AUSSTELLUNG & SAMMLUNG zur Übersicht »

KUNSTWERK DES MONATS

Juni 2010

Diana Thater, Broken Circle, 1997/2001

Selten geht ein Kunstwerk eine solche symbiotische Verbindung mit der Architektur eines Museums ein wie die Videoinstallation „Broken Circle“ von Diana Thater. Im Museum für Gegenwartskunst Siegen hat die kalifornische Künstlerin das Innere des Treppenturms, welcher das Scharnier zwischen Alt- und Neubau darstellt, in eine be-gehbare, sich über mehrere Etagen erstreckende Projektionsfläche verwandelt.

Sowohl die leicht konkave, weiße Wand als auch die Fenster des Turmes sind Bestandteile des „Broken Circle“. Mit dieser Arbeit, welche in Münster im Rahmen von „Skulptur. Projekte“ im Jahr 1997 im mittelalterlichen Buddeturm erstmals zu sehen war und welche an die Begebenheiten des Siegener Museums angepasst wurde, gelingt Thater eine Synthese aus Film, Licht, Farbe, Architektur und Projektion. Es entsteht gleichermaßen eine konzeptuelle wie konkrete Verbindung zwischen Raum und Kunst, die in der Lage ist, eine aktive Auseinandersetzung des Publikums zu provozieren und zu fördern.

 

Westernpferde

In „Broken Circle“ zeigt Diana Thater dem Publikum aus unterschiedlichen Blickwinkeln eine Herde galoppierender Pferde in freier Natur. Doch das gewählte Motiv der Wildpferde zeigt nicht die ungezügelte und reine Natur, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Bereits nach wenigen Augenblicken des Betrachtens wird deutlich, dass die dargestellte Szenerie vollständig inszeniert ist. Dabei wird das Filmteam, das während seiner Aufbau- und Dreharbeiten ebenfalls aufgenommen wurde, neben den Pferden zu einem Bestandteil der gesamten Installation. Sowohl das Kamerateam als auch die Pferde stehen als Hinweis auf den immerwährenden Kontrast zwischen Natur und Kunst, der für Thaters Arbeiten charakteristisch ist. Die vermeintlichen Wildpferde, deren Heimat die Prärie Nordamerikas sein könnte, sind dressierte Schaupferde, die in Filmen, Serien und Shows ihre Auftritte haben.

Das Motiv der galoppierenden Pferde sowie der Blickwinkel, aus dem die einzelnen Videos aufgenommen wurden, erinnern an mittlerweile klassische Western- und Samuraifilme der 50er und 60er Jahre. Eine Assoziation, die von der Künstlerin beabsichtigt ist. Denn Diana Thater zitiert mit ihrem Video eine kurze aber typische Zwischensequenz aus Filmen von John Ford oder Akira Kurosawa. Beide Regisseure nutzten solche kurzen Einspielungen, in denen Pferde auf die Kamera zu und schließlich seitlich an ihr vorbei galoppierten, um die Dynamik der sich bewegenden Tiere auf die Kampfszenen ihrer Filme zu übertragen.

 

Die Aktivierung des Betrachters

Obwohl das Video des „Broken Circle“ als eine Hommage an Schwarzweißfilmklassiker der Filmgeschichte angesehen werden kann, verkörpert dessen Umsetzung innerhalb der Installation einen Gegenpol zur klassischen Betrachtungsweise von Film in Kino oder TV. Dem gewöhnlichen Video- oder Kinobild sitzt der Betrachter frontal gegenüber und verändert während der gesamten Präsentation seine starre Position nur minimal. Ein Umstand, der sich auch auf einen Großteil der Rezeption von Gemälden, Zeichnungen oder Fotografien übertragen lässt. Im Gegensatz dazu befreit Thaters Videoinstallation „Broken Circle“ das Publikum aus seiner ‚Gefangenschaft’. Thater zerbricht für die Installation den ursprünglichen Kreis eines 360-Grad-Panoramafilmes und fordert durch die Aufhebung der frontalen Bildbetrachtung die Aktivierung des Betrachters. Im Siegener Treppenturm kann er sich zwischen insgesamt sechs Projektionsflächen bewegen und seinen Standpunkt immer wieder neu variieren.

 

Abstraktion von Film und Zeit

Charakteristisch für das gesamte Œuvre von Diana Thater ist die künstlerische Auseinandersetzung mit den Medien Film und Video. Unter Zuhilfenahme der technischen Möglichkeiten des Films reflektiert sie in ihren Arbeiten das Medium an sich. Thaters Videoprojektionen erzählen keine Geschichten, sondern abstrahieren das Medium. „Film und Video sind Medien, die auf Zeit basieren, eine Abstraktion dieser Medien ist demnach eine Abstraktion der Zeit“, wie Diana Thater in einem Interview im Jahr 2007  dieses grundlegende Ziel ihrer Arbeiten beschreibt.

Und auch in „Broken Circle“ wird diese Abstraktion von Zeit deutlich. Für die Installation zerlegte die Künstlerin einen Panoramafilm, den sie mit insgesamt sechs Kameras aufgenommen hat, wieder in seine Segmente. Mit Hilfe von sechs Beamern, über drei Etagen verteilt, werden jene Bruchstücke unabhängig voneinander projiziert. Die chronologische Verbindung, die ursprüngliche Abfolge der Ereignisse, wird durch dieses Aufbrechen unumkehrbar aufgehoben. Thater zerbricht in ihrer Installation auf beeindruckende Weise den Fluss der Zeit und somit verliert die feststehende Reihenfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ihre Bedeutung. Wichtig ist nicht mehr, zu welchem Zeitpunkt etwas geschehen ist oder in welcher Reihenfolge es sich ereignet hat. Entscheidend ist, dass etwas passiert ist.                                           

(Sammlung Museum für Gegenwartskunst Siegen)

Dirk Müller


Öffnungszeiten

Täglich
Donnerstag
Montag
Feiertage
Neujahr

 

11–18 Uhr
11–20 Uhr
geschlossen
11–18 Uhr
14 – 18 Uhr


Preise

Erwachsene
Ermäßigt

5.90 €
4.60 €

Alle Preise ››

Kontakt

Museum für Gegenwartskunst Siegen
Unteres Schloss 1
57072 Siegen
t 0271 405 77-10
t 0271 405 77-0
f 0271 405 77 32
info@mgk-siegen.de