. Vielleicht ist es nur die Idee des Schreibens, die ihn umtreibt? 

Der Gedanke, die Geste, die Gebärde, die man ansetzt und dann doch nicht vollendet. Der französische Philosoph Roland Barthes betont die bewusste Ungeschicklichkeit Twomblys: „Der Buchstabe ist bei Twombly (…) ohne Anstrengung gemacht; und doch ist er nicht eigentlich kindhaft, denn das Kind strengt sich an (…) Twombly entfernt sich davon, er läßt locker, er läßt schleifen; seine Hand scheint zu entschweben (…)“ 

Im Triptychon ‚Idyllen‘ scheint Twombly Wert auf die Lesbarkeit des Zitates zu legen. Es handelt sich um die ersten Zeilen der griechischen Hirtendichtung ‚Idilli‘ des Dichters Theokrit,  in welcher der Schäfer Thyrsis die unglückliche Liebe des Kuhhirten Daphnis besingt: „Sing, beloved Muses, sing my country song, I am Thyrsis of Etna, blessed with a toneful voice.“ („Hebet Gesang, ihr Musen, geliebteste, Hirtengesang an! Thyrsis vom Aetna ist hier, und die liebliche Stimme des Thyrsis.“ Übersetzung Eduard Mörike).   

Twomblys fortwährende Auseinandersetzung mit antiker Literatur gleicht einer Operation: Texte werden seziert und auseinander geschnitten. Beim Malen nähert er sich den Fragmenten neu an. Er spürt ihnen nach bis die Spur sich verliert, wie die Linien sich im Bild verlieren. Bei Twombly wird aus Malen Zeichnen, aus Zeichnen Schreiben und aus Schreiben bewusstes Kritzeln. Dabei arbeitet der Künstler in Schichten, er baut einen mystischen Raum aus Übermaltem und Verwischtem, setzt Spuren und löscht sie wieder. Der Malgrund ist bei „Idyllen“ nicht flach, sondern voller Verwerfungen und Anhäufungen von Farbe. Twombly heftet Papier auf den Bildträger welches er wiederum bemalt und beschmiert, wie ein Fenster zu einer weiteren Bildwelt.

Cy Twombly sieht seine Bilder in einer Reihe mit den Bildern der europäischen Maltradition der vergangenen Jahrhunderte: „Modern Art isn’t dislocated, but something with roots, tradition and continuity. For myself the past ist the source.“ („Moderne Kunst ist nicht ortlos und ohne Anbindung, sie besitzt Wurzeln, Tradition und Kontinuität. Für mich ist die Vergangenheit die Quelle.“) Dabei spielt es keine Rolle, dass Twombly diese Maltradition nicht einfach fortsetzt, sondern ihre Themen in eine neue Bildwelt führt.  (KS)


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