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Kunstwerk des Monats

März 2013

Bernd und Hilla Becher, "Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes", 1959-1978

„Das Haus Olper Straße 19 in Büschergrund wurde 1865 von Herrmann Waffenschmied erbaut. Herrmann Waffenschmied, geb. 1829 in Büschergrund, heiratete 1867 Anna Katharina Hoffmann, geb. 1840 in Oberschelden. Die Familie hatte 8 Kinder. Herrmann Waffenschmied betrieb selbstständig eine Hufschmiede und hielt 3–4 Kühe und einen Fahrochsen. Er bewirtschaftete außerdem 5 Hektar Felder und Hauberg. Im Erdgeschoss des Hauses befanden sich Küche, Wohnzimmer, Elternschlafzimmer, Kuhstall, Scheune und im Anbau die Schmiede. Im Obergeschoss waren 4 Schlafzimmer für die Kinder. Das Dachgeschoss war nicht ausgebaut, es diente als Lager für Heu, Stroh und Holz.“

Insgesamt 16 solcher „Entstehungsgeschichten“ fügten Bernd und Hilla Becher dem Katalog zu ihrer Ausstellung „Fachwerkhäuser der Siegener Industriegebiets“ in Wuppertal 1979 hinzu. Die kurzen, fast lakonischen Beschreibungen der Entstehung und Nutzung der etwa zwischen 1865 und 1914 entstandenen einfachen Häuser aus riegellosem Fachwerk zeigen ebensolche typischen Merkmale wie die Fotografien der entsprechenden Häuser. Die Erbauer waren einfache Handwerker oder Arbeiter der zahlreichen Zechen und Hütten des Siegerlandes. Oft auch als Nebenerwerbslandwirte arbeitend, verfügten sie über mehrere Hektar Garten- und Ackerland, um ihre oftmals großen Familien ernähren zu können. Ihre Häuser bauten sie als riegelloses Fachwerk in Ständerbauweise, welches zum einen kostengünstig war und zum anderen die strenge Bauvorschrift von 1790 erfüllte, die die Stärke der Holzbalken und die zu verwendenden Holzarten genau vorgab. Ebenso waren bauliche Verzierungen aus Holz verboten. Die daraus entstandene Hauslandschaft, welche mit erhöhtem Wohnraumbedarf in der schnell wachsenden Industrieregion einherging, findet sich in dieser Form nur in einem Umkreis von ca. 30 km um die Stadt Siegen. Besonders viele Ständer-Fachwerkbauten wurden in den Dörfern mit einer größeren Industrieanlage gebaut, ganze Straßenzüge mit gleichem Erscheinungsbild entstanden auf diese Weise.

Bernd Becher (1931–2007) stammte aus Siegen und verlebte seine Kindheit somit in einer Region, die von der Schwerindustrie lebte. Deren Bauten faszinierten ihn seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit, die zu Anfang noch ihren Ausdruck in Zeichnungen und Collagen fand – Bernd Becher hatte nach einer Lehre als Dekorationsmaler im väterlichen Betrieb ein Studium der Malerei, Grafik und Typografie, zunächst in Stuttgart, dann in Düsseldorf, aufgenommen. Aufgrund der rasanten Abwicklung der Zechen im Siegerland seit Mitte der fünfziger Jahre griff Bernd Becher 1957 das erste Mal zur Kamera. 1959 lernte er an der Akademie Hilla Wobeser (geb. 1934), eine junge Fotografin, kennen, beide heirateten 1961. Gemeinsam begannen sie schon 1959 systematisch mit der fotografischen Dokumentation der Siegerländer Gruben und Hütten sowie der in ihrem Umfeld entstandenen Fachwerkhäuser. Die entstandenen Fotografien dieser Zeit waren in den Augen der Zeitgenossen nicht in den Kontext Kunst-Fotografie einzuordnen, daher erschienen sie anfangs nur in Architekturzeitschriften und industriellen Fachblättern. 1963 fand dann in der Galerie Ruth Nohl in Siegen die erste Ausstellung der Becher‘schen Fotoarbeiten u.a. zu Siegerländer Industrieanlagen und Fachwerkhäusern statt. Hier wurde der Grundstein gelegt für weitere Präsentationen im künstlerischen Umfeld.
Die 1960er Jahre waren in der Kunst geprägt von neu aufkommenden Strömungen wie Konzept-Kunst und Minimal Art. Die Auseinandersetzung mit Ordnungsprinzipien durch anti-hierarchische Wiederholungen und die Beschäftigung mit Variationen eines Themas führten zu seriellen Kunstwerken. Die Analogien in der Arbeit von Bernd und Hilla Becher zur Konzept-Kunst – dokumentarische Fotografien zu erstellen und diese anschließend in einer bestimmten Weise zusammenzufügen – erkannte und beschrieb der Minimalkünstler Carl Andre bereits 1972.
Nach der Serie der Siegerländer Industriebauten erweiterten Bernd und Hilla Becher ihr Wirkungsfeld und wandten sich dem Ruhrgebiet zu, dessen Schwerindustrie-Anlagen ebenfalls dem Strukturwandel unterlagen. Zechen, die kurz vor der Stilllegung standen, und Fabrikhallen bildeten eine weitere Werkgruppe. Es folgten im Laufe der Jahrzehnte Serien zu Wassertürmen, Gasbehältern, Kalköfen, Silos, Hochöfen, Kühltürmen und anderen archaisch anmutenden, ausgedienten Industrieanlagen in Europa und den USA.

Die aktuell im Museum für Gegenwartskunst Siegen ausgestellte Fotogruppe der „Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes“ entstand im Zeitraum von 1959 bis 1978. Für die Erstpräsentation des Museums im Jahre 2001 nahmen Bernd und Hilla Becher eine neue Zusammenstellung speziell für die Siegener Räumlichkeiten vor. Sie ordneten insgesamt 146 Fotografien in zwölf Tableaus an, bestehend aus 9, 12, 15 oder 16 Einzelfotografien. Seit 2003 befindet sich die Arbeit, die als erste Werkgruppe des Künstlerpaares gilt, im Besitz des Museums, gemeinsam erworben mit der Photographischen Sammlung/SK Stiftung für Kunst und Kultur, Köln.

Bereits zu Beginn ihrer Zusammenarbeit einigten sich Bernd und Hilla Becher auf eine bestimmte fotografische Herangehensweise nach festen Parametern, die für ihr fotografisches Werk jahrzehntelang galten und ihre Arbeiten unverwechselbar machen.
Die Arbeit mit einer Plattenkamera im Format 13 x 18 cm ermöglichte eine verzerrungsfreie, flächige Wiedergabe der Objekte und eine gleichmäßige Tiefenschärfe. Weitere Bedingungen, um den Eindruck großer Sachlichkeit in den Fotografien zu erreichen, waren der leicht erhöhte Standpunkt, die Zentrierung des Motivs und die diffuse Lichtsituation. Das Künstlerpaar arbeitete im Herbst und frühen Frühjahr bei bedecktem Himmel, da die dann herrschende neutrale Beleuchtung die Häuser mit ihrer grafischen Struktur besonders hervorhebt und ihre Umgebung in gleichmäßigem Grau zeigt.

Die Sprödigkeit und Einfachheit der Häuser wird durch diese neutrale Darstellung noch betont, so ist keine Ablenkung vom Objekt möglich. Die farbliche Reduktion der Häuser auf Schwarz und Weiß wurde von Bernd und Hilla Becher in der Verwendung der Schwarz-Weiß-Fotografie stark betont und bewirkt, auch durch die isolierte Darstellung, eine besondere grafische Monumentalität der Häuser, die sie ihrem Ursprung nach gerade nicht beinhalten. Die „arme-Leute-Häuser“, wie Hilla Becher sie nennt, werden aus ihrem Kontext enthoben, fokusiert wird auf ihre unmittelbare Erscheinung. In der Fülle auftretend, entlang einer beliebigen Straße eines Siegerländer Ortes fallen diese Fachwerkhäuser nicht auf, sie gehen in der Menge unter, die typischen Merkmale werden zu austauschbaren Strukturen – eins ist wie das andere. Erst der besondere Blick der Becher‘schen Fotografie auf das einzelne Objekt zeigt sowohl die typischen als auch die individuellen Besonderheiten dieser Hausform.

Dabei lief das Projekt der Dokumentation der Häuser weniger unter einem streng denkmalpflegerischen Ansatz, sondern Bernd und Hilla Becher folgten einer eigenen Typologie, nach der sie die Häuser aussuchten. Die Vielzahl der vorhandenen Fachwerkhäuser im Siegerland erforderte eine Beschränkung in der Auswahl, wenn auch bis 1978 mehr als 200 Häuser aufgenommen wurden. Bernd und Hilla Becher einigten sich auf prägende Gebäude, die in die bereits bestehenden Typologien aufgenommen wurden. Dabei wurde auf formal-gestalterische Aspekte der größte Wert gelegt. Die Präsentation der Fotografien erfolgte dann in einer Anordnung nach dem Blickwinkel der Aufnahme und der kompositorischen Präferenz der beiden Fotografen. So kommt es, dass in den Tableaus, die in Reihen übereinander gehängt werden, Häuser aus verschiedenen Orten und verschiedenen Jahren zusammengestellt wurden. Bernd und Hilla Becher folgten nicht der Morphologie der Naturwissenschaften, welche Typologien verwendet, um daraus Klassifikationen abzuleiten, sondern sie nutzten die Typologien, um das ästhetische Potenzial der Objekte hervorzuheben. Die Menge der abgelichteten Gebäude führte zwangsläufig zum Erkennen ähnlicher Strukturen und damit zu dem Wunsch, zu vergleichen. Hilla Becher äußerte sich 1971 über die Formierung von Typologien: „Structural patterns and their transformations as well as the basic form derived from shared functional principles and derivations can be proved to exist in the case of such relatively exhaustive comparative series. (…) Each of the groups of objects has prototypes (…).”
Durch die Bekanntheit der Fotografien und ihre Anerkennung in der Kunstwelt wurde auch die Architekturgeschichte auf die Gebäude aufmerksam. Ihre Aufarbeitung anhand der Fotografien führte dazu, dass diese in der neueren Forschung eingehender in ihrem sozio-kulturellen Kontext untersucht werden.
Die Gradwanderung zwischen zugleich objektiver wie sehr persönlicher Darstellungsweise der Fotografen, zwischen sachlicher Erscheinung im Sinne der klassischen Dokumentarfotografie und dem besonderen Blick für die formal-ästhetische Dimension der abgelichteten Gebäude, bewirkt, dass der Betrachter diese oft unbeachteten Objekte nun als „anonyme Skulpturen“ wahrnimmt.

Kirsten Schwarz, Februar 2013

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