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Kunstwerk des Monats

Juni 2014

Hans Hartung, "T1989-K38" - "1989-K42", 1989

„Schwarz ist zweifellos meine Lieblingsfarbe. Ein absolutes, kaltes, tiefes, intensives Schwarz. Und ich liebe Farben auf denen starke Kontraste möglich sind. Ich habe immer die kalten Farben bevorzug. Das Blau, das sehr helle Türkis-grün, das Zitronengelb, das schon fast schwarze oder ins Grün gehende Dunkelbraun. Ich finde je reiner die kalten Farben sind, umso freier kann man atmen. Das Zitronengelb hat etwas Strahlendes, Schwingendes, Tönendes. Das kalt Grün ist zurückhaltender, atmosphärischer, erinnert mehr an Wasser." (1)

Diese persönliche Vorliebe für bestimmte Farben erkennt man auch in den fünf Gemälden aus Hans Hartungs Spätwerk. Von einem kräftigen Braun, über Blau, Türkis-grün bis hin zu dem eben erwähnten Zitronengelb spielt Hartung seine gesamte Farbpalette aus. Die verschiedenen Farbkombinationen vermitteln mal Helligkeit und Freude, mal wirken sie auf den Betrachter eher trostlos und betrübt, doch nie sind die Bilder langweilig oder ruhig. Sie zeugen von Hans Hartungs unbändigen Bewegungsdrang. Besonders prominent bezeugen dies die dominanten, schwarzen Linien, welche vor einem nebelhaft diffusen, rein aus der Farbe aufgebauten Farbraumgrund gestisch frei aufgetragen wurden. Sie winden sich in chaotischen Formen und rhythmischen Bahnen über die Leinwände und verdichten sich formatfüllend zu einem ästhetisch Ganzen. Die Formen entstehen aus einem Bewegungsimpuls heraus, immer harmonisch und ausgewogen, aber nicht aufgrund einer festgelegten Komposition. 

Schon in den 1960er Jahren begann Hartung, der im 2. Weltkrieg ein Bein verloren hatte, mit Hilfe einer Gartenspritze (2) zu malen. So konnte er im Rollstuhl sitzend auch großformatige Flächen bearbeiten. In der „T1989-K“-Reihe, aus der Sammlung Lambrecht-Schadeberg führt Hartung diese spezielle Art der gestischen Malweise in beeindruckend vielfältigen Variationen vor: Die schwarzen Farbformen zeigen sich komprimiert wie ein Vogelnest, bilden ein ausuferndes Gitter, das die ganze Leinwand bedeckt oder beschreiten eine imaginäre Spur. Verschiedene Sprühköpfe produzierten feine Farbschleier, flächige Farbfelder, Linien oder Tropfen. Die unterschiedlichen Farben können wie vom Regen verwaschen ineinander fließen, sich wie dicke Kleckse übereinander setzen oder miteinander verschmelzen, sodass eine Unterscheidung der verschiedenen Malebenen unmöglich erscheint. Immer wirken die Gemälde unmittelbar, als seien sie spontan entstanden. (3)

Die vorgestellten Gemälde der „T1989-K“-Reihe aus der Sammlung Lambrecht-Schadeberg sind alle an einem Tag entstanden, dem 29. Juli 1989. Hartung liebte die Zahl 29, denn im Jahr 1929, am Ende seiner Lehrjahre, hatte er seine Frau Anna-Eva Bergmann geheiratet. Sie war 1987 gestorben. Hartung selbst starb am 7. Dezember 1989 und schuf allein in seinem letzten Lebensjahr 360 Bilder.(4)

Hans Hartung gilt als einer der Pioniere der gestischen Malerei in Europa, einer Spielform der expressiven oder lyrischen Abstraktion der 1950er Jahre. Als erster internationaler Stil beherrschte diese ein Jahrzehnt lang die Kunstwelt.(5)

Sein ganzes Leben lang hat Hartung ausschließlich in informellen Formen gearbeitet: "Meiner Meinung nach ist die Malerei, die man die abstrakte nennt, kein Ismus, wie es deren in letzter Zeit viele gegeben hat, sie ist weder ein Stil noch eine Epoche in der Geschichte der Kunst, sondern einfach ein neues Ausdrucksmittel, eine andere menschliche Sprache - und zwar direkter als die frühere Malerei".(6)

Die Motivation, die ausschließlich aus dem Akt des Malens entsprang, stand im Mittelpunkt von Hartungs malerischer Selbstfindung. Er sagte selbst, dass es immer ein Gefühlszustand gewesen sei, der ihn zum Zeichnen antrieb, dazu bestimmte Formen zu schaffen und zu versuchen dem Betrachter ein ähnliches Gefühl zu vermitteln und in ihm auszulösen.

Hartung verfolgte immer einen Pfad, der klar durch eine äußerste Genauigkeit des Denkens und eine immer wieder erneuerte Schlüssigkeit im Ausdruck gekennzeichnet ist, die sich niemals dem Zufall oder Schicksal verdankt, sondern immer dem andauernden Suchen nach einem aus tiefen Nachdenken entspringenden malerischen Antrieb, der der Fantasie und Emotion immer neue Formen verleihen sollte.(7)

Der deutsch-französische Maler und Graphiker zählte zu den bedeutendsten Vertretern der gegenstandslosen Malerei und des europäischen Informel. Er avancierte mit seinen Werken mit den Jahren zu einem der einflussreichsten Repräsentanten der École de Paris.

In seiner Auffassung maß er der Kunst eine eigene Realität bei. Damit verbunden war die strikte Vermeidung der Abbildung von Wirklichkeit im Kunstwerk.

Seine Vorreiterrolle in der abstrakten Kunst und sein internationales Resümee waren es auch, die dazu führten, dass die Siegener Jury Hans Hartung 1958 zum ersten Rubenspreisträger der Stadt ernannte.

Annalena Schäfer



[1] Franz-W. Kaiser, Anne Pontégnie und Vicente Todoli: Hartung x 3, o. O. 2003, S. 214.

[2] Franz-W. Kaiser, in: Galerie Fahnemann Berlin: Hans Hartung, Fait le 29.7.1989, Bilder eines Tages, Berlin, 2012, S. 5.

[3] Chiara Stefani, in: Setareh Gallery: Hans Hartung, Malerei-Geste-Befreiung, Düsseldorf, 2013, S. 12.

[4] Franz-W. Kaiser, in: Hans Hartung, Fait le 29.7.1989, S. 6.

[5] Ebd., S. 2.

[6] Zitat Hans Hartung, in: Hans Hartung, Fait le 29.7.1989, S. 2.

[7] Chiara Stefani, in: Hans Hartung, Malerei-Geste-Befreiung, S. 14.


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