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Kunstwerk des Monats

Juli 2014

Carlos Garaicoa, "Lo Viejo y lo Nuevo (IX)“, 2010

Dieses Kunstwerk war in der Ausstellung „Was Modelle können“ (29.6.-12.10.2014) im Museum für Gegenwartskunst Siegen ausgestellt.

„Lo Viejo y lo Nuevo, das Alte und das Neue“ – zwei Begriffe, die starke Assoziationen hervorrufen. Vergangenheit und Zukunft, Verfall und Erneuerung, Vergessenes, Aufbruch und Entwicklung. Alt und neu bezeichnet Gegenläufiges, und dennoch geht das eine aus dem anderen hervor, ist eine Zukunft ohne Vergangenheit nicht möglich.

Carlos Garaicoa spricht in seiner Arbeit „Lo Viejo y lo Nuevo eben diese Gegenläufigkeit, aber auch die Verbundenheit von Altem und Neuem an. Seine Modelle sind Gebilde aus hellen und dunklen Architekturen, aus Karton herausgeschnitten und aufgefaltet. Die hellen Strukturen sind ursprünglich französische Stiche aus dem 19. Jahrhundert, die schwarzen per Hand geschnittene moderne Formen. Beide sind ineinander verschränkt und scheinen sich gegenseitig zu stützen, sie könnten nicht für sich bestehen – und dennoch wirken sie in ihrer Verschlungenheit als Gebäude nicht funktional.

Die von Garaicoa benutzten französischen Stiche zeigen vor allem Käfige, Ställe und andere Behausungen, die für Tiere geschaffen wurden. Bei diesen Gebäuden war auch der ästhetische Gedanke wichtig, haben sie doch auch den Zweck der Dekoration zu erfüllen. Käfig und Tier wurden so zu lebendigen Skulpturen. Garaicoa setzt dazu seine eigenen Bauten aus schwarzem Karton, die weit weniger verspielt, sondern eher funktional und düster wirken.

Das Alte und das Neue, so lautet auch eine marxistische Maxime. Der Film Die Generallinie (Originaltitel Staroye i novoye, auf Deutsch: Das Alte und das Neue) von Sergei Eisenstein aus dem Jahr 1929 ist ein sowjetischer Propagandafilm, der die schlechte, alte Ordnung des Zarenreiches mit der guten, neuen des (künftigen) Kommunismus, konfrontiert.

Carlos Garaicoa wächst in einem Kuba auf, in dem die erste romantische Aufbruchsstimmung nach der Revolution verflogen ist. Das amerikanische Embargo und schließlich der Zusammenbruch der UdSSR stürzten Kuba in eine wirtschaftliche Krise, von der sich das Land bislang noch nicht zu erholen vermochte. 

Havanna ist immer wieder der Ausgangspunkt für Garaicoas Arbeit. Die zehnteilige Fotoserie Frases/Phrases (2009) dokumentiert alte Warenhäuser und Geschäfte in Havanna, die einst so klangvolle Namen wie „La Republica“, „La Epocha“ oder „El Arte“ trugen. Mit der Arbeit Lo Viejo y lo Nuevo verbindet Garaicoa sinnbildhaft die alte und die neue Ordnung, hier modellhaft repräsentiert durch historische Gebäude einerseits und moderne, sozialistische Neubauten andererseits. Beide Gebäudetypen erfüllten einst vor allem den Zweck der Repräsentation. Von beiden sind nur noch Ruinen übrig. Während die Altbauten von einer glanzvollen Vergangenheit erzählen, stehen die sozialistischen Ruinen für Garaicoa vor allem für eine „unfähige Gegenwart“, sie sind „Ruinen der Zukunft“ (Carlos Garaicoa im Gespräch mit Holly Block, BOMB Magazine, Nr. 82, Winter 2003). 

Architekturmodelle wie Lo Viejo y lo Nuevo oder Campus o la Babel Conocimento (2002), das auf der documenta 11 gezeigt wurde, rufen Erinnerungen an vergangene Zeiten oder utopische Städte wach. Die Arbeit Now Let’s Play to Disappear (II), die in einer Kirche in Arnheim installiert war, beschäftigte sich mit der örtlichen Vergangenheit. Eine Modellstadt aus Kerzen brannte stetig nieder und mahnte an die Bombardierung Arnheims im Zweiten Weltkrieg. Die Serie Nuevas arquitecturas (2003) besteht aus Papierlaternen, die von innen her beleuchtet sind und sich im Raum zu einer Stadt zusammenfügen.

Architektur und im weiteren Sinne die Stadt sind bei Garaicoa ein symbolischer Ort, wo sich Aufstieg und Verfall, Vergangenheit und Zukunft, Hierarchie versus Egalität manifestieren. Gescheiterte Systeme und Ideologien hinterlassen eine Ruinenlandschaft, nicht nur, was die städtische Architektur betrifft, sondern auch in Hinsicht auf ökonomische und gesellschaftliche Strukturen. Mit ihrem Zerfall bietet sich aber auch der Raum für neue Ideen und möglicherweise für ein Utopia.

Ines Rüttinger


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