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Kunstwerk des Monats

Juni 2013

Stephen Willats, "Fifteen Feet by Eight Feet And There are Two of Us Here", 1980

„Fifteen Feet By Eight Feet And There Are Two Of Us Here“, mit dem präzisen Datum Mai/September 1980 versehen, ist das Porträt eines jungen Zeitungsredakteurs. Der englische Konzeptkünstler Stephen Willats (geb. 1943, lebt in London) hat dieses Porträt mithilfe von drei Foto-Text-Montagen entworfen. Jedes dieser Gebilde verkörpert eine Phase in einem kommunikativen Prozess zwischen dem Künstler und dem Porträtierten.


Traditionellerweise konzentriert sich ein (gemaltes oder fotografiertes) Porträt, aus einem einzigen Bild bestehend, auf die Physiognomie des Porträtierten. Persönliche Attribute und der Umraum liefern ebenfalls Informationen über die dargestellte Person, sind jedoch deutlich nachgeordnet. Hier, im Werk von Willats, haben wir in jedem der drei Bilder eine Montage von kleineren und größeren Fotos, die mittels Verbindungslinien in eine Beziehung zueinander gesetzt werden. Mündliche Äußerungen des Porträtierten sind als Textblöcke über die Fotos gelegt. Der blasse Hintergrund zeigt Ansichten des Redaktionsbüros.

Die diagrammartige Fotomontage hat in jedem Bild die gleiche Struktur. Rechts unten sieht man den Redakteur, der im ersten Bild nachdenkt, im zweiten Bild schreibt, im dritten Bild spricht. Links oben erkennt man jeweils eine andere Person, die im Ablauf des arbeitsteiligen Produktionsprozesses der Zeitung bestimmte Etappen personifiziert. Die erste spielt im technischen Fertigungsprozess eine Rolle; die zweite hat mit der Auslieferung zu tun; die dritte, stellvertretend für die vielen Leser, ist im Begriff, am Kiosk eine Zeitung zu kaufen. Der Redakteur ist durch seine Arbeit mit diesen Personen über eine kleinere oder größere Distanz, physisch oder mental, verbunden.

Auf anderen Fotos entdeckt man Gegenstände aus dem Büroalltag: Telefon, Pinnwand, Aktenablage, Schreibmaschine usw. Gerade sie helfen uns, das Porträt als eines wahrzunehmen, das in einer bestimmten Zeit gemacht wurde. Die meisten dieser Gegenstände repräsentieren eine vor-digitale Ära, -- aus heutiger Sicht fast so weit entfernt wie die Steinzeit. Unwillkürlich denken wir, die wir heute vor den Bildern stehen, an die unzähligen Diskussionen darüber, wie stark Digitalisierung und Internet die Produktion einer Zeitung und die Lesegewohnheiten der Konsumenten inzwischen verändert haben.

In der Verflechtung der Fotos und Texte sind das wiederkehrende „What he said“ (Was er gesagt hat) in der linken Bildhälfte und das wiederkehrende „My question“ (Meine Frage) in der rechten Bildhälfte besonders interessant. Offensichtlich sind hier zwei Perspektiven ineinander verwoben – die des Redakteurs, der eine rhetorische Frage formuliert und die des Künstlers, der mit seinem Kunstwerk das Bild des Redakteurs aus seiner eigenen Perspektive wiedergibt. Da der Adressat der Frage nicht benannt ist, ist es gerade sie, die den Betrachter des Kunstwerks aktiviert. So wird deutlich eine Beziehung zwischen dem Porträtierten, dem Künstler und dem Betrachter angesprochen.

Willats hatte den jungen Redakteur Steve Wood, der für die Sunday Times, die Sonntagsausgabe der englischen Tageszeitung Times arbeitete, an drei verschiedenen Terminen getroffen und interviewt. Am 30. Mai 1980 besuchte er ihn in seinem Büro, hier entstanden auch die Fotos. Weitere Treffen fanden am 16. Juni und am 30. Juni im Atelier des Künstlers statt. Die drei ausführlichen Gespräche kreisten um die tägliche Arbeit, um die zwischenmenschlichen Beziehungen im Produktionsablauf, um die projektiven Beziehungen zu den unbekannten Lesern – „out there“ (da draußen). Die drei Teile der Arbeit spiegeln die drei Gespräche wider, aber auch eine Transformation des Porträtierten, der zunehmend reflexiver und kritischer wird.

Das Porträt des Redakteurs ist im Zusammenhang mit drei weiteren Porträts von Willats aus dieser Zeit zu sehen. Er traf auch einen Banker, einen Architekt und einen Museumskurator. Die vier Arbeiten wurden zusammen in der Lisson Gallery 1980 in der Ausstellung „Four Professionals“ gezeigt. Willats interessierte sich für den physischen und psychologischen Druck dieser professionellen Entscheidungsträger. Alle arbeiteten in einem Bereich der Öffentlichkeit – und hatten in verschiedener Weise mit einem diffusen Publikum zu tun. Die Vorstellungen, die man von seinem Publikum, seinen Kunden hat, prägen die eigene Arbeit, ohne dass es eine Rückkoppelung gäbe – es ist im großen und ganzen eine Einwegkommunikation.

Stephen Willats wurde Künstler über einen kleinen Umweg. Als fünfzehnjähriger sucht er einen Job und beginnt in einer Londoner Galerie zu arbeiten. Er erfährt hier viel über die Kunstwelt mit ihren ungeschriebenen Gesetzen, unter anderem über das Verhalten des Kunstpublikums. An einem fernen mythischen Ort, dem Künstleratelier, entsteht die Kunst, die in der Galerie und im Museum ausgestellt wird und vom eingeweihten Kenner begutachtet wird. Künstler entwickeln Kunst als Kommentare vorangegangener Kunst, der im eigenen System verbleibende Formalismus ist unvermeidlich. Stephen Willats bricht aus diesem System aus. Er interessiert sich für Menschen, die normalerweise nicht ins Museum gehen. Er geht dorthin, wo die Menschen leben und arbeiten. Er untersucht das Wohn- und Arbeitsumfeld und interessiert sich für Phänomene der Gegenkultur. Seine Kunstwerke entstehen explizit als Resultat einer kommunikativen Situation. Willats nennt seine Werke „symbolische Welten“. In ihnen werden polemische Themen verhandelt, die von allgemeinem Interesse sind. Diese „symbolischen Welten“ fungieren als Vehikel, über das der Betrachter im Museum seine eigene Wahrnehmung der Welt transformieren kann. Willats fordert uns auf, Position zu beziehen.



Eva Schmidt

 

 

 

 

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