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KUNSTWERK DES MONATS

März 2010

Hans Haacke, Blue Sail, 1964-65/2001

Der Künstler Hans Haacke (*1936) verfolgt mit seinen Projekten und Installationen einen ausgesprochen politischen und kritischen Ansatz. Im Museum für Gegenwartskunst Siegen befindet sich eine frühe Arbeit von ihm, „Blue Sail“, datiert 1964-65/2001, die auf den ersten Blick gar nicht zu dem passt, was man gemeinhin von Haacke kennt: Ein Ventilator bläst Luft unter ein aufgespanntes blaues Segel, das sich in Wellen auf und ab bewegt.

Das wohl populärste Projekt von Haacke, das sogar im Bundestag diskutiert wurde, widmete er „Der Bevölkerung“ (2000). Für das Projekt sammelten Bundestagsabgeordnete aus ihren Wahlbezirken kleinere Mengen Erde, um sie für ein monumentales Beet im Berliner Reichstagsgebäude zusammenzutragen. Dies führt jetzt als Ökosystem sein widerständiges Eigenleben im Getriebe der parlamentarischen Demokratie. Andere Projekte thematisieren – ebenso gleichnishaft wie impulszündend – die Verflechtungen der Kunstwelt mit den gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten: die Domäne der Kunst ist für Hans Haacke kein Milieu des interesselosen Wohlgefallens, sondern hier verzahnen sich die verschiedenen Kräfte von Institution, Geldgeber, Sammler, Publikum, Künstler und Werk.

Die frühen Arbeiten des Künstlers aus den sechziger Jahren inszenieren nicht politische, sondern physikalische Systemzusammenhänge, unter anderem eben „Blue Sail“: Ein dünnes blaues Tuch, 272 x 272 cm groß, ist an vier Schnüren an der Decke befestigt. Die Punkte der Aufhängung sind mit Angelgewichten beschwert. Unter dem Tuch steht ein gewöhnlicher Ventilator, der sich annähernd halbkreisförmig um seine eigene Achse bewegt. Die Luftbewegung, die durch das Gebläse und durch den langsam hin und her schwenkenden Ventilator entsteht, füllt das blaue Segel mit immer neuen Wellenformen. Interferenzen von sich verstärkenden oder gegeneinander arbeitenden Wellen ergeben das lebhafte Aufbauschen des Segels. Dabei werden die fließenden Bewegungen doch immer an einer Stelle gehalten – das Segel fliegt ja nicht fort. So ist dieses Werk ein – von Außen gesehen – geschlossenes System, das in seinem Inneren durch mehrere ineinander greifende Kräfte ständig verändert wird.

Heute ist die Arbeit „Blue Sail“, die 1965 zum ersten Mal im Haus am Lützowplatz in Berlin ausgestellt wurde, nicht mehr als Original erhalten. Eine vom Künstler autorisierte, 2001 hergestellte Kopie befindet sich als Dauerleihgabe des Künstlers im Museum für Gegenwartskunst Siegen, eine weitere Kopie befindet sich in der Sammlung des FRAC Nord-Pas-de-Calais in Lille.

Haacke hatte in den fünfziger Jahren an der Werkkunstschule in Kassel bei Fritz Winter, einem Maler des Informel, der Abstraktion aus Naturanschauung entwickelte, studiert. Der Schüler Winters wandte sich von der Malerei ab und machte den entscheidenden Schritt zu physikalischen Prozessen im Realraum und ihrer Veranschaulichung mithilfe alltäglicher Materialien, beeinflusst durch die Künstlergruppe Zero in Deutschland und der Groupe de Recherche d’art Visuel in Paris. „Blue Sail“ bezieht sich sicherlich auch auf das legendäre Blau von Yves Klein, das Assoziationsketten von Himmel, Wasser, Luft und Atmen eröffnet. Zugleich suchte Haacke die romantische Attitude von Klein zu vermeiden und erkundet Wasser- und Luftbewegungen in profanen Konstellationen. Damit löst er sich von der Skulptur und einem eher geschlossenen Werkbegriff der genannten Künstlergruppen und eröffnet neue Wege für die Kunst.                                                          

(Sammlung Museum für Gegenwartskunst Siegen)

Eva Schmidt


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