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Tastobjekte No. 15, 17, und 34

März 2012

Emil Schumacher, Tastobjekte No. 15, 17, und 34, 1957

Die Tastobjekte Emil Schumachers entstammen dem Frühwerk des Hagener Malers und bilden eine eigene Werkgruppe.

Seit 1951 beschäftigte er sich mit dem Thema des ‚Strukturell-Stofflichen‘ (Schumacher), erst auf Papier, ab 1956 dann mithilfe verschiedener Materialien, die er reliefhaft gestaltete. Schumacher war zu dieser Zeit bereits ein angesehener Vertreter des deutschen Informel und stellte seit 1947 regelmäßig im In- und Ausland aus. Nach den Jahren des Nationalsozialismus und des Krieges, die er als technischer Zeichner und ohne Kriegseinsatz überlebte, begann er, wie viele verfemte Malerkollegen, sofort wieder künstlerisch zu arbeiten. Zu dieser Zeit setzte eine erhöhte künstlerische Produktion in Deutschland ein; die Künstler versuchten, die verlorenen Jahre aufzuholen und eine neue, den Gegebenheiten der Gegenwart gerecht werdende Kunst zu schaffen.
Emil Schumacher spielte eine wichtige Rolle in dieser Aufbruchszeit, u. a. war er 1947 Mitbegründer der Gruppe ‚junger westen‘ in Recklinghausen. 1951 unternahm er eine Reise nach Paris, die ihn mit den neusten Strömungen der französischen Kunst vertraut machte. Die Begegnung mit den Künstlern des Tachismus wie Dubuffet, Fautrier und Georges Mathieu beeindruckten ihn sehr und bestärkten ihn, den Weg der Abstraktion, den er seit Kurzem beschritt, weiterzugehen.

Neben den Gemälden entstanden nun zunehmend Objekte, denn das Material, etwa die Stofflichkeit der Farbe selbst, faszinierte Schumacher. Die Tastobjekte bilden eine Zwischenstufe zwischen Bild und Plastik. Ganz in den Raum treten wollte der Maler Schumacher nicht. Aber das Experiment, reliefhaft in den Raum zu arbeiten, beschäftigte ihn zunehmend und ließ von 1956 bis 1957 eine Reihe solcher so genannter Tastobjekte entstehen. Ihre unterschiedliche Gestaltung verweist auf die Neugier, mit verschiedenen Materialien zu arbeiten und immer neue Facetten dieser Objekte auszuloten. Papier- und Pappmaché gehören zu den verarbeiteten Stoffen ebenso wie Weichfaserplatten, Netze, Gitter, Draht, Stoff, Nägel, Metallstücke, Teer und Karton. Es gibt unterschiedlichste Texturen, die weich, hart, spitz oder kantig erscheinen. Man möchte sie berühren, ihrem Titel ‚Tastobjekt‘ gerecht werden. Wie würden sie sich anfühlen? Jedes Objekt besitzt eine andere Anmutung, der Reiz zu berühren ist groß und vom Künstler intendiert.
Emil Schumacher äußerste sich selbst 1957 zu den Tastobjekten: „Die Farbe als Stoff, als Materie begann mich zu interessieren. […] Im Verlauf dieses Neuen kam ich auf direktem Weg zu meinen jetzigen Objekten. Die Gebilde aus den verschiedensten leicht formbaren Materialien sind so sehr mit der Materie identisch, dass ihr Ausdruck sich spontan ergibt. Es ist kein Bild von etwas, sondern durch etwas. Die Abgrenzung durch einen Rahmen würde dem Wesen der Objekte nicht entsprechen. Ihre Wirksamkeit erstreckt sich rein optisch auch über seine Grenzen hinaus. Es flutet von dem Kern zu den Rändern und tritt bei der Begegnung mit dem Raum in eine echte Kommunikation. Meine Objekte nenne ich Tastobjekte, da der Betrachter sie ihrer vollständigen Existenz nach abtasten kann, also psychisch und physisch.“ Er verfremdete das Traggerüst der Farben und verband beides untrennbar zu einer neuen Gestalt.

Die Sinne werden hier in erster Linie angesprochen, kein Abbild stört die Konzentration auf Erscheinung, haptische Präsenz und räumliche Beschaffenheit. Es gibt kein Innen und Außen, aber „der Raum drängt hinein, das Objekt drängt heraus“ . Diese Durchdringung, das Durchlöcherte, Offene und Unbegrenzte der Tastobjekte macht ihr eigentliches Wesen aus. Es gibt stark durchlässige Objekte, deren Trägermaterial durchlöchert wurde, oder filigrane Objekte, mit wenig Farbe versehen, wo Licht und Schatten die Gestalt verändern. Andere wirken wuchtiger, bestehend aus klobigen Kartonagen oder Pappmaché, welches wulstig zusammengepresst wurde, mit Rändern, die wie angenagt wirken. Allen Tastobjekten haftet eine Aura des Vergänglichen an. Die erdige, schmutzige Farbgebung weist darauf hin, Assoziationen an Zerfall und Zerstörung stellen sich ein. Man könnte glauben, die Objekte wären einem künstlichen Alterungsprozess unterzogen, denn wie Schmutz, Brandspuren, bröckelnder Putz, Lumpen und Schimmel erscheinen die Spuren, die Schumacher auf seine Objekte legt. Sie implizieren das scheinbar kurz bevorstehende Auseinanderfallen der Stoffe, ihre Fragilität ist fast physisch spürbar.
Zerstörung und Auflösung als unbedingte Voraussetzung für die Schöpfung des Neuen waren im Informell der 50er Jahre ein beherrschender Ansporn der abstrakten Maler. Die Malerei des Informel galt als Zeugnis des kollektiven Unterbewusstseins einer Zeit, die von Verdrängung und Unsicherheit geprägt war, aber auch als Traum vom Neuanfang, der noch unbestimmt und vage war. Die Maler drückten in ihrer radikal subjektiven Wahrnehmung auch die Haltlosigkeit der Nachkriegszeit aus, die sich in der Zerstörung der klaren Strukturen des Bildes manifestierte. Hier lassen sich auch die Tastobjekte Schumachers einordnen. Der Kunsthistoriker und Zeitzeuge Werner Haftmann formulierte seine Auffassung der Entstehung des Informel aus der Lage der zerstörten Nation 1973 rückblickend: „ Diese ganze zerbrochene Ordnung oder die fantastische Unordnung, die jeder wieder an seinem Ort in Ordnung zu bringen versuchte, stellte einen Freiraum her, in dem eben alles möglich war.“ Emil Schumacher nutzte diesen Freiraum, er ließ seine porösen Tastobjekte in der Schwebe zwischen Aufbau und Zerfall. Eruptionen als Zeichen einer Neuordnung.


Kirsten Schwarz

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