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Kunstwerk des Monats

Juni 2012

Maria Lassnig, Die Wohlstandsgesellschaft, 1993

Bildbestimmend in Maria Lassnigs Gemälde "Die Wohlstandsgesellschaft" von 1993 ist eine große helle Form auf der verschiedene Gebilde und Motive dargestellt sind. Diese Form ist motivisch nicht genau einzuordnen, es könnte sich um eine Tischdecke oder ebenso um ein großes Kissen handeln.

Auf dieser Form befinden sich im oberen Teil, separiert und ohne räumliche Anordnung, drei Gebilde in der Anmutung von Brathähnchen, welche zum Teil in Schalen oder Kelchen arrangiert wurden. Darunter liegt eine unbestimmbare kleinere Form, die an eine Faust erinnert, jedoch mit merkwürdigen Auswüchsen versehen wurde. Am unteren Rand des Bildes, vor und hinter dem riesigen Kissen, befinden sich ein hellblaues, nach vorn geöffnetes Gebilde, welches in einem Stockgriff endet, zwei erstaunlich realistische Füchse und ein Gewirr aus Armen und Beinen, das nicht dezidiert menschlich erscheint, sondern wie Tierbeine oder Puppenarme. Diese tragen einen großen hellen Gegenstand, bei dem die Assoziationen von Brotteig bis Seifenstück reichen. Die fehlende perspektivische Raumsituation macht die Identifizierung der Motive noch schwieriger. Es gibt keinen Vorder- oder Hintergrund, denn alles scheint zu schweben, Größenverhältnisse und Größenkonstanz sind aufgehoben. Der Betrachter orientiert sich allein an der Darstellung der beiden Füchse, um eine Deutung der Dinge vorzunehmen, diese bilden jedoch die beiden kleinsten Darstellungen. Ein optisches Verwirrspiel zieht den Blick zwischen den isoliert ins Bild gestellten Dingen hin und her und verhindert die Bildung eines offensichtlichen Zusammenhangs. Nur der Titel ist eindeutig: Die Wohlstandsgesellschaft.

Die zehnte Rubenspreisträgerin Maria Lassnig, 1919 in Kärnten/Österreich geboren, will von ihrem Unterbewusstsein während des Malvorgangs überrascht werden. Sie tritt ohne Planung vor die Leinwand, aber immer mit einem festen Ausgangspunkt, ihrem Körpergefühl. Seit nunmehr über sechzig Jahren malt Maria Lassnig ihre körperlichen Empfindungen, sucht eigene Bilder, Metaphern und Symbole um ihr Körperbewusstsein, physiologische Gegebenheiten und ‚Körpersensationen‘ , die sie konzentriert erspürt, auf die Leinwand zu bringen.
Selbstporträts bilden die weitaus größte Gruppe im Œuvre Maria Lassnigs, wobei es sich weniger um narzisstische Selbstinszenierungen als um die Darstellung von Selbsterfahrungen handelt. Schonungslos zeigt sie sich da, stülpt ihr Inneres nach Außen, um ihre Empfindungen zu artikulieren. Ihr Malstil aus Emotions-Gebilden und realen Gegenständen, ausgeführt meist in kühlen Pastellfarben entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte, ohne dass Lassnig diesen Prozess bewusst gesteuert hat.

Maria Lassnig stellt ihre Körperempfindungen auf verschiedene Weise dar, nähert sich dem entsprechenden Gefühl auf unterschiedlichen Wegen, etwa als Erinnerungsassoziation, d.h. sie malt ein Motiv wie es erscheint oder wie sie es fühlt, als Ergebnis tiefster Konzentration, oder drittens als Mischung aus realistischen Assoziationen und frei erfundenen Sensationen. Immer wieder entstehen neue Werkgruppen, deren Kerngedanke, das Körpergefühl, sowohl realistisch, als auch surrealistisch oder – wie in ihrem Frühwerk in den 1950er Jahren – abstrakt dargestellt wurde. In ihrem Spätwerk wendet sich Lassnig verstärkt der Außenwelt zu, auch hier jedoch von eignen Reaktionen und Erfahrungen ausgehend. Malanstöße sind Gefahren, Katastrophen, Kriege, Umweltzerstörung und die Ausrottung der Tiere. Ende der 1980er Jahre führt dies zu einer Hinwendung zu erzählerischen und allegorischen Bildern, voller Ausdruckswillen und Dynamik. Die Naturbezüge häufen sich, ebenso wie ihre das Œuvre durchziehende Darstellungen mythologisierter Tiere. Die Beschäftigung mit der Animalität des Menschen und der besonderen Energie der Tiere gehört für Lassnig gleichsam zur Identitätsbefragung wie ihre Körpererfahrungen.

Das Gemälde Die Wohlstandsgesellschaft lässt vor dem Hintergrund des Spätwerkes einige Interpretationen zu. So können die Füchse als Symbole für Habgier und Durchtriebenheit stehen, Eigenschaften, die unsere Wohlstandsgesellschaft mitgeprägt haben. Auch die Andeutungen der drei ‚Hähnchen‘ oder das Kissen, an dessen Rand sich zwei der amorphen Gebilde klammern, lassen sich im Hinblick auf den Titel als Wohlstandsnahrung oder weiche Zuflucht deuten. Steht die angedeutete Faust vielleicht für die Wut Lassnigs, angesichts der negativen Auswirkungen der Wohlstandsgesellschaft? Letztlich bleiben diese Deutungen aber nur eine subjektive Sicht des Betrachters, zu vieles ist in der inneren Welt Maria Lassnigs entstanden und bleibt enigmatisch. Die hermetische Gestaltung ihrer Bilder kann jedoch aufgehoben werden durch das Nachspüren ihrer Körpererfahrungen und Körperempfindungen. Die Präsenz der Malerin als Objekt ihrer eigenen Werke wirkt eindringlich nach in den gefundenen malerischen Metaphern.

Kirsten Schwarz

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