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KUNSTWERK DES MONATS

Juni 2011

Hubert Kiecol, Treppe Central, 2010

Zwei kleine Treppen hängen an der Wand. Sie sind unbegehbar, ihrer Funktion beraubt. Trotzdem sind es definitiv Treppen, bestehend aus sechs gleich hohen Stufen. Dreidimensional ragen sie aus der Wand heraus, eine ragt kopfüber in den Raum, die andere liegt aufstrebend darauf und zieht sich an der Wand entlang – beide aber führen zu keinem Ort.

Auch ihre Größe irritiert, jede ist nur etwa 20 Zentimeter hoch. Über Augenhöhe an der Wand angebracht kann man sie sehr gut betrachten, doch man findet auch bei näherem Hinsehen keine versteckten Hinweise auf ihre Bedeutung. Sie sind nur die Idee einer Treppe und wirken wie kleine Modelle. Doch warum dann die rätselhafte Anbringung? Niemand könnte diese Treppen hinaufgehen…

Das Material, grauer Beton, verstärkt die Präsenz der allgemeinen Form ohne individuelle Gestaltung. Immer mehr kommt man zu der Erkenntnis, dass es sich hier um das Zeichen einer Treppe handelt. Obwohl dieses Treppen-Relief in seiner Form schnell erkannt und eingeordnet ist, wirft es Fragen auf. Die Diskrepanz zwischen der Treppe als einem Ort der Bewegung, der Begegnung und der Verneinung dieser Assoziationen innerhalb der Skulptur wird schnell deutlich. In der Beschränkung auf das Zeichen bietet der Künstler dem Betrachter die Möglichkeit, dem Objekt nachzuspüren. Nichts wurde verfremdet, nichts hinzugefügt, eine stille Skulptur zieht hier in ihren Bann. Hubert Kiecol lässt seinen Skulpturen viel Raum, es gibt keine Sockel oder Vitrinen, die sie erhöhen würden. Sie drängen sich durch die dezente Präsentation nie in den Vordergrund und fesseln darum um so mehr. Assoziationen, Eindrücke, Klischees, aber auch persönliche Erinnerungen werden beim Betrachten der Werke Kiecols wach und damit zugleich scheinbar unpersönliche, allgemeingültige Formen, die so eine Art eigener Aura erhalten.

Hubert Kiecol, 1950 in Bremen geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Schriftsetzer, bevor er in Hamburg die Hochschule für bildende Künste besuchte. In den achtziger Jahren begann er Architektur und Architekturelemente im Miniaturformat zu gestalten. Sein bevorzugtes Material in dieser Zeit war Beton, der Baustoff der Nachkriegszeit, der in der Kunst noch selten verwendet wurde. Kiecol gelang es aus Beton klare, kompakte Formen zu schaffen, die trotz ihrer geringen Größe nichts Kitschiges aufwiesen, sondern durch besondere Erhabenheit und Präsenz auffielen. Es gab keine neuen Formerfindungen, sondern den Versuch, die Abstraktion einer bekannten Form bis an die Grenze der Erkennbarkeit zu führen und damit die Essenz ihrer Form offen zu legen. Trotz dieser minimalistischen Formauffassung ist Hubert Kiecol weder der Minimal Art im klassischen Sinne noch der Konzeptkunst zuzuordnen.

Neben der Skulptur finden sich in Kiecols Werk auch Grafiken und Zeichnungen, deren Motive ebenfalls der Architektur entlehnt sind, aber neuerdings auch seine Beschäftigung mit der Astronomie zeigen. Nur wenige dreidimensionale Arbeiten entstehen im Jahr, denn Kiecol arbeitet sukzessive, ständiges Ausprobieren kennzeichnet seinen Arbeitsstil. Langsamkeit im Sinne von Konzentriertheit ist sein Motto, ein Gegenpol zur hektischen und fordernden Umwelt. In den neunziger Jahren entstanden raumgreifende Skulpturen aus Glas, Metall und Holz, immer wieder auch Elemente aus Beton. Die Leichtigkeit der neueren Materialien steht der Schwere und Bedächtigkeit des Betons gegenüber. Teilweise schwebend und luftig bilden die transparenten und offenen Glasinstallationen einen direkten Gegensatz zu den geerdeten, geschlossenen Betonskulpturen. Kiecols Arbeiten sollen nach seinen Worten auch Heiterkeit ausstrahlen ohne ins Pathetische abzugleiten.

Es gelingt Kiecol erstaunlich leicht, in den verschiedenen Werkgruppen diesen ambivalenten Ansatz zu verwirklichen, denn statt auf die Handschrift des Künstlers wird, durch die radikale Reduzierung und damit Objektivierung der Form, der Fokus auf komplexe Betrachtungsmöglichkeiten gelegt.

Die scheinbar vor der Wand schwebende Treppen-Skulptur bildet ein überschaubares Relief, welches durch die starke Verkleinerung zugleich entrückt wirkt. Eine weit entfernt stehende Treppe würde einen ähnlichen Eindruck hinterlassen. Menschen würden wie Ameisen auf ihr gehen, einzelne Ebenen wären erkennbar. So führen Kiecols Treppen beschwingt himmelwärts, wobei der Blick ebenso wie der Geist auf andere Ebenen geführt werden.

(Sammlung Museum für Gegenwartskunst Siegen)

Kirsten Schwarz


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