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Kunstwerk des Monats

Juli 2015

Tomás Saraceno, Untitled Net Sculpture, 2010

Unterschiedlich lange Abspannseile sind an den vier Wänden und der Decke befestigt und halten komplexe kugelförmige Gebilde. Diese sind ebenfalls aus dünneren, miteinander verknüpften Seilen geformt. Das größere Gebilde versperrt den Durchgang zum nächsten Raum und zwingt den Besucher, gebückt durch die Seile zu navigieren, fast zwangsläufig stößt man dabei an ein Seil und alles gerät in Schwingung.

Dem ersten Schrecken folgt die Faszination: Nichts wurde zerstört, stattdessen kann man die Vibration des Seiles durch das gesamte Objekt mit den Augen verfolgen. Manche Bereiche sind stark von der Bewegung betroffen, andere gar nicht. Sollte dieses Phänomen gewollt sein? Ein weiteres leises Anstoßen führt erneut zum Effekt der fortlaufenden Bewegung. Es entstehen Beziehungen innerhalb der Skulptur, eine Art stumme Kommunikation, die verschiedene Bereiche erfasst.

Die Vibration der kompliziert verknüpften Kugeln vermittelt das Gefühl einem Spinnennetz zuzuschauen, welches man versehentlich berührt hat. Fast erwartet man, die Spinne aus ihrem Versteck kommen zu sehen. Diese Assoziation will der Künstler und Architekt Tomás Saraceno (geb. 1973) mit den schlicht „Untitled Net Sculpture (Netzskulptur ohne Titel)“ benannten Raumskulpturen hervorrufen. Die genaue Struktur und die bis heute nicht wissenschaftlich erklärbare Komplexität  sowie  die Materialität von Spinnennetzen faszinieren Saraceno seit einigen Jahren. „Mich ließ der Gedanke nicht los, dass Astrophysiker eine Analogie zwischen der Struktur eines Spinnennetzes und der Struktur der Materieverteilung im Universum herstellen.“[1]

Die Idee, solch ein hochkomplexes Gebilde maßstabgetreu nachzubauen, führte zum Projekt für die Biennale Venedig 2009. Wie in den meisten seiner Projekte arbeitete Saraceno auch hier mit einigen Wissenschaftlern zusammen, um der Struktur der Netze auf die Spur zu kommen. Die 43.000 bekannten Spinnenarten unseres Planeten bauen teilweise sogar dreidimensionale Netze, diese interessierten ihn besonders. Um ein vergrößertes Modell eines solchen Netzes nachbauen zu können, musste dieses zuerst gescannt werden. Saraceno stellte fest, dass es zwar Denkmodelle zur Analogie von Spinnennetzen und der Entstehung des Universums gab, aber noch niemand hatte versucht, ein Modell eines Spinnennetzes als sinnlich erfahrbares Objekt herzustellen.

Zunächst ließen Saraceno und der Arachnologe Peter Jäger eine schwarze Witwe ein Netz in einem Plexiglaskubus bauen, da dieses später von allen Seiten gescannt werden sollte. Nach aufwendigen Versuchen das Netz zu scannen (Spinnenfäden sind nur 0,0004 mm stark) setzte man schließlich Laser ein und bestimmte so die Knotenpunkte des Netzes.[2] Diese wurden dann als Orientierungspunkte für Saraceno und sein Team markiert und bildeten damit die Grundlage für die wochenlang dauernde, präzise Verknüpfung der flexiblen Nylonseile. Dieses anschauliche, vergrößerte Spinnennetz hält für den Besucher eine neue Erfahrung des bekannten Spinnennetzes bereit. Die sich offenbarende Ästhetik und die Platzierung  des Modell-Netzes innerhalb eines objektiven Ausstellungsraums lassen keine Arachnophobie mehr zu. Saracenos Intention verbindet Ästhetik und Wissenschaft: “Ich bin hauptsächlich an der ästhetischen Dimension evolutionärer Prozesse interessiert“, sagt Saraceno.[3]

Die Plexiglas-Kuben baut Saraceno mittlerweile für viele verschiedene Spinnenarten, da jede ein anders aufgebautes Netz webt.  Diese natürlich entstandenen Kunstwerke präsentiert er in Ausstellungen um dem Besucher die Möglichkeit zu geben, ein solches Netz – und oft auch deren gerade stattfindende Gestaltung – genau zu betrachten (wie in der Arbeit Tucana, 2013 in dieser Ausstellung). Oft lässt er nacheinander zwei Spinnenarten ein Netz weben oder er dreht den Kubus, um zu sehen, in welche Richtung die Spinne weiterbauen wird.

Der in Argentinien geborene, in Italien aufgewachsene und mittlerweile in Deutschland lebende Saraceno sieht sich als Weltbewohner. Er möchte mit seiner Arbeit deutlich machen, dass wir heute auf der ganzen Welt miteinander in Verbindung stehen. Nicht nur durch das Internet, sondern auch durch Aktionen, die Auswirkungen in anderen Ländern haben, durch globale Umweltprobleme, aber auch durch die Möglichkeit, diese allen bewusst zu machen und gemeinsam an ihrer Lösung zu arbeiten. Saraceno selbst zeigt anhand von Modellen wie Wind-und Sonnenenergie uns eines Tages die Möglichkeit geben könnten, in fliegenden Städten hoch über der Erde zu leben (Cloud Cities, in Orbit) oder wie neue Transportmittel aussehen könnten (Ballons, Luftschiffe, Riesen-Kites, space elevators).[4] All diese utopischen Objekte realisiert Saraceno mithilfe von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Mitarbeitern und seiner Fähigkeit all diese Menschen zu überzeugen und zu begeistern.

Kirsten Schwarz


[1] Zitat Saraceno aus: T. Saraceno, P. Jäger: Unser Kosmos ist (fast) wie ein Spinnennetz, in: Senckenberg - natur - forschung - museum, 142 (5/6), 2012, S. 227.
[2] s. Anm. 1, S. 223
[3] Zitat aus: ISSUU -Venice Catalogue by Tomas Saraceno, S. 95, www.issuu.com/tomas.saraceno/venice_catalogue. Übersetzung Verf.
[4] s. Beispiele seiner Arbeit in ISSUU - Venice Catalogue, s. Anm. 3, S.105 ff.


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